Ein Reiseverführer: Harald Bauereiß zeigt Schottland von seiner wilden Seite

Unverdorben und urweltlich

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„Damit kann man nicht rechnen“: Über das Glück, aus Zufall so wunderbare Motive wie das von Algen bewachsene Schiffstau, welches in fröhlichem Gelb leuchtend und zugleich traurig vor sich hin rottend am Ufer liegt, verfällt Harald Bauereiß immer wieder ins Staunen.

Iffeldorf – Moos wächst in die einzelnen Fasern des alten Schiffstaus, das völlig vergessen auf dem Küstenstreifen ruht und mit dem felsigen Boden eins geworden zu sein scheint. Harald Bauereiß hält die Linse darauf. Weil er es schön findet, das Tau und den Ort, wo es liegt, Schottland. 

„Eine sehr wilde Gegend, einsam und wenig erschlossen“, beschreibt der Iffeldorfer Harald Bauereiß seinen Sehnsuchtsort Schottland. Seit vier Jahrzehnten faszinieren der äußerste Nordwesten des Vereinigten Königsreichs und die Hebriden den gebürtigen Münchner, der jedes Jahr aufs Neue seinen Rucksack packt, um endloses Grün, felsige Gründe und morastige Hochmoore meist „frei Schnauze“ zu durchwandern. Immer im nicht selten regendurchnässten Gepäck: seine Kamera. Das, was über die Jahre hinweg vor die Linse des Fotografie-Autodidakten gekommen ist, soll nun auch vor die Augen anderer treten: in seinem Erstlingswerk, dem Bildband „Scotland forever“. 

Es wird wild: Rucksack statt Schlips und Sakko

„Je unbebauter und unverfälschter, umso lieber“, beschreibt Bauereiß die Landschaften, welche er mit seiner Kamera festhält. Und wo er diese finden kann, weiß der Iffeldorfer genau: in Schottland. Bricht er zu dem wohl wetterlaunischsten Teil Großbritanniens auf, so hängt er, der sein Geld als kaufmännischer Leiter bei einem mittelständischen Unternehmen in München verdient, Schlips und Sakko an der Haken und schnallt sich seinen Rucksack um. Als junger Student, der sich zuhause ein eigenes Fotolabor eingerichtet hatte, setzte er erstmals einen Fuß auf die urweltlichen Landstriche High- und Lowlands und ist seither hin und weg. Bis heute wandert der passionierte Fotograf Jahr für Jahr durch den schottischen Nordwesten und die vorgelagerten Inseln. Meist ohne große Pläne und Erwartungen, aber mit einer Landkarte in der Hand, begibt sich Bauereiß seit vier Jahrzehnten, drei davon mit seiner Frau, auf die Suche nach den wildesten und entlegensten Flecken. Angst, sich zu verlaufen, hat er nicht: „Es gibt keine Wälder, und man hat einen weiten Rundumblick“, erklärt der Iffeldorfer. 

Unberechenbares Schottland

Ein Risiko gibt es dennoch: unvorhersehbare Wetterumschwünge. Einen davon bekam der 60-Jährige einst am eigenen Leib zu spüren, als er sich mit seiner Frau auf eine Bergwanderung auf der Insel Skye begab. Dort brach ein derart heftiger Sturm über die beiden herein, dass sie sich in den Wind lehnen mussten, um nicht hinzufallen, lacht Bauereiß. Doch der Künstler in ihm sucht genau diese Rohheit, diese Ungezähmtheit der Natur: „Schottland bei blauem Himmel ist langweilig.“ Und so füllen Fotografien den ersten Bildband des Iffeldorfers, die unheilvolle Wolkenmassen vor der Küste oder wild aufbrausende Wellen zeigen. „Mir ist wichtig, das Land objektiv darzustellen“, betont Bauereiß. Selbst in friedlichen Szenen scheint der Wind omnipräsent: So weht den Schafen die Wolle um die Ohren, während sie auf das Meer zusteuern, um die salzigen Algen zu vertilgen, und weiße Wollgräser werden von stürmischen Böen in alle Richtungen aufgebauscht. 

Ein Reiher beim Fischen, ein Seestern am Strand

Doch auch Beschauliches ist in dem Bildband zu finden, denn schließlich gibt es in Schottland auch die Ruhe vor dem Sturm. So geht zum Beispiel ein Reiher seelenruhig auf die Jagd nach kleinen Fischen, in einer Bucht unmittelbar vor einem dieser schottischen Strände, die so „vollkommen sauber und absolut brillant sind“, schwärmt Bauereiß von der „völlig unverdorbenen Natur“. Auch Stillleben fotografiert er, sofern ihn das Motiv anspricht: ein lachsfarbener Seestern, der auf feinkörnigem Muschelsand dahinschied, oder ein Seeigel, der auf einem Korallenstrand seine letzte Ruhestätte fand. Bauereiß setzt auf Realismus und auf Purismus, indem er auf unnötige Nachbearbeitungen seiner Aufnahmen verzichtet. „Natürliches Licht ist für mich spannend“, betont er. Generell aber ist es das Spiel aus Schatten und Schimmer, das ihn animiert, auf den Auslöser zu drücken. Dieser Moment, „wenn sich das Licht durchsetzt und die Federführung übernimmt“, sagt Bauereiß mit schwärmerischem Blick. 

Ein Reiseverführer

Angeregt zu dem Bildband haben ihn die positiven Reaktionen, welche er bei seinen Ausstellungen, darunter eine Gemeinschaftsausstellung im Kloster Benediktbeuern, erhielt - für seine Bilder und für die Geschichten, die er dazu erzählt. Sein Bildband soll daher kein Reiseführer, sondern ein Reiseverführer sein: Der 60-Jährige möchte die Betrachter dazu animieren, sich in die ungebändigten Landschaften Schottlands zu stürzen - von den fotografischen Eindrücken inspiriert und mit dem Wunsch, eigene Impressionen zu sammeln: „Ich möchte für die unverfälschte Natur begeistern.“ 

Atlantikinseln und Löwenzahnfelder

Für das nächste Projekt hat er bereits die Ärmel hoch gekrempelt. Nun möchte er die Inseln im Atlantik vor die Linse nehmen - erneut die weite Ferne. Doch der Eindruck, Bauereiß suche lediglich in der Weite das Urweltliche, Unbändige, Unverfälschte, trügt, er weiß auch die hiesige Natur zu schätzen, selbst ihre kleinsten und unscheinbarsten Erscheinungen: So kann es durchaus sein, dass man ihn bei einer seiner Touren von Iffeldorf nach Penzberg trifft, in einem Löwenzahnfeld, mit der Kamera in der Hand und einer einzelnen Blüte unter hunderten im Visier. ra 


Der Bildband „Scotland forever“ ist über die Homepage www.harald-bauereiss.de erhältlich und kostet 49,90 Euro.

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