Gewisse Risse

Aufgefrischte Fresken: Sanierung der Pfarrkirche St. Tertulin schreitet voran

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Restauriertes in gleißendem Licht: Auf der höchsten Ebene des Gerüsts steht Restaurator Robert Zenger (rechts) und zeigt dem Landtagsabgeordneten Martin Bachhuber, wie die Fresken zu neuer Leuchtkraft gefunden haben.

Schlehdorf – Sie kommen wieder, das steht außer Frage, denn der rund 250 Jahre alte Bau kann einfach nicht still halten: Kleine Risse, die sich durch die Mauern der Pfarrkirche St. Tertulin ziehen, werden auch nach der aufwändigen Sanierung der Westfassade früher oder später wieder auftauchen. 

Es schüttet wie aus Kübeln. Unter einem großen aufgespannten Stockschirm steht Aumann und blickt auf die frisch sanierte Portalfassade der Pfarrkirche. Das Grün der Malereien, welche die Fassade zieren, weicht doch in leichten Nuancen von dem Grün der angeschlossenen Gebäude ab. Und dennoch handelt es sich um dieselbe Farbe, um das Benediktbeurer Grün. Doch die Intensität der Farbe wurde etwas abgeschwächt, der originale, kräftige Ton hätte das harmonische Bild wohl gestört. Tropfen prasseln auf Aumanns Schirm. Nach jahrelanger Arbeit ist die Westfassade von St. Tertulin endlich fertig saniert. Und Aumann, Bereichsleiter Hochbau im Staatlichen Baumamt, schaut zufrieden auf das Ergebnis. Von einem homogenen Ganzen, bei welchem das Historische noch zu erkennen sei, da kein Zeitgeschmack über den klassizistischen Bau gelegt worden sei, spricht Aumann, dem eigentlich mehr an der sanierungsbedürftigen Ostfassade zu liegen scheint, da diese die „wertvollere, die ältere“ sei, so der Diplomingenieur. Zuständigkeiten gelte es jedoch erst einmal zu klären, ehe auch die gegenüberliegende Fassade frisches Grün erhält. „Die Westfassade ist für die Gemeinde wichtiger“, meint der Mann vom Bauamt, schließlich schauen die Schlehdorfer stets auf die Front. 

Aumann klappt seinen Schirm zusammen und schüttelt das Nass ab, dann betritt er die Kirche. Nicht alleine, sondern in Begleitung derjenigen, die die Sanierung seit Jahren begleiten, unter ihnen der Landtagsabgeordnete Martin Bachhuber, Schlehdorfs Bürgermeister Stefan Jocher und Fachbauleiter Robert Zenger. Ein Wald aus Gerüsten türmt sich im Kirchenschiff auf. Eine der vielen Aufstiege wählen Aumann und sein Gefolge, um auf die oberste Ebene direkt unter den Fresken zu gelangen. Bei jedem Schritt hallt ein metallener Klang durch die Kirche. Als solche ist diese kaum zu erkennen, ohne Altäre und Heiligenfiguren. Selbst die Kirchenbänke verstecken sich unter weißem Stoff. 

Nun steht Aumann wenige Meter unter den Fresken. Die Raumschale im Gewölbe ist fast vollständig restauriert, nur die goldenen Zierrahmen, die die religiösen Szenerien umgeben, warten noch auf neuen Glanz. „Bilder aus den Siebzigerjahren des 18. Jahrhunderts“, kommentiert Zenger die Malereien. Der Fachbauleiter steht neben Aumann und leuchtet mit einer Lampe auf die Farben. Aufgetragen wurden die Fresken auf ein Backsteingewölbe sowie auf eine gemauerte Kuppel, unter der eine Holzschale hängt. 

Beim Blick auf eines der Gewölbe zeigen sich leichte Risse. Solche wird es früher oder später auch außen wieder geben, denn „die Fassade ist in Bewegung, und das darf sie auch sein“, so Aumann. Ständig wird die Frontseite daher überwacht. Die Kirche steht zum Teil auf Felsgrund, zum Teil auf weicherem Boden, was die Risse verursachen könnte, mutmaßt Aumann. Was die Szissuren im Inneren anbelangt, so lenken diese den Blick auf das letzte Gewölbe, das ein wenig traurig herabhängt, eine verschobene Quartalwand hat hier zu einem leichten Herabsinken des Gewölbes geführt, doch bereits in den 1980er Jahren durchgeführte Sicherungsmaßnahmen verhindern einen tieferen Durchhänger. Damals, im 18. Jahrhundert, habe man ohne großen Plan gebaut, meint Aumann, stattdessen habe man auf erfahrene Handwerker gesetzt. Nicht grundlos habe der Bau einer Kirche so meist länger gedauert als ein Menschenleben, schmunzelt der Mann vom Bauamt. 

Kein Menschenleben, jedoch rund zehn Jahre dauern die Sanierungsarbeiten in St. Tertulin nun schon an. Rund 7,5 Millionen Euro werden diese wohl kosten, „wir sind guter Dinge, dass wir mit dem Geld auskommen“, meint Aumann. Zu Beginn des Unterfangens seien es noch rund sechs Millionen Euro gewesen, aber „wir haben nochmal einen deutlichen Nachschlag gebraucht“, so der Hochbauexperte aus Weilheim. „Eine der angenehmeren Kostensteigerungen“, befindet da der Landtagsabgeordnete Bachhuber, der kurz zuvor noch in völliger Stille die spärlich beleuchteten Fresken ehrfürchtig betrachtete. 

Die kleine Gruppe wandert das Gerüst wieder herab und durch die Sakristei die Prälatentreppe aus knarzendem Holz hinauf bis unters Dach. Typisch klassizistisch sitzt dieses auf dünnen und instabilen Wänden, meint Fachbauleiter Zenger. Im Rahmen der Sanierung wurden statische Mängel des Walmdachs beseitigt, indem unter anderem die Gewölbekonstruktion über der Empore im Eingangsbereich ertüchtigt wurde. In jenen Eingangsbereich gelangen Gläubige aber auch die kommenden Monate nicht, denn nun folgt die Innensanierung – Elektrik, Heizung, Ausstattung. In etwa einem Jahr will Zenger die Kirchenpforten wieder geöffnet sehen, „spätestens im Februar 2021“, schiebt er dann aber noch hinterher. ra

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