Es war halt mal Winter

Extrem viel Schnee: Lawinenwarndienst zieht Bilanz über außergewöhnliche Wochen

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Gefährliche Massen auf der Straße: der Lawinenabgang am Lahnergaster schüttete Unmengen Schnee auf die B 307.

Bad Heilbrunn – Draußen sprießen die Narzissen aus der Erde, in den Bäumen nisten die Vögel. Das Bild von den Schneemassen, die sich der Landschaft bemächtigen, es scheint utopisch, und doch war es bis vor drei Monaten Realität. Die Frühjahresdienstbesprechung des Lawinenwarndienstes.

Und dieser Realität stellte man sich nun abermals, bei der Frühjahresdienstbesprechung des Lawinenwarndienstes, bei welcher auf einen Winter mit extremen Schneemassen, Straßensperren und Schneesprengungen zurückgeblickt wurde, vor allem aber auf einen tragischen Unfall in den eigenen Reihen. 

„Es war ein Winter, bei dem das ehrenamtliche System an seine Grenzen kommt“, so Hans Konetschny, der Leiter der Lawinenwarndienstes Bayern mit Sitz im Bayerischen Landesamt für Umwelt. Neben den Obmännern der umliegenden Lawinenkommissionen waren auch Landrat Josef Niedermaier, die Bürgermeister der umliegenden Gemeinden, Vertreter von Wasserwirtschafts-, Landrats- und Staatlichem Bauamt sowie der Polizei zum traditionellen Abschlussgespräch in die Reindlschmiede gekommen, normalerweise ein Treffen, bei dem über keine großartigen Vorkommnisse berichtet wird. Das war diesmal anders. 

„Dieser Winter hat gezeigt, was in einem Winter alles stecken kann“, resümierte Anton Stowasser vom Bad Tölzer Landratsamt und lobte den großen Zusammenhalt unter den einzelnen Lawinenkommissionen. „Die Lage einzuschätzen und daraus Entscheidungen zu treffen, ist nicht immer einfach“, so Stowasser. Zwischen 3. und 19. Januar seien heftige Schneefälle in drei Perioden gekommen und an den Messstationen neue Extremwerte aufgezeichnet worden, so Konetschny. 

Sein Stellvertreter Thomas Feistl zeigte auf, dass im Januar auf dem Brauneck dreimal soviel Schnee lag als sonst zu dieser Zeit üblich. „Sogar jetzt liegt dort noch ein Meter mehr als sonst, das ist schon außergewöhnlich“, so Feistl. Aufgrund der starken Schneefälle und des noch relativ warmen Bodens vom eher milden Dezember kletterte die Lawinengefahr im Januar auf Stufe 4 von 5, und das über einen ungewöhnlich langen Zeitraum, was zahlreiche Sprengungen zur Folge hatte. 

Peter Lorenz, der Geschäftsführer der Brauneckbahn, meinte: „Wir freuen uns ja über Schnee und können damit umgehen, aber das war schon ganz schön viel.“ Die großen Abfahrten blieben dennoch die meiste Zeit frei befahrbar, nur der Schneedruck auf den Bäumen machte den Lenggriesern zu schaffen, denn einige brachen und stürzten zum Teil auf Bahnen und Pisten. Dass letztendlich das Skigebiet doch noch drei Tage komplett gesperrt werden musste, war jedoch einem anderen Grund geschuldet. „Wir konnten eine möglicherweise erforderliche Rettung in diesen Tagen nicht mehr gewährleisten, da die Einsatzkräfte anderweitig im Dauereinsatz und manche Wege unpassierbar waren“, erklärte Lorenz. Wie Ralf Kirchgatterer, der Obmann der Lawinenkommission am Brauneck berichtete, habe seine Truppe, die eng mit den Verantwortlichen der Brauneckbahn zusammenarbeitete, 21 Einsätze zu bewältigen gehabt. 

Auch die Lawinenkommission Kochel am See hatte einiges zu tun, wie deren Obmann Christian Held ausführte. Neben zahlreichen Straßensperrungen wurden auch hier Lawinensprengungen veranlasst. Kochels Bürgermeister Thomas Holz erzürnte sich in diesem Zusammenhang über die Freizeit­sportler, die trotz Warnung mit ihren Touren­skiern in die Gebiete aufbrechen. „Wir müssen hier die Menschen mehr sensibilisieren“, forderte Holz, „es kann nicht sein, dass wegen denen ehrenamtliche Helfer ausrücken müssen und sich so selbst immer wieder in Gefahr begeben.“ Zugleich lobte er aber auch die neue Lawinenverbauung am Fahrenberg, die seiner Meinung nach „gute Wirkung“ gezeigt habe. 

Erstmals nach fünf Jahren musste im vergangenen Winter die Bundesstraße 307 zwischen Sylvensteinspeicher und Kaiserwacht wegen Lawinengefahr komplett gesperrt werden. Hier konnte Klaus Bruckschlegel von der Lawinenkommission Lenggries/Fall keine Sprengbahn nutzen, denn die Hänge sind zu steil, um zu Fuß hinaufzukommen. Deshalb muss die Situation von der Straße aus beurteilt werden. Jachenaus Vizebürgermeister Peter Krauß meinte mit einem Schmunzeln im Gesicht: „Wir hatten halt mal einen Winter.“ Die Stimmung in der zeitweise nur für Rettungskräfte und Einsatzfahrzeuge erreichbaren Gemeinde sei entspannt gewesen, man habe zusammengeholfen. Dies bestätigte auch Bruckschlegel und verteidigte die Straßensperren: „Das Staatliche Bauamt hat nicht vom Kammerl aus entschieden, wir waren alle vor Ort.“ Georg Fischhaber, beim Landratsamt Bad Tölz für die Straßen zuständig, sagte dazu: „Dass wir beschimpft werden, sind wir gewohnt.“ Und Martin Herda vom Staatlichen Bauamt führte an, dass sich alle Sperrungen als richtig erwiesen, da überall Bäume umgefallen seien. 

Vom 10. bis 15. Januar hatte Landrat Josef Niedermaier den Katastrophenfall ausgerufen, bei dem insgesamt 3.500 Helfer von Bergwacht, Feuerwehr und Bundeswehr im Einsatz waren. In der Reindlschmiede dankte Niedermaier den Helfern auch im Namen von Ministerpräsident Markus Söder und überreichte allen Anwesenden eine Ehrennadel. 

Vor allem für die Straßenmeistereien war der Winter eine Ausnahmesituation und der Tod des Schneepflugfahrers Hans Kiefersauer, der im Einsatz ver­unglückte, sitzt immer noch tief. In einer Gedenkminute wurde an den Mitarbeiter der Tölzer Straßenmeisterei erinnert. au

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