Jenseits des Tellerrandes

Bernhard Kerscher verabschiedet sich nach 40 Jahren im Schuldienst in den Ruhestand

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Es bis zur Rente einfach laufen lassen, das war nicht sein Ding: Bernhard Kerscher, der sich nun als Rektor des Penzberger Gymnasiums verabschiedet hat.

Penzberg – Entspannt sitzt Bernhard Kerscher vor seinem Eiskaffee und schmunzelt, als er über die vergangene Zeit als Schulleiter des Penzberger Gymnasiums plaudert. Nun ist Schluss mit zu spät kommenden Schülern, dem Pausengong, langen Elterngesprächen und noch längeren Lehrerkonferenzen. Der 66-Jährige tritt in den wohl verdienten Ruhestand, doch etwas anders, als man es vielleicht erwarten würde.

„Ich wollte nie die typische Beamtenlaufbahn“, erzählt Kerscher und blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Als das Jüngste von drei Kindern, wobei der Älteste laut Kerscher der Schulprimus war, wuchs er in Regensburg auf. „Ich war nie wirklich gut in der Schule“, lacht Kerscher und meint, „meine Leidenschaft war die Musik und die Kunst.“ Kunstgeschichte zu studieren redeten ihm seine Eltern aus, doch gegen Geschichte und Englisch mit Blick auf eine Lehrerlaufbahn hatten Vater und Mutter nichts einzuwenden. Schon im Studium zog es ihn weg von heimischen Gefilden und er absolvierte ein Auslandsjahr in England. Danach studierte er in Würzburg weiter, wo er auch seine Frau Katharina kennenlernte, die dort Archäologie studierte. 

„Mit uns ging es ruckzuck. Kaum kannten wir uns, kam auch schon das erste Kind“, grinst der ehemalige Schulleiter. Das zweite Kind kam drei Jahre später auf die Welt. Nach dem zweiten Staatsexamen schrieb Kerscher 120 Bewerbungen, darunter sogar eine auf die Stelle als Museumsleiter in Hafenlohr, doch nichts ergab sich. Ausgerechnet in Weilheim wurde dann eine Stelle als Nachrücker frei, obwohl Oberbayern nicht gerade seine Wunschregion war. „Der Anfang war schwierig“, erinnert sich Kerscher, „zu der Zeit waren dort 1.600 Schüler und es gab acht zehnte Klassen.“ Nach neun Jahren sehnte sich Bernhard Kerscher nach Veränderung. Er bewarb sich für einen Auslandsschuldienst und bekam nach langer Wartezeit den Zuschlag für Barcelona. 

Dort verbrachte die Familie sieben Jahre, wobei auch hier der Anfang nicht einfach war. „Die Kinder waren zehn und vierzehn. Wir alle konnten kein Wort Spanisch, doch irgendwie haben wir es hinbekommen“, erzählt Kerscher. Große Hochachtung habe er da vor seiner Frau gehabt, bei der alle Probleme zusammenliefen, die alles auffangen und managen musste. 

Als 1998 der Vertrag endete und nicht mehr verlängert wurde, ging es für die Familie zurück nach Deutschland. Mit einem einjährigen Zwischenstopp als Lehrer im Tutzinger Gymnasium kam Bernhard Kerscher wieder zurück nach Weilheim, wo er 2005 Mitglied der Schulleitung wurde. Als die Kinder langsam flügge wurden und familiäre Pflichten immer weniger, flackerte die Sehnsucht nach neuen Erfahrungen wieder auf. „So landeten wir ziemlich blauäugig in Valparaìso, Chile“, erzählt Kerscher. Wieder eine Station in einer deutschen Auslandsschule. „Wir haben die Gewalt, die Erdbeben, welche oft gefolgt von Tsunamis wüten und die große Kluft zwischen den Kindern völlig unterschätzt.“ Doch auch diese Herausforderung meisterte das Paar. „Mir war es wichtig, den Kindern dort eine Perspektive zu geben und sie zu ermutigen, wenigstens ein bisschen über den Tellerrand zu blicken“, so Kerscher. Fünf Jahre verbrachten sie in dem südamerikanischen Land und halten bis heute noch Kontakt zu den Schulen. Noch von Chile aus bewarb sich Kerscher in Marktoberdorf als stellvertretender Schulleiter und erhielt den Zuschlag. 

Nach drei Jahren im Schwabenländle tat sich die Rektorenstelle in Penzberg auf. „Ich habe im Laufe meiner Schulzeit viele Rektoren kennengelernt und auch viel kritisiert. Nun hatte ich den Ehrgeiz, das besser hinzukriegen“, schmunzelt Kerscher. Immer genau hinzuschauen, geduldig abzuwarten und dann die richtigen Entscheidungen zu treffen, war sein Credo. Egal ob es sich um Personal- oder Schülerangelegenheiten handelte. Seine Erfahrung, mit außergewöhnlichen Situationen umzugehen, kam dem scheidenden Rektor nun in der Corona-Krise zugute, denn langsam ins ruhigere Fahrwasser schippern, davon konnte die vergangenen Monate keine Rede sein. Und anscheinend hat er so einiges richtig gemacht, denn die Lobeshymnen von Lehrerkollegen und Schülern auf seiner Abschiedsfeier sprachen Bände. Wenngleich Bernhard Kerscher darauf recht verlegen blickt: „Die haben schon dick aufgetragen. Ich dachte mir, die Person kenn ich ja gar nicht, über die die sprechen.“ Mit der Feier habe er ja gerechnet, so Kerscher, aber dass man ihn in einer Baggerschaufel durch ein endloses Spalier aus Schülern und Kollegen fuhr, war eine riesige Überraschung. „Das war schon sehr emotional“, gibt er zu. Am allermeisten freute ihn das Freundebuch, welches er von den Mitgliedern der SMV überreicht bekam. „Da stehen längst vergessene Erinnerungen drin und es ist von jedem so persönlich und liebevoll gestaltet worden, da freue ich mich jetzt auf die Zeit, um in Ruhe darin zu schmökern“, lächelt Kerscher. 

Nun beginnt wohl wieder ein neues Kapitel in der Biografie Bernhard Kerscher und auf den ersten Blick scheint es diesmal ein ganz gewöhnliches zu werden. Garteln will er, denn das ist seine große Leidenschaft. Das Opa-Glück genießen, denn gerade wurde sein Enkelchen geboren, und natürlich lesen, denn viele unberührte Bücher warten schon lange darauf, endlich aufgeschlagen zu werden. Doch wie soll es anders sein, sogar im Ruhestand träumen die Kerschers von der weiten Welt und das nicht als Touristen. Im Rahmen des Senior Expert Service (SES) gibt es die Möglichkeit, Schulen und Lehrer im Ausland zu unterstützen. „Meine Frau sitzt schon daheim und schaut, wo es vielleicht hingehen soll“, schmunzelt Kerscher, der Mann, für den Tellerränder keine Grenzen sind. Es sei denn, ein Eiskaffee steht auf der Platte. au

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