Fragestunde im Stadtrat

Projekt in Penzberg: Klares Votum für Marvel Fusion - das sagen Wissenschaftler zum Kraftwerk

Auf einer großen Leinwand in der Stadthalle Penzberg werden während der Stadtratssitzung zu Marvel Fusion zwei Wissenschaftler live per online zugeschaltet.
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Die Wissenschaftler waren online im Stadtrat zugeschaltet.

Penzberg – Im Penzberger Stadtrat äußerten sich erstmals Wissenschaftler zu den Fusionskraftwerks-Plänen von Marvel Fusion im Nonnenwald. Kernaussage der Experten: Die Stadt sollte den Mut haben, die neue Technologie mit einem Grundstücksverkauf zu unterstützen.

Nach 1,5 Stunden brandete in der Stadthalle Applaus von den Stadträten auf. Soeben hatten Ursula Kastl (ehemalige Strahlenschutzbeauftragte bei Roche), Prof. Dr. Hartmut Zohm (Plasmaphysiker am Max-Plack-Institut in Garching) und Prof. Dr. Reinhard Kienberger (Laserfachmann an der TU München) ausgiebig Fragen von Bürgern und Lokalpolitikern zu Marvel Fusion beantwortet. Das Start-Up will eine drei Hektar große Fläche im Nonnenwald von der Stadt erwerben und dort mit Forschung und Entwicklung eines lasergestützten Fusionskraftwerks beginnen. Das Projekt ist allerdings umstritten.

Grenzwerte bei Strahlung

Grundsätzlich sahen die drei Experten das Fusionskraftwerk technisch nicht als gefährlich an. Der Ansatz von Marvel Fusion sei ein „durchaus gangbarer Weg“, erklärte Kienberger. Die ehemalige Strahlenschutzbeauftragte Kastl verwies zudem auf die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte für solche Anlagen. Ohne deren Einhaltung gebe es gar keine Genehmigung. Beim Betrieb macht sich Kastl keine Sorgen: „Wenn der Strom weg ist, fällt das Ganze in sich zusammen.“ Auch Plasmaphysiker Zohm sieht keine Gefahr, dass sich das Kraftwerk selbst zerstört. Überhaupt: Die dortige Radioaktivität sei eher mit der Röntgentechnik eines Krankenhaus „zu vergleichen“, so Zohm.

„Ganz klar“ zivile Nutzung

Eine mögliche Nutzung der Laser- und Fusionstechnik durch das Militär beschäftigt ebenfalls die Kritiker. Das Unternehmen stehe „ganz klar“ für eine zivile Nutzung, ist sich Zohm sicher. Ein Umschwenken auf die Rüstung sei nicht so einfach möglich, dafür brauche es eine Genehmgiung. Kienberger sah einem Scheitern der Kraftwerkspläne gelassen entgegen. „Dann steht zumindest ein Hochleistungslaser da“, erklärte er – „davon gibt es nicht viele auf der Welt.“

Zeitplan „sehr sportlich“

Kritischer sahen die Wissenschaftler dagegen das angepeilte Zeitfenster von Marvel Fusion. Spatenstich ist schon für heuer geplant, 2023 soll die Demonstrationsanlage in Betrieb gehen, ab 2028 der Prototyp eines Fusionskraftwerks entwickelt werden. Am Schluss, ab 2030 oder später, stehe ein kommerzielles Fusionskraftwerk – aber nicht im Nonnenwald. Die Firma verspricht anfangs bis zu 150 Arbeitsplätze sowie 500 Jobs bis 2028. Auch wird die Ansiedlung von Zulieferern angekündigt. Nach eigenen Angaben sollen 200 bis 300 Millionen Euro investiert werden. Für das Kraftwerk wird später mit 1,5 bis zwei Milliarden Euro gerechnet. Wissenschaftler Zohm („Das Ziel ist zu unscharf“) nannte das Zeitfenster „sehr sportlich“. Zumindest das Jahr 2030 sei nicht realistisch. Zohm räumte aber ein, dass die Zahlen zu Investitionen und Personal eine „richtige Größenordnung“ seien.

„Für Penzberg verkraftbar“

Am Ende machten die drei Fachleute allerdings klar, dass sie das Projekt ruhigen Gewissens empfehlen können. „Die Leute sind als Wissenschaftler seriös“, betonte Physiker Zohm. „Und sie haben offensichtlich Geld dafür.“ Die Risiken liegen „klar auf Unternehmerseite“. Kollege Kienberger sagte mit Blick auf die Infrastruktur: „Die Firma ist in dieser Größe für Penzberg verkraftbar.“ Und für die Strahlenschutzexpertin Kastl ist es eine große Chance: „Wir können berühmt werden hier.“ Am Ende gab es nicht nur Applaus. Unter den Stadträten wurde ernsthaft diskutiert, ob man nicht gleich einen Beschluss zu Marvel Fusion fassen will. Doch das hielt Bürgermeister Stefan Korpan (CSU) für verfrüht: Er kündigte für Januar eine Sondersitzung an.

Kritisches von Klimaschützern

Im Vorfeld der Stadtratssitzung hatte sich auch das Penzberger Aktionsbündnis Klimaschutz (PAK) zu Marvel Fusion zu Wort gemeldet. Beim PAK hat man zwiespältige Gefühle, was das Fusionsprojekt anbelangt. Man wisse, dass die Chance einer CO2-freien und neutronenarmen Kernfusion zwar bislang nicht hoch eingeschätzt werde, „dass es sie aber durchaus gibt“, teilt das Bündnis mit. „Gerade mit Blick auf die sich rasant entwickelnde Lasertechnologie kann der Traum durchaus wahr werden“, meint PAK-Aktiver Konrad Kürzinger, „wohl aber nicht innerhalb des extrem optimistischen Zeitrahmens, den die Firma nennt.“ Und sein Mitstreiter Klaus Jäger ergänzt: „Uns ist ja durchaus bewusst, dass zusätzliche Energie weltweit gebraucht werden wird.“ Allerdings sei die Begeisterung für die Bewerber auf das letzte Penzberger Industriegrundstück gedämpft, heißt es vom Aktionsbündnis. „Vertrauen will einfach nicht wachsen.“ Das PAK wirft Marvel Fusion „unrealistische Zeitangaben“, eine unzureichende Erklärung der angestrebten Technologie, nicht nachvollziehbaren Platz- und Strombedarf sowie unterschiedlich genannte Investitionssummen vor. „Die Aussagen sind schwer einschätzbar, das nährt Misstrauen. Manche fragen sich, ob bei so viel diffuser Informationsstrategie nicht ganz andere Interessen verfolgt werden“, so das PAK.

Lieber andere Firma suchen

Die Penzberger Klimaschützer hat die Infopolitik des Unternehmens im Lauf der Wochen ermüdet. „Wenn man bei der Bitte um einen Austausch per Videokonferenz antwortet, dafür habe man keine Ressourcen, dann muss ich für die Firma hoffen, dass dies nicht wahr ist“, wird Hannelore Jaresch, Vorsitzende der Penzberger BN-Ortsgruppe, in einer Pressemitteilung zitiert. Das PAK rät der Stadt, auf ihrem Weg zur Klimaneutralität darüber nachzudenken, wen man umgekehrt denn auf dem Grundstück gern sehen würde. „Jemanden, der ins ,Medical Valley‘ passen würde oder in Anknüpfung an die Energievergangenheit ein umwelttechnologisches Unternehmen mit mittelständischer Struktur. Immer aber jemanden mit plausiblen Prognosen, mit abschätzbarer Mitarbeiterentwicklung und mit einer Vorstellung, was er zum Gemeinwohl beitragen kann, wenn schon keine absehbare Gewerbesteuer.“ Andreas Baar

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