Europa kann von Penzberg lernen

Jubiläumssitzung des Penzberger Stadtrates: Erinnerung an eine bewegte, nicht einfache Zeit

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Würdiger Rahmen: In der Stadthalle versammelten sich viele Penzberger zur Jubiläumssitzung des Stadtrates.

Penzberg – Kohlenstoff lag in der Luft, als Männer mit Zwirbelbärten die Geschicke der Stadt in die Hand nahmen, zwölf Männer und zwei Frauen, die vor 100 Jahren in den Stadtrat gewählt wurden. Ein Blick in die rußgeschwärzte Vergangenheit von Penzberg in der Jubiläumssitzung des Stadtrates.

Um das mal gleich klar zu stellen: Penzberg war, als es gerade zur Stadt erhoben war, ziemlich hässlich und dreckig, die Menschen waren abgemagert, mit Lumpen an den Füßen. Kein schöner Anblick. Dies müsse man sich stets vor Augen halten und dann seine eigene Lebenseinstellung womöglich hinterfragen. „Wir sind heute nur deshalb häufig so unzufrieden, weil wir die Geschichte nicht kennen“, sagt Reinhard Heydenreuter. Der ehemalige CSU-Stadtrat, Jurist und Historiker ist einer der profundesten Kenner der bayerischen Geschichte. Als gebürtigem Penzberger, dessen Großvater Albert Winkler anno 1919 obendrein dem allerersten Stadtrat angehörte, oblag es ihm, bei der Jubiläumssitzung des Stadtrates am Mittwochabend in der Stadthalle an jene Zeit vor einhundert Jahren zu erinnern, als Penzberg zur Stadt erhoben wurde. 

Rußgeschwängerte Luft

Es waren bewegte Tage, als Penzberg am 1. März 1919 zur Stadt ernannt wurde. In Bayern herrschte die Räterepublik, so kurz nach dem Ersten Weltkrieg, als alles im Umbruch und die Bevölkerung in Aufruhr war, gehörten sogar die Bayern zu den Linken, wie Heydenreuter ausführte. Und die Luft war dermaßen rußgeschwängert, dass, wie Heydenreuter mit Augenzwinkern anmerkte, noch heute jeder gebürtige Penzberger gegen die Feinstaubbelastung resistent sei. 

Stadtrat anno 1919: zwölf Männer, zwei Frauen

Bereits im November 1918 hatte sich in Penzberg ein selbst ernannter Volksrat gebildet, der fortan die Geschicke der Bergarbeitersiedlung lenkte und am 15. Februar 1919 das Glückwunschtelegramm des bayerischen Innenministers Erhard Auer entgegennahm. Darin war zu lesen: Zum 1. März 1919 wird Penzberg zur Stadt erhoben. Am 30. März fanden dann die ersten Kommunalwahlen statt, Hans Rummer wurde zum Bürgermeister gewählt. Doch ein neues Selbstverwaltungsgesetz machte bereits im Juni eine Neuwahl erforderlich. Erstaunlich dabei: In den 14-köpfigen Stadtrat wurden dabei für die SPD auch zwei Frauen gewählt, und mit Albert Winkler hatte nur einer der Männer keinen der damals so angesagten Zwirbelbärte. 

Genetisch veranlagte Integration

Das Bergwerk und die Bergarbeiter: Sie dienten einander wechselseitig als Feindbilder, weshalb der erste Stadtrat das Bergwerk auch umgehend enteignen und in den Besitz des Volkes überführen wollte. Das Bergwerk und die Bergarbeiter: Das eine bedingte einen steten Zuzug, auch aus dem Ausland, und die anderen waren zur Integration gezwungen. Ein Grund, weshalb es 1919 in Penzberg, gemessen an der Einwohnerzahl, die meisten Vereine in ganz Bayern gab. „Die Vereine befördern die Integration, und deshalb ist die Integration in Penzberg genetisch veranlagt“, sagte Heydenreuter. Aus diesem Grunde rief er auch aus: „Penzberg kann nicht europäischer werden, aber Europa könnte sich ein Beispiel an Penzberg nehmen.“ 

Die Stadt im Jahr 2044

Bürgermeisterin Elke Zehetner blickte im Gegensatz zu Heydenreuter nach vorne und entwickelte ihre Visionen für die Zukunft, wobei sie das Jahr 2044 im Visier hatte. „Dann wird die Stadt 125 Jahre alt sein und die Digitalisierung das Leben der Menschen stark verändert haben“, sagte sie. Und: „Die künstliche Intelligenz wird ein fester Bestandteil des Alltags sein.“ Dabei dürfe man trotz aller selbst fahrenden Elektroautos, die es einem ermöglichen, auf dem Weg zur Arbeit schon die erste Videokonferenz abzuhalten, auch in Penzberg nicht vergessen, „dass die Schere zwischen den Bevölkerungsschichten nicht zu weit auseinander klafft“. 

Das Penzberger Bergwerk-Herz

Musikalisch begleitet wurde der Abend von einem Streicherensemble der Musikschule unter Leitung von Pia Janner-Horn sowie Markus Bocksberger, Gerhard Prandl, Tom Sendl und Michael Wiesner, die das alte „Oh, Du mein Penzberg“ der Gebrüder Rassinger, die auf Penzberg umgedichtete Fendrich-Hymne „Weilst a Herz hast wie a Bergwerk“ sowie den eher unsäglichen Stadtjubiläumssong „Unser Penzberg“ anstimmten, nachdem zur Einstimmung auch der gelungene Jubiläumsfilm von Christian Podolski gezeigt worden war. la

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