Zeit für Zahlendreher

Dialog und analog: Lernangebot der Stadtbücherei verleitet Schüler zum Einbruch

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Versuchten sich als Einbrecher: Stephanie Benckendorff und Katrin Fügerner von der Stadtbücherei mit Florian Pildner von der VR-Bank (von links). Doch um die bunten Schlösser zu knacken, braucht es Zeit, und vor allem Wissen.

Penzberg – Sieht Katrin Fügener Kinder mit Büchern in der Hand, macht sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht breit. Doch die Leiterin der Stadtbücherei weiß auch, dass es heutzutage, im digitalen Zeitalter, nicht immer leicht ist, für Lektüre zu begeistern. Ein neues Lernangebot soll das nun ändern

Im Grunde genommen ist es völlig egal, was da in goldener Folie eingewickelt und in einem Einweckglas luftdicht verschlossen ist, Süßigkeiten oder ein Hausaufgabengutschein. Der Reiz besteht vielmehr darin, dieses gläserne Töpfchen aufzubekommen. Das ist gar nicht so leicht, wenn bis zu fünf Schlösser den Deckel dicht halten. Beim oberbayerischen Bibliothekstag entdeckten die Mitarbeiter der Stadtbibliothek ein Lernangebot, mit dem Schüler nicht nur zwischen die Regale gelockt, sondern für zwei Schulstunden dort gehalten werden sollen. „Das ist genau das, was wir brauchen“, meinte Fügener damals. 

Das, das ist die „Mission Einbruch“, mit der das Büchereiteam das Konzept eines Escape Rooms für Schulklassen neu interpretiert. Anstatt durch das Lösen von Rätseln aus einem abgesperrten Raum hinauszukommen, sollen die Missionsteilnehmer versuchen, in ein „Schatzglas einzubrechen“, so Fügener. Soll heißen: Kommt eine Klasse in die Stadtbücherei, wird sie in kleine Teams eingeteilt. Jedes Team erhält ein Einweckglas gefüllt mit einem Schatz. Eine Verriegelungshaspe, an welcher bis zu fünf Zahlenschlösser hängen, hält das Gefäß fest verschlossen. Die vierstelligen Codes für die Schlösser finden die Teams nur heraus, indem sie binnen zwei Schulstunden verschiedene Rätsel lösen, analog und dialog mit Hilfe von QR-Codes und iPads, einer UV-Lampe und Büchern. Denn die Bücherei geht mit der Zeit, mittlerweile verfügt sie nicht nur über stolze 22.000 analoge, sondern auch über mehr als 21.000 digitale Medien. 

Zwei Missionen für den Heimat- und Sachkundeunterricht gibt es bereits. Entwickelt hat diese Stephanie Benckendorff: Seit Mai vergangenen Jahres ist die Wirtschaftsmathematikerin Teil des Büchereiteams, und auch wenn sie lediglich sechs Stunden in der Woche zwischen den Regalen steht, so hat sie doch mit viel Energie, „Hartnäckigkeit und Wissen“, an den Missionen gearbeitet, schwärmt Fügener. Hartnäckigkeit, die nicht von ungefähr kommt, schließlich hat sich Benckendorff, der nach eigenen Aussagen mit Lehrern als Eltern „das Pädagogische im Blut liegt“, viel vorgenommen. Sie will mit dem Angebot nicht nur Lerninhalte festigen, sondern Kinder auch an den Umgang mit Digitalem heranführen und zugleich deren Teamgeist fördern. Und das alles „mit hohem Spaßfaktor“, so Benckendorff. Spaß machen soll dabei das Thema Fahrradprüfung für Drittklässler und das Thema Bayern für Viertklässler. Das sind zumindest die beiden Missionen, die Benckendorff bereits in rund 30 Stunden erarbeitet hat. Schüler, die sich beispielsweise 90 Minuten dem Freistaat widmen, müssen auf dem iPad auf einer virtuellen Karte Landkreise benennen oder in Sachbüchern blättern, um herauszufinden, wie was in welchem Dialekt bezeichnet wird. Die richtigen Lösungen führen zu den Zahlencodes, mit denen sich die Schlösser an dem gläsernen Schatzbehälter öffnen lassen. Doch bei zwei Missionen soll es selbstredend nicht bleiben, und auch die Zielgruppe soll ausgeweitet werden. Benckendorff möchte sich künftig nämlich nach den Vorstellungen der Lehrer und Inhalten der Lehrpläne verschiedener Klassen, nicht nur der Grundschulen, sondern auch der Real­schule und des Gymnasiums, richten. 

Doch um eine Mission zu erstellen, braucht sie mindestens zwei Monate Vorlauf, ehe die Schüler in die Bücherei kommen können, betont die Entwicklerin. Welcher Schatz in den Gläsern landet, überlässt sie den Lehrkräften, Süßigkeiten oder ein Gutschein, der die Schüler von Hausaufgaben befreit, könne sie sich jedoch gut vorstellen. 

Erste Anmeldungen für Februar gibt es bereits: die Viertklässler der Bürgermeister-Prandl-Grundschule, freut sich Benckendorff, während vor ihr das Material für die Missionen ausgebreitet auf einem Tisch liegt: laminierte Quizkarten und QR-Codes in bunten Stoffsäckchen, ebenso bunte Schlösser, Gläschen und UV-Lampen. Die Materialkosten in Höhe von rund 500 Euro übernahm die VR-Bank Werdenfels. Florian Pildner, Teamleiter der Penzberger Filia­le, brachte den Scheck auch gleich persönlich vorbei. Und da ließ es sich der Banker nicht nehmen, selbst an den Schlössern die Zahlen zu drehen. Mal sehen, ob Benckendorff nicht auch für Pildner und seine Kollegen mal eine Mission erstellt, als teambildende Maßnahme könnte er sich das jedenfalls vorstellen, meint Pildner grinsend. Was dann in den Einweckgläsern landet, darüber lässt sich nur spekulieren, ein paar Scheinchen wären berufsbedingt zumindest recht naheliegend. ra

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