Wettervorhersage mit Königskerze

Das Luder in der Rabatte

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Benediktbeuern - Um Weihnachten soll es schneien, ansonsten wird es ein schneearmer Winter: Das sagt Sepp Haslinger, der anhand der kleinblütigen Königskerze das Wetter erkennt.

Der Haslinger Sepp aus Benediktbeuern hat es mit seiner meteorologischen Augurentätigkeit neben seiner kleinblütigen Königskerze schon zu einiger Berühmtheit gebracht. Diverse seriöse Medien, aber auch das Satiremagazin „quer“ des Bayerischen Fernsehens haben sich von Haslinger erklären lassen, warum es wenig Sonne, aber dafür viel Schnee gibt. Um es vorweg zu nehmen: Skifahrer müssen sich heuer gedulden, mit viel Schnee wird es, laut Haslinger, nämlich nichts. Haslinger hat schon viele Wetterkerzen gesehen, wie Nichtbotaniker die Königskerze der Einfachheit halber nennen. Und weil er erstens ein weit gereister Mann und zweitens in vielen Vereinen engagiert ist, verschlug es den Haslinger dieser Tage zum Gelben Blatt nach Penzberg, um dringende Dinge veröffentlichen zu lassen. Was er aber da zu sehen bekam, verschlug ihm fast die Sprache. „So ein Luder habe ich um diese Jahreszeit noch nie gesehen“, brachte er gerade noch hervor, als er beim Blick auf die Rabatte vor dem Haus eine einzelne Wetterkerze erspähte. Danach war vom Haslinger erst einmal nichts mehr zu hö-ren. Er kramte das Okular hervor, stürzte auf die Terrasse, fiel fast ins Beet und grummelte ohne Unterlass: „Das gibt’s doch nicht.“ Der Laie steht in solchen Momenten fassungslos daneben und sorgt sich um den guten Mann, wie der langsam und hoch konzentriert jede einzelne der zwar hübschen, aber doch recht spärlich gesäten Blüten in Augenschein nimmt. Doch dann hat Haslinger seine Stimme wieder gefunden: „Schau“, sagt er und deutet auf eine Blüte ziemlich weit unten auf der Kerze, „das war der Wintereinbruch vom Oktober.“ Dann kommt erstmal lange Zeit nichts mehr. Die nächste Blüte datiert Haslinger schließlich auf die Wintersonnwende am 21. Dezember. „Da wird es etwas schneien.“ Dann wieder gähnende Leere auf der Kerze, „bis in den Februar, da gibt’s wieder Schnee“, sagt Haslinger. Und auch wenn Ostern nächstes Jahr relativ spät in den April fällt, ist Haslinger überzeugt, als er über die letzte Blüte auf der Kerze streicht: „An Ostern schneit es.“ Eigentlich, so Haslinger, sei das Lesen einer kleinblütigen Königskerze unter wetterkundlichen Aspekten ganz einfach: „Wenige Blü- ten bedeuten wenig Schnee, viele Blüten bedeuten viel Schnee.“ Wa-rum das so ist, vermag er nicht zu sagen, aber dass es so ist, davon ist er überzeugt. Schon als kleiner Bub saß der Haslinger immer gerne mit gespitzten Ohren bei den alten Berg- bauern. Und dabei hat er eines gelernt: „Bevor die zum Holzen gegangen sind, haben sie sich erinnert, wie die Wetterkerze in dem jeweiligen Jahr ausgesehen hat.“ Hat sie für den fraglichen Zeitpunkt keinen Schnee vorhergesagt, blieben die Bauern in der Stube, weil sie eine Schneedecke brauchten, um das geschlagene Holz leichter abtransportieren zu können. Der Haslinger kann sich noch gut an einen Bauern erinnern, für das mit der Wetterkerze alles bloß ein riesengroßer Humbug war. „Der ist zum Holzen rauf, obwohl die Wetterkerze ganz klar gesagt hat, dass es nicht schneit.“ Ergebnis: „Das Holz, das er deshalb nicht abtransportieren konnte, ist ihm verfault.“ Normalerweise blüht so eine Wetterkerze Mitte August und gibt dann Leuten wie dem Haslinger einen tiefen Einblick in das Wetter der kommenden Monate. Das ist auch der Grund, weshalb die kleinblütige Königskerze nicht dafür taugt, eine Prognose für den nächsten Sommer abzugeben. Eine blühende Königskerze im November, auf der Terrasse vom Gelben Blatt, das aber hat sogar den Haslinger umgehauen. „Deat’s ma fei aufpass’n auf des Luder“, gibt er zum Abschied mit auf den Weg. Kein Problem, weil beim Gelben Blatt keiner Kräuterbüschel bindet an Mariä Himmelfahrt. Für diesen Verwendungszweck ist die Königskerze nämlich ganz begehrt und deshalb in der Regel ab Mitte August auch weg vom Fenster. la

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