Eine vertikale Verbindung

DAV-Sektion Neuland feiert 100-jähriges Bestehen mit Festakt und Aktionstag

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Der Geist des Alpenvereins war beim Aktionstag auf dem Stadtplatz bei den zahlreichen Mitmachaktionen, etwa beim Klettersteig, zu spüren.

Penzberg – Den Karabiner geschlossen und den Klettergurt festgezurrt ging es auf dem Stadtplatz am Kletterseil entlang. Ein paar Meter weiter wurden dagegen Skibretter wurden über den Asphalt gezogen. So feierte die Sektion Neuland des Deutschen Alpenvereins in Penzberg ihr 100-jähriges Bestehen.

Hundert Jahre alt und dennoch erfrischend jung: So präsentierte sich die Sektion Neuland des Deutschen Alpenvereins bei ihrem großen Jubiläumsfest. Am Samstag gab es neben einem Festakt in der Stadthalle auch einen großen Aktionstag auf dem Stadtplatz. Bei beiden Veranstaltungen wurde klar, dass der bei der Gründung im Jahre 1919 für die Sektion ausgelobte Leitspruch „Neuer Geist, uns in die Berge weist“ auch heute noch voll und ganz seine Gültigkeit hat. 

In grünen Westen empfingen die Mitglieder der Sektion zunächst die geladenen Ehrengäste und signalisierten mit dem einheitlichen Auftritt stolz, dass sie zum Alpenverein gehören. Und stolz können sie auch sein, wie Christian Waldenburg mit Blick auf die beachtliche Geschichte betonte: Der Vorsitzende der Sektion erinnerte in der Stadthalle daran, dass die Sektionsgründung ihre Schatten streng genommen schon 1910 vorausgeworfen habe, nämlich mit der Gründung der Ortsgruppe München, Sektion Saalfelden. Doch es kam zu Spannungen mit Saalfelden, so dass am 25. Oktober 1919 zunächst die Sektion Bergwelt aus der Taufe gehoben wurde. Nach einem Protest wurde deren geändert: in Sektion Neuland. 

In der damaligen Aufbruchstimmung wuchs schnell der Wunsch nach einer eigenen Hütte. 1930 wurde schließlich ein Grundstück nördlich der Benediktenwand, auf 1.801 Metern Höhe, erworben. Die Bauarbeiten begannen mitten in der Weltwirtschaftskrise. „Die Leute hatten nichts zu tun“, berichtete Waldenburg. Und so legten sich viele arbeitslose Sektionsmitglieder mächtig ins Zeug. Zwei Jahre später wurde dann noch die Rotwandhütte am Juifen hinzugepachtet. Und 1933 erfuhr die Sektion einen merklichen Mitgliederschub, nachdem die Naturfreunde von den Nationalsozialisten verboten worden waren und diese dann bei den Neuländern eine neue Heimat fanden. Zwischen 1944 und 1946 wurde die Hütte dann zum Zufluchtsort einer Münchnerin, deren Haus dem Bombenhagel zum Opfer fiel. Waldenburg berichtete darüber hinaus von Erzählungen, wonach einige Penzberger in der Mordnacht auf der Neulandhütte ein Versteck fanden und so womöglich mit dem Leben davonkamen. 

Die Nachkriegsjahre waren dann vor allem von zahlreichen anspruchsvollen Bergtouren unter anderem auf den Mont Blanc, den Cevedale, den Großen Vendiger bestimmt. Kein Wunder, denn der Sektion stand in jenen Tagen Fritz Aumann vor, der Mitglied der „Willy-Merkl-Gedächtnis-Tour“ war, die sich 1953 die Erstbesteigung des Nanga Parbat vorgenommen hatte. 1960 wurde dann auch eine eigene Skiabteilung gegründet. Die vielen Rennen, welche die Sektion organisierte, gewann bei den Frauen fast immer Irmgard Mayer-Kiehl, die Mutter von Marina Kiehl, der Olympiasiegerin 1988 in Calgary. Inzwischen zählt die Sektion (mit den Münchnern) 1.900 Mitglieder, ihren Sitz hat sie vor sieben Jahren von München nach Penzberg verlegt. Laut Waldenburg lebt das entfernteste Mitglied in Singapur, das jüngste ist gerade einmal sechs Monate alt, das älteste bereits 99 Jahre. 

Beim Festakt betonte Rudi Erlacher, der Vizepräsident des Deutschen Alpenvereins, dass man die Vereinsgeschichte in Zeiten des Nationalsozialismus nicht verstecke, „denn auch die Sektion Neuland hat opportunistisch für den Ausschluss einer jüdischen Sektion gestimmt“. Aber, so Erlacher, „hat sie eben auch die von den Nazis verbotenen Naturfreunde aufgenommen“. Und nachdem in dieser Zeit ein Mitglied aus dem Verein ausgeschlossen worden war, weil ihm das Verteilen von KPD-Flyern angelastet wurde, „da traten solidarisch auch gleich viele andere mit aus“. 

Vizebürgermeister Johannes Bauer schilderte sodann sein ganz persönliches Gipfelerlebnis: Als Zweitklässler musste er beim Wandertag auf die Benediktenwand steigen und verlief sich prompt mit einem Freund, was dazu geführt habe, „dass ich bis heute kein allzu großer Alpinist bin“. Der Sektion Neuland attestierte er aber eine „vertikale Verbindung in der Gesellschaft“ und meinte damit: „In diesem Verein sind alle willkommen, unabhängig von ihrer Herkunft und ihrem Einkommen.“ 

Die stellvertretende Landrätin Regina Bartusch wiederum hat die Liebe zu den Bergen neu entdeckt, „nachdem mir als Kind die Sonntagswanderungen eher zuwider waren“. Den Alpenverein würdigte sie, weil er Familien- und Integrationsarbeit leiste und sich dem Umweltschutz widme. Und wenn man auch inzwischen mit Navigationstechnik zu den Gipfeln starten könne, habe sich eines in den vergangenen hundert Jahren nicht verändert: „Das Interesse der Mitglieder, gemeinsam die Natur zu erleben.“ 

Auf dem Stadtplatz konnte man dann einen Eindruck vom Angebot der Sektion Neuland gewinnen: Da gab es Infos über den Materialverleih, und zahlreiche Mitmachaktionen. Die Bergtour zur nachgebauten Neulandhütte kam bei den Kindern besonders gut an. Die mussten einen nachempfundenen Klettersteig meistern, mit Skiern zur Hütte wandern, dort Brennholz sammeln und ein Nachtlager beziehen, bevor noch die Endreinigung mit dem Besen anstand.  arr

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