Feuerwerk aus der Kehle

Jedes Wort eine Explosion: Andrea Fessmann singt mit Laienchor die „Carmina Burana“

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Leidenschaft Ton für Ton: Um das Beste aus ihrem Chor herauszuholen, fordert Andrea Fessmann (rechts) erstens Konzentration und dann Emotionen.

Benediktbeuern – Schon draußen lassen sich die Stimmen drinnen vernehmen, kraftvoll ertönen sie. Es sind nur einzelne Vokale, doch schon bald werden es Worte sein, Worte aus den „Carmina Burana“, die der Chor, eben erst zu einem solchen geworden, in wenigen Tagen auf die Bühne bringen wird.

Sie reißt die Arme in die Luft, als ob sie vor einem riesigen Orchester den Taktstock schwingen würde. Nein, dass sie nicht nur Sängerin und Gesangspädagogin, sondern auch Dirigentin ist, kann Andrea Fessmann nicht verbergen. Dabei dirigiert sie keine Streicher und Bläser, sondern einen Chor, in dem nicht allein geübte Sänger ihren Stimmbändern alles abverlangen, sondern auch blutige Anfänger. Dass Letztere grandios singen können, bemerken sie selbst zwar nicht, Fessmann jedoch schon. In nur fünf Tagen brachte sie diesen Chor auf die große Bühne, und das ausgerechnet mit den „Carmina Burana“, Musikstücken, die nicht gerade leicht von der Zunge tänzeln. 

Carl Orff macht es denjenigen nicht leicht, die sich an seine „Carmina Burana“ wagen. Ungewöhnliche Akzente auf lateinischen Vokabeln, dazu Töne, die, noch nie gehört, sekündlich einer akustischen Überraschung gleichen, und Worte, die wie kleine Explosionen dem Rachen entweichen wollen. „Feuer“ haben die Stücke, findet Andrea Fessmann, deren musikalisches Wirken seit Jahren von den Carmina begleitet wird. Zwischen welchen Lippen da die Töne zu den Noten herausdringen, ist ihr dabei nicht von Belang, wobei, ein gewisses Gesangsvermögen sollte schon gegeben sein. 

Mehr als ein Vermögen, gar eine Begabung erkennt Fessmann, als Anfang dieser Woche ein Chor vor ihr stand, in dem keineswegs professionelle Sänger Luft holen, sondern Laien. Im Rahmen des sechsten Sommerkurses im Kloster Benediktbeuern mit dem Titel „Carl Orff – Carmina Burana und Herzenslieder“ widmet sie sich fünf Tage lang gemeinsam mit weiteren Dozenten wie Kammersänger Martin Petzold und Stimmbildnerin Beate Gartner jenen Frauen und Männern, die ihre Stimme zu den alten Werken erheben wollen. Bereits an Tag eins und nach zweistündiger Probe steht für Fessmann fest: „Es waren noch nie so gute Stimmen dabei wie dieses Jahr“. Kein Wunder also, dass es für die Gruppe recht schnell an die Benedikt­beurer Lieder geht. Selbstredend teilt die Chorleiterin aber zunächst jeden Einzelnen einer Singstimme zu. Und damit sich die Tenöre, Alte, Soprane und Bässe gut in ihre Rolle einfinden, geht es erst einmal an Markus Pytls „Möge die Straße uns zusammenführen“. Doch lange hält man sich damit nicht auf, wenige Minuten später taucht Fessmann mit ihren Schützlingen in die Welt der Benediktbeurer Lieder ein. 

Kein schiefer Ton, keine falsche Pointierung, keine zurückgehaltene Inbrunst entgeht da Fessmann, deren Arme in wilden und zugleich kontrollierten Bewegungen die Sänger zu Wagemut und Emotionalität auffordern. „Bei Orff muss man wirklich die Extreme rausmeißeln“, alles andere dazwischen sei langweilig, grinst die Chorleiterin und drückt die Tasten des Klaviers bis zum Anschlag, nicht ohne jeden Ton mit muskelreicher Mimik zu begleiten. Kein „Kerzeanzünden“ möchte sie hören, sondern ein „Feuerwerk“. 

Der Chor folgt, er schallt „tempus est iocundum“ durch den Allianzsaal, in hohen, gar frohlockenden Tönen eine liebliche Zeit der Freude verkündend, sich in fast flüsterleiser Weise wiederholend. Mal scheinen die Worte wie Raketen zu explodieren, um dann nahezu geräuschlos zu erlischen. Während sich die leisen Stellen also einem Flüstern nähern, gleichen die lauten einem Rufen, einem göttlichen Appell, der in seiner eindringlichen Lautstärke zugleich zart zwischen kreisrund geformten Lippen nach außen dringt. Extreme, die Fessmann eben noch eingefordert hatte und nun schon zu Gehör bekommt. Sie schmunzelt. 

Jedes Wort fordert in den Carmina Aufmerksamkeit, keines darf durch ein hineinfließendes Atmen an Kraft verlieren. „Staunen, atmen, lossingen“, lautet Fessmanns Devise. Nur die Endungen, die dürfen keine allzu große Präsenz genießen, wozu sie jedoch zunächst Gelegenheit bekommen. Denn mit den Füßen folgen die Sänger einem Rhythmus, der wie ein Herzschlag ruhig und konstant mitwandert, und dieser verleitet hie und da zur falschen Betonung. „Wir machen es mal trocken“, sagt dann Fessmann, was so viel bedeutet wie: lesen statt singen. 

Nach der Lektüre geht es jedoch wieder an den Gesang. Die meisten Köpfe im Chor versinken in der Partitur, die Augen spazieren konzentriert die Zeilen entlang, ab und zu taucht ein Kopf hinter dem weißen Schutzschild aus Papier auf, um dann wieder in der Versenkung zu verschwinden.Viele von ihnen scheinen das Stück noch nicht gesungen zu haben, was sie sich gesanglich jedoch nicht anmerken lassen. Vibrierend ertönen die Tenöre aus den hinteren Reihen, hoch dringen die Töne der Soprane zu deren Rechten. Und Fessmann, die sitzt am Klavier, begleitet ihren Chor und lächelt. 

Fünf Tage lang und zahlreiche Stunden proben die Sänger schließlich, Werke von Carl Orff, aber auch von Mozart und Mendelssohn ertönen, um beim großen Abschlusskonzert mit den „Carmina Burana“ im Maierhof zu brillieren. Am darauffolgenden Samstag präsentierte der Chor dann noch die „Herzenslieder“ in der Basilika und ließ sich keineswegs anmerken, das er erst vor wenigen Tagen zu einer stimmlichen Gemeinschaft zusammengefunden hat, die anfangs in den Notenblättern zu versinken drohte. ra

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