Suche nach dem Mittelweg

Klimaschutz im Moor: Wissenschaftler messen Gase und spielen mit dem Wasser

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„Wir wollen keinen Dissens mit den Landwirten“: Matthias Drösler erklärt, was er und seine Leute derzeit im Loisach-Kochelsee-Moor genau machen.
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„Der Mo is scho interessant“: Landwirt Balthasar Haslinger (links) zeigte sich erst skeptisch, weil er befürchtete, eine Fläche zu verlieren. 
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Doch Matthias Drösler, der mit Johannes Friedrich und Clarisse Bernier (von rechts) die Treibhausgase misst, konnte ihn letztlich von dem Forschungsprojekt im Moor überzeugen.

Benediktbeuern – Wer derzeit durch das Loisach-Kochelsee-Moor streift und neben dem Wegesrand ein paar Gestalten neben weißen Plastikhauben kauern sieht, der sollte an die Bienen denken. Ohne das Volksbegehren zu deren Rettung wären die Gestalten aus dem Moor nämlich überall, nur nicht hier. Nachdem aber die Bayern vor gut einem Jahr ihrer Staatsregierung nicht nur den Auftrag zur Bienenrettung, sondern überhaupt zu einem verstärkten Umwelt- und Klimaschutz erteilt hatten, machte sich in den Ministerien hektische Betriebsamkeit breit. Bis zum Jahr 2030, so hieß es plötzlich, soll Bayern klimaneutral werden. „Das geht aber nicht nur durch die CO2-Reduzierung. Man muss auch versuchen, bereits vorhandenes CO2 nicht in die Erdatmosphäre treten zu lassen“, sagt Matthias Drösler. Der Professor der Hochschule Weihenstephan Triesdorf (HSWT) ist so etwas wie der bayerische Moorpapst und obendrein der Chef der Gestalten neben dem Wegesrand.

Gleich neben dem Segelflugplatz im Benediktbeurer Moor hat sich eine bunt gemischte Gruppe versammelt. Umweltmenschen sind darunter, aber auch Landwirte, Dröslers Forschungsteam und Pater Karl Geißinger. „Die Leute fragen sich, was denn da im Moor los ist. Und diese Fragen sind berechtigt“, sagt der Rektor des Zen­trums für Umwelt und Kultur (ZUK). Deshalb hat Drösler ein paar Schautafeln auf dem weichen Untergrund aufgebaut. Er fängt bei Grundsätzlichem an und erklärt, dass Moore einer der wichtigsten CO2-Speicher sind. Er sagt aber auch, dass Moore viel CO2 freisetzen, wenn sie trockengelegt werden, um etwa die Flächen landwirtschaftlich nutzbar zu machen.Und er nennt eine interessante Zahl: „In Bayern stammen etwa sieben Prozent der Treibhausgasemission aus den Mooren, obwohl der Flächenanteil der Moore in Bayern nur drei Prozent beträgt.“ Angesichts dessen, sagt Drösler, „ist das, was wir hier machen, sehr politikrelevant“. 

Der Professor und seine Studenten und Doktoranden untersuchen nämlich, wie viel Kohlendioxid, Methan und Lachgas auf der Moorfläche neben dem Segellfugplatz in die Atmosphäre entweichen. Und die hochsensiblen Messgeräte, die dafür erforderlich sind, haben Clarisse Bernier, die unter Drösler soeben ihren Doktor gemacht hat, und ihr Praktikant Johannes Friedrich unter den weißen Plastikhauben in Position gebracht. Bereits seit 5 Uhr in der Früh sind die beiden hier zugange, weil sie Gasflüsse zu den unterschiedlichen Tageszeiten ermitteln und in den Plastikhauben einfangen wollen. Dabei ist klar: Je nasser ein Moor, desto weniger Gas entweicht daraus.

In Benediktbeuern geht es bei dem von Drösler geleiteten Forschungsprojekt „KliMoBay“, was für „Klimaschutz und Anpassungspotenziale in Mooren Bayerns“ steht, aber nicht darum, eine komplette Wiedervernässung und somit den ökologischen Idealzustand herzustellen. „Wir wollen, dass unserer Klosterland auch weiter landwirtschaftlich genutzt wird“, sagt Pater Geißinger. Daneben steht Balthasar Haslinger und weiß nicht recht, was er davon halten soll. Seit mittlerweile 40 Jahren hat Haslinger die Fläche, auf der jetzt die Plastikhauben stehen, vom Kloster gepachtet. Er bewirtschaftet sie extensiv, den Ertrag verwendet er als Futter für sein Jungvieh. „Für mich ist diese Fläche nicht ganz unwesentlich“, sagt er. In seiner Stimme schwingt die Befürchtung mit, dort die längste Zeit gemäht zu haben, weil der Professor aus Weihenstephan der CO2-Bilanz wegen hier möglicherweise alles unter Wasser setzten will. „Nein“, entgegnet ihm Matthias Drösler, „genau das wollen wir nicht. Wir wollen keinen Dissens mit den Landwirten, sondern gemeinsam eine Lösung finden.“ Ihm und seinen Moorleuten gehe es vielmehr darum auszuloten, wie hoch der Wasserstand maximal sein kann, damit Haslinger mit seinen Geräten noch ungestört arbeiten kann. „Ein Mittelweg wäre schön“, hatte Haslinger zuvor gemeint. Drösler nickt und sagt: „Ich glaube, das kriegen wir hin.“ 

Unter diesem Aspekt ist die von Haslinger gepachtete Fläche für den Professor aus Weihenstephan ein Glücksfall, weil im Boden bereits Drainagerohre verlegt sind. Diese Rohre erlauben es, mit dem Wasser zu spielen und den Pegelstand ganz behutsam zu erhöhen, um so herausfinden, was für das Klima und Bauer Haslinger gleichermaßen gut ist. Nicht zuletzt deshalb betont Pater Geißinger, dass dieses Forschungsprojekt „eines der wichtigsten der letzten Zeit ist“. 

Matthias Drösler hält einen Stock in die Höhe, den er kurz zuvor etwa einen Meter tief in Haslingers Wiese gerammt hat. Der Hohlraum des Stocks ist jetzt mit Torf gefüllt. Der Laie erkennt darin nichts Besonderes, Drösler aber sieht ganz unten zersetztes Schilf. „Diese Schicht ist etwa tausend Jahre alt“, sagt er. Darin wird das Treibhausgas gespeichert. Und weil die gesamte Probe ziemlich feucht ist, kommt der Moorpapst zu dem Schluss, dass es hier unter ökologischen Aspekten noch ganz gut aussieht. Im Donaumoos hingegen, so fährt der Professor fort, kenne er Flächen, die in Folge der Entwässerung so weit abgesunken sind, dass dort keine Bewirtschaftung mehr möglich sei. 

Drösler kommt jetzt noch einmal auf die Politik zu sprechen und das in Bayern ausgerufene Ziel der Klimaneutralität bis 2030. „Das kann für die Bauern auch eine große Chance bedeuten“, sagt Drösler und denkt laut darüber nach, dass sich die Landwirte durchaus als Servicedienstleister für den Klimaschutz verstehen könnten. Auch eine Auszeichnung als „Klimawirt“ sei denkbar, und Drösler ist als Moorpapst nah genug dran an der Politik, dass er auch das sagen kann: „Und wenn es zu Einschränkungen in der Bewirtschaftung kommt, dann werden dafür Ausgleichszahlungen gewährt.“ Die Moore, so lautet die Botschaft, sind ein Pfund, mit dem Politik mehr als bisher wuchern möchte. Haslinger nickt zu Drösler hinüber und meint: „Der Mo is scho interessant.“ la

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