Im zweiten Leben

Vom Tor vor die Leinwand: Museum Penzberg zeigt den Kunstmaler Rudi Kargus

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Metamorphose zwischen Sport und Kunst: Rudi Kargus in seinem Atelier in Quickborn, sein im Museum Penzberg gezeigtes Werk „Drei übliche Verdächtige“ und er an der Seite von Willi Reimann nach dem Finalsieg gegen den RSC Anderlecht im Europapokal der Pokalsieger am 11. Mai 1977.
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Metamorphose zwischen Sport und Kunst: Rudi Kargus in seinem Atelier in Quickborn, sein im Museum Penzberg gezeigtes Werk „Drei übliche Verdächtige“ und er an der Seite von Willi Reimann nach dem Finalsieg gegen den RSC Anderlecht im Europapokal der Pokalsieger am 11. Mai 1977.
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Metamorphose zwischen Sport und Kunst: Rudi Kargus in seinem Atelier in Quickborn, sein im Museum Penzberg gezeigtes Werk „Drei übliche Verdächtige“ und er an der Seite von Willi Reimann nach dem Finalsieg gegen den RSC Anderlecht im Europapokal der Pokalsieger am 11. Mai 1977.

Penzberg – Es war ein kalter Februarsamstag im Jahr 1983, als der 1. FC Nürnberg gegen den VfB Stuttgart in der Bundesliga mit 0:3 unter die Räder kam. Hätten die Schwaben fünf Tore geschossen, hätte sich auch niemand beschwert: Asgeir Sigurvinnson und Hermann Ohlicher vergeben jeweils einen Elfmeter. Dabei schießen sie aber nicht an den Pfosten oder auf die Tribüne, sondern scheitern am Mann im Nürnberger Tor, Rudi Kargus. „Echt?“, fragt Kargus, „da kann ich mich gar nicht mehr dran erinnern.“

Und dann beginnt er, der zu seiner Zeit, die vom Beginn der Siebziger- bis Ende der Achtzigerjahre reichte, als Kargus einer der drei besten deutschen Torhüter war, zu erzählen, über den Sport, der in seinem Gedächtnis immer mehr verblasst, und die Kunst, die ihn nun erfüllt. Rudi Kargus malt Großformatiges, Zeitgenössisches auf hohem Niveau, drei seiner Arbeiten sind nun im Museum Penzberg ausgestellt, wo gerade die Ausstellung „Rasenglück“ zu sehen ist. Und weil dort die Geschichte des von Karl Wald quasi erfundenen Elfmeterschießens thematisiert wird, ist es naheliegend, dass auch der Elfmetertöter, der jetzt ein Künstler ist, dort vertreten ist.

Kein Fußballer, sondern ein Kunstmaler mit Pinsel

„Mittlerweile geht‘s, aber früher konnte ich es nicht mehr hören“, sagt Kargus, wenn man ihn auf den Elfmetertöter anspricht, wo er doch einer war, der alleine in der 1. Liga genau 76 Mal einem Elfmeterschützen gegenüberstand und 24 Mal der Sieger blieb, bis heute ist keiner besser. Kein Neuer, kein Illgner, kein Köpke. Der NDR hat eine Reportage über Kargus vor zwei Jahren mit „Der Elfmetertöter mit dem Pinsel“ überschrieben. Wenn man ihn daran erinnert, stöhnt er. Man möge ihn, bittet er, von so was verschonen, weil mit dem Fußball, ja, mit dem habe er wirklich abgeschlossen. Gut, beim HSV, wo sie ihn zur Ikone erhoben haben, weil er 1976 den DFB-Pokal, 1977 den Europapokal der Pokalsieger und 1979 die deutsche Meisterschaft gewonnen hat, schaut er immer wieder mal vorbei, Kargus wohnt ja nicht weit entfernt, in Quickborn. „Aber seit die in der 2. Liga spielen, gehe ich nicht mehr so oft ins Stadion“, sagt er im weichen, melodischen Dialekt seiner Heimatstadt Worms. 

„Ich habe mich dabei einfach gut gefühlt“

Nach 408 Spielen in der 1. Liga machte er das, was die meisten Ex-Profis machen: den Trainerschein. Zwar wurde Kargus Anfang der Neunzigerjahre Chef-Jugendtrainer beim HSV, doch hatte er da schon begonnen, über den Tellerrand des Fußballs hinauszublicken. „Ich bin viel gereist und habe mich mit Literatur und Theater beschäftigt, alles Dinge, für die du einfach keine Zeit hast, wenn du 20 Jahre lang Fußballprofi bist“, sagt er. Irgendwann hat er dann mal eine private Kunstschule besucht und war fasziniert von den Möglichkeiten, die einem die Malerei bietet. „Ich habe mich dabei einfach gut gefühlt“, erinnert er sich. Mit Jens Hasenberg von der Kunstschule Blankenese fand Kargus schließlich einen Mentor, der ihn noch heute fördert. 

Versunken an der Leinwand

Ende der Neunzigerjahre beschloss Kargus dann, „ernsthaft mit der Malerei weiterzukommen“, wie er das nennt. War die Kunst in seinem ersten Leben quasi nicht präsent, so ist sie für ihn jetzt das, was der Fußball früher war, der absolute Mittelpunkt seines Lebens. Kargus begreift die Kunst als Erfüllung und Arbeit zugleich. Fünf Tage steht er in der Regel pro Woche im Atelier, weil er, der Seiteneinsteiger, noch immer, selbst mit bald 68 Jahren, das Gefühl hat, besser werden zu müssen. „Ich möchte vor der Leinwand eine Antwort finden auf die Probleme, die sich mir stellen“, meint er und beginnt plötzlich zu lachen. Ja, so räumt er ein, die Intensität, mit der er sich nun der Malerei widmet, könne man schon mit früher vergleichen, als er beim Aufwärmen im Stadion wie in einen Tunnel eintauchte und alles, was um hin herum geschah, einfach ausblendete. Das sei heute nicht anders, wenn er vor der Leinwand in seinem Tun versinkt: „Da kommt einer herein und fragt mich was, und ich gebe einfach keine Antwort, weil ich das gar nicht höre.“ 

Malerei als Freiheit

Wenn Kargus malt, dann tut er das kraftvoll, ausdrucksstark und befreit von Zwängen vergangener Zeiten. „Seine Gemälde stecken inhaltlich und formell voller Brüche. Und er inszeniert Figur und Raum, so dass beides gleichermaßen Bedeutung erhält“, sagt der Hamburger Galerist Thomas Holthoff. Kargus verzichte in seinen Bildern strikt auf allegorische Raffinessen, Spachtelungen und Übermalungen seien ihm wichtiger als glatte Oberflächen. Im übertragenen Sinne sieht man hier durchaus seinen persönlichen Gegenentwurf zur glatten Zeit als Fußballprofi. „Für mich ist die Malerei vor allem die Freiheit, genau das machen zu dürfen, was ich gerne möchte“, sagt Kargus. Damals, als Torwart in der Bundesliga und der Nationalmannschaft, in der aber an dem allmächtigen Sepp Maier nie vorbeikam, hat er stets einen großen Druck verspürt. Den Druck, nicht versagen zu dürfen. „Das ist nun völlig weg“, schnauft er durch und erinnert sich plötzlich doch an zwei Elfmeter, die zu halten ihm besonders im Gedächtnis geblieben sind: 1975 im Achtelfinale des UEFA-Cups bei Dynamo Dresden, wo er dem HSV mit zwei Paraden das Weiterkommen sicherte. Das war‘s dann aber auch schon mit der fußballerischen Heldenverehrung: „Das war im ersten Leben, die Malerei ist mein zweites“, sagt Kargus. la

Die Ausstellung „Rasenglück“ ist bis 4. Oktober (Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr) zu sehen. Wegen Corona ist die Anzahl der gleichzeitigen Besucher auf 15 Personen begrenzt, die einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen.

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