Kompensationsgeschäft

Kohlenstoffdioxid-Schleuder Eismärchen: Kleinen will TV-Geräte abschalten, Eberl setzt auf Platten

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Unstrittig, weil von der Bevölkerung hervorragend angenommen: Im Dezember soll es wieder ein Eismärchen auf dem Stadtplatz geben – ob auf CO2-fressendem echten Eis oder Platten aus Kunststoff, steht aber noch nicht fest.

Penzberg – Eine riesige Eisfläche vor dem Rathaus, darauf Kinder, die in Schlittschuhen herumkurven und sich an Pirouetten versuchen. Ein Bild, das sich auch heuer wieder im Dezember zeigen soll. Doch vielleicht gleiten die Kufen dann nicht mehr über Gefrorenes.

Würde der Stadtrat seine erst im vergangenen November gefassten Beschlüsse zum Klimaschutz ernst nehmen, hätte es nun ein klares Nein zur Neuauflage von Hannis Eismärchen im nächsten Dezember geben müssen. Hat es aber nicht. Das Kommunalparlament hat sich am Dienstag klar für eine siebte Runde des Spektakels auf dem künstlich erzeugten Eis ausgesprochen. Und genau darin liegt das Problem. Denn unter ökologischen Gesichtspunkten gesehen ist das Eismärchen ein Fehlgriff. Der Stadtrat hat aber eine Lösung für die Schieflage in der Ökobilanz: Strom sparen an anderer Stelle. Und: Ein Eis ohne Eis. 

Es ist schon ziemlich vertrackt: Auf der einen Seite geht die Jugend freitags für den Klimaschutz auf die Straße, auf der anderen Seite beschert sie dem Eismärchen, eine ziemliche CO2-Schleuder, einen neuen Rekord: 17.366 Eisläufer waren es letztens, das ist im Vergleich zum Jahr zuvor eine Steigerung um 1.017 Kufenflitzer. Pro Tag waren im Schnitt 469 Menschen auf dem Eis. „Eine sehr gelungene Veranstaltung“, hieß es nun aus dem Rathaus, auch wenn die gestiegenen Kosten bei der Eisbahn und dem Sicherheitspersonal ein leichtes Minus in der Bilanz verursachten. Ungeachtet dessen stand für die Mitglieder des Stadtrates fest, dass es auch in der Saison 2020/21 wieder ein Eismärchen geben soll, das dann sogar noch länger dauern soll, bis zum Ende der Weihnachtsferien. „Es war schon schade, dass das Eismärchen schon am 5. Januar geschlossen hat“, fasste Bürgermeisterin Elke Zehetner zusammen, „das hat viele verwundert.“ Aber so habe es der Stadtrat nun mal beschlossen. Wie Zehetner mit Blick auf die klimatischen Veränderungen sagte, sei das Eismärchen inzwischen „die einzige Möglichkeit, im Dezember noch gesichert Wintersport ausüben zu können“. 

Das rief Markus Kleinen (SPD) auf den Plan: Er erinnerte an die zuletzt gefassten Klimaschutzbeschlüsse des Stadtrates und meinte: „Wenn wir die ernst nehmen, dürfte das Eismärchen nicht mehr stattfinden.“ Nicht einmal dann, wenn das Eis künftig ausschließlich mit Ökostrom bereitet werde. Kleinen wollte deshalb aber nicht die Spaßbremse geben, schließlich sei das Eismärchen zu einem „wichtigen Baustein im gesellschaftlichen Zusammenleben“ geworden, „auf das wir nicht mehr verzichten können“. Doch die ökologische Schieflage, die sich dadurch ergebe, dass jeder Schlittschuhläufer beim Eismärchen für einen Stromverbrauch von 1,76 Kilowattstunden verantwortlich gewesen sei, lasse sich lösen. „Denn jeder kann Strom sparen“, sagte Kleinen und nannte jene 36,5 Kilowattstunden pro Haushalt, die wegfielen, „wenn etwa der Standby-Modus des Fernsehers ausgeschaltet wird“. 

Johannes Bauer (Grüne) hatte da gleich einen weiteren Vorschlag: ein Photovoltaikanlagenfeld anlegen, das in etwa so viel Strom produziert, wie das Eismärchen verbraucht. Zuletzt waren das 30.700 Kilowattstunden, in etwa so viel wie sieben Einfamilienhäuser pro Jahr benötigen. „Wir brauchen ein Hanni-Photovoltaik-Feld“, forderte Bauer. Was Rathauschefin Zehetner als „schöne Idee“ bezeichnete, lehnte Kleinen aber ab: „Das ist genau nicht der Sinn der Energiewende.“ Die könne nur gelingen, wenn man den Stromverbrauch senke und die Menschen dafür sensibilisiere. 

Das war nun der Punkt, an dem sich Jack Eberl (FLP) in die Debatte einklinkte. Weil ein bisschen Wahlkampf in Wahlkampfzeiten ja sein muss, hatte er weit ausgeholt und mit Blick auf die bereits etwas vergilbten Stadtrats­protokolle der Nullerjahre daran erinnert, dass André Anderl und er kurz nach der Jahrtausendwende mit ihrem vorgebrachten Vorstoß für eine Eisbahn in der Innenstadt krachend gescheitert waren. Für die SPD hatte damals Regina Bartusch die Phalanx der Eismärchen-Gegner angeführt und argumentiert, dass ein solches Spektakel finanziell nicht zu verantworten sei und Penzberg obendrein auch überhaupt keinen Imagegewinn bringe. Vielleicht lag es ja an diesem Elefantengedächtnis, dass die SPD diesmal nicht einmal den Versuch eines Widerspruchs unternahm, sondern eiligst die Hand hob, als Eberl zu einem völlig anderen Vorstoß ansetzte. „Wir sollten da eher visionär sein“, sagte er und verwies auf mittlerweile gut funktionierende, „selbstschmierende Kunsteisbahnen“, die neuerdings sogar von den Nationalmannschaften aus Österreich und der Schweiz verwendet werden. Diese Variante hat laut Bauhofleiter Eberl jede Menge Vorteile: „Wir brauchen keine Eismaschine, und wir haben kein Wetterproblem.“ 

Dem widersprach im Stadtrat schließlich niemand. Man beschloss deshalb erstens, ein Angebot über das von Eberl angesprochene Kunst­eis einzuholen, und zudem, unabhängig vom Ergebnis dieser Prüfung, das nächste Eismärchen bis zum allerletzten Tag der Weihnachtsferien stattfinden zu lassen. dd

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