Arktischer Kühlschrank in Gefahr

Der Klimaforscher Dirk Notz bangt nicht um die Erde, aber um die Menschheit

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„Forscher entnehmen Proben aus den Eisschollen der Arktis, um das Eis zu verstehen“, sagt Dirk Notz, der im ewigen Eis auch schon mal selbst zum Bohrer greift.

Iffeldorf – Wegen der globalen Erwärmung schwindet das Eis in Arktis und Antarktis in atemberaubendem Tempo. In einem Vortrag der Limnologischen Station in Iffeldorf erläuterte der Klimawissenschaftler Dirk Notz die Ursachen und Folgen dieses drastischen Rückgangs.

Notz ist Professor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg und forscht dort über „Meereis im Erdsystem“. Für seine, auch für Laien verständliche und packende Vortragsweise wurde er unter anderem mit dem Preis „KlarText“ für Wissenschaftskommunikation ausgezeichnet. In Iffeldorf sagt er nun: „Die gute Nachricht ist, der Erde wird der Klimawandel relativ egal sein. Die wird sich ihr Umfeld zurechtruckeln, bis wieder ein Gleichgewicht herrscht.“ Die schlechte Nachricht gilt dagegen den meisten Lebewesen, denn die werden einen extremen Wandel wahrscheinlich nicht so leicht wegstecken. „Wir haben es also selbst als Menschheit in der Hand, in welche Richtung es geht. Ich fände es dramatischer, wenn wir nicht verantwortlich wären, denn dann müssten wir es so hinnehmen. So aber können wir den Klimawandel noch beeinflussen“, sagt Notz. 

Bei den Folien und Zahlen, mit denen Dirk Notz in seinem Vortrag um sich wirft, könnte einem aber dann doch mulmig, wenn nicht manchmal himmelangst werden. Doch der Wissenschaftler strahlt trotz allem eine positive Energie aus und versprüht Zuversicht. Er will aufmerksam machen, aber nicht schockieren. „Ich finde es erschütternd, wie wenig in den Lehrplänen der Klimawandel behandelt wird. Der Großteil der Bevölkerung weiß immer noch nicht, was gerade hier passiert“, empörte sich Notz, der oft selbst in der Arktis zu Forschungszwecken weilt. So berichtet er etwa davon, dass eine Expedition im Jahr 1912 mit einem kleinen Motorsegelschiff bei Spitzbergen komplett vom Packeis eingeschlossen wurde. Notz fuhr im Jahr 2007 in dieselbe Bucht. „Da war kein Eis mehr zu sehen. Wir mussten weiter Richtung Nordpol segeln, um die erste Eisscholle zu finden.“ In den letzten 30 Jahren schmolz die Hälfte des Pack­eises. Notz erklärt, dass die Arktis wie ein riesiger Kühlschrank funktioniert, der sich selbst durch Reflexion des Sonnenlichtes kühlen konnte. Durch das wechselhaftere Wetter und die höheren Temperaturschwankungen schmilzt das Eis aber. Dadurch wird weniger Sonnenlicht reflektiert, es wird wärmer, und noch mehr Eis schmilzt. Dies hat auch Auswirkungen auf den Jetstream, ein kräftiger Starkwind, der hoch oben von West nach Ost pustet und Einfluss auf das Wetter in Europa hat. Die Veränderung im arktischen Kühlschrank bedingen größere Unregelmäßigkeiten im Jet­stream, was letztlich für die Wetterextreme der vergangenen Jahre verantwortlich ist. Große Trockenheit, Starkregen, Sturm und Hagel sind Folgen davon, die vor allem die Landwirtschaft zu spüren bekommt. Ein Teufelskreis also, aber kann man den Wandel noch aufhalten? „Fakt ist, dass wir, trotz Klimaschutzabkommen, im letzten Jahr mehr Kohlendioxid ausgestoßen haben als jemals zuvor“, so Notz, „wenn das so bleibt, dann ist in 20 bis 30 Jahren das Eis in der Arktis weg.“ 

Noch könne man „das Ruder herumreißen“, sagt Notz, denn seiner Meinung nach ist ein gewisser Kipppunkt, an dem es kein Zurück mehr gibt, noch nicht erreicht. Doch dazu müsste man den CO2-Ausstoß möglichst sofort komplett „auf null setzen“. Da dies aber relativ unwahrscheinlich ist, gibt es bereits Forschungen zur Rückholung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre, welches dann auf der Erde eingelagert werden müsste. Von künstlichen Sonnenspiegeln, welche das Packeis und die Reflexion der Sonnenstrahlen quasi simulieren sollen oder von künstlichen Eisschollen ist der Wissenschaftler nicht überzeugt. „Es ist extrem schwierig, am Klima rumzudrehen“, so Dirk Notz, „das ist, meiner Meinung nach alles Ablenkung, um sich nicht mit der CO2-Reduzierung und dem Klimaschutz beschäftigen zu müssen.“ 

Fakt ist also, so wie bisher darf die Menschheit nicht weitermachen. Jeder Einzelne, so Notz, „ist gefragt“, was schon beim Kauf von Fahrzeugen, Elektrogeräten und dem Überdenken seiner Reisegewohnheiten anfängt und für die Forscher in komplexen Szenarien und Entwicklungen noch lange nicht endet. Eine Welt ohne Eis? „Ja, auf diesem Weg befinden wir uns“, sagt Dirk Notz. au

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