Geheimnisvolle Vitrinen

Franz Marc Museum widmet dem „Opus Magnum“ von Anselm Kiefer eine Ausstellung

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Anselm Kiefer lässt in seinen Vitrinen unter anderem aus der Nymphe Daphne einen Lorbeerbaum werden. Auch inspirierte er Ingeborg Bachmann zu Gedanken über das Sonnenschiff.
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Anselm Kiefer lässt in seinen Vitrinen unter anderem aus der Nymphe Daphne einen Lorbeerbaum werden. Auch inspirierte er Ingeborg Bachmann zu Gedanken über das Sonnenschiff.

Kochel – Der Hitlergruß. Keine Körperhaltung ist so dämonisch wie diese. Sie in der Öffentlichkeit zu zeigen, ruft die Strafverfolgungsbehörden auf den Plan. Rechte Glatzen mit dem ausgestreckten Arm, ein Bild, das sich im Gedächtnis eingebrannt hat. Aber dieser zierliche wirkende Mann mit der halbrunden Brille? Man mag es nicht glauben, aber es ist wahr: Anselm Kiefer, vor 75 Jahren in Donaueschingen geboren und längst als einer der bedeutendsten deutschen Künstler der Nachkriegszeit anerkannt, war in der Jugend, wie so viele seiner Kollegen, auch ein Agent provocateur, der gleich nach dem Kunststudium mit einem Skandal auffällig wurde, als er im Rahmen einer fotografisch dokumentierten Performance an verschiedenen Stätten Europas den Hitlergruß ausführte. Das ist lange her und geschadet hat es Kiefer auch nicht, weil schon bald sichtbar wurde, dass nur wenige zeitgenössische Künstler einen so ausgeprägten Sinn für die Verpflichtung der Kunst zur Beschäftigung mit der Vergangenheit und ethischen Fragen der Gegenwart haben. Jetzt widmet das Franz Marc Museum diesem streitbaren und bisweilen auch umstrittenen Zeitgenossen eine eigene Sonderausstellung: „Anselm Kiefer. Opus Magnum“ mit 23 zum Teil geheimnisvollen Vitrinen und sechs Photographien aus den Jahren 2014 bis 2016.

Mit Georg Baselitz und Gerhard Richter gehört Anselm Kiefer zu den deutschen Künstlern, die während, oder kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland geboren, sich einem allgemeinen „traumatischen“ Schweigen über den Nationalsozialismus entgegenstellten: „Ich lebte unter Leuten, die alle dabei waren und nicht darüber reden wollten. Diese Zeit war ein leerer Raum“, sagt Kiefer. Die Nichtanerkennung der Rede von der „Stunde Null“ ist der Ausgangspunkt für sein Werk, das sich in der Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen Vergangenheit und der Shoa tief in die deutsche Romantik und die germanische Mythologie versenkt. Seit den Achtzigerjahren Jahren weitet sich Kiefers Perspektive verbunden mit der „Sehnsucht nach vorwissenschaftlichen Zeiten und Kulturen, als der Mensch noch über eine kosmische Erfahrung verfügte, welche durch die Moderne unwiderruflich verloren gegangen ist“. In seinem Werk begegnen sich die jüdische Kabbala, die griechischen Gottheiten, die biblischen Erzählungen und die Lyrik von Paul Celan, Ingeborg Bachmann und Ossip Mandelstamm. Es lebt von den Wiederholungen, Überkreuzungen und Assoziationen, die durch immer wiederkehrende Themen und Motive evoziert werden. 

Glasbehälter wie Zeitkapseln

Die 23 Vitrinen und sechs Photographien, die Anselm Kiefer zwischen 2014 und 2016 unter dem Titel „Opus Magnum“ zusammengefasst hat, spiegeln dieses Netz von Beziehungen, Referenzen und Zitaten, die er in seinem Werk verwebt. Die Glasbehälter enthalten, gleichsam wie Zeitkapseln, verschiedene Ausdrucksschemata wie zum Beispiel im „Hirnhäuslein“, das frei nach den Gebrüdern Grimm ein Gehirn beinhaltet. Bei „Athamor“ steht ein verrosteter Ofen als Symbol alchemistischer Prozesse, während „Daphne“ die Verwandlung einer Nymphe in einen Lorbeerbaum zeigt. All diese Darstellungen sind gleichzeitig transparent und dicht, leicht und schwer, sie umfassen eine umfassende Verknüpfung von Dingen und Bedeutungen. 

Von Boje zu Boje schwimmen

Die Bedeutung von „Opus Magnum“ ist ambivalent. Der Titel kann das zentrale große Werk des Künstlers, sein Meisterwerk, bezeichnen. Er lässt sich aber auch auf die alchemistische Bedeutung des Transformationsprozesses von unedlen Metallen in Gold verstehen, der in Kiefers Werk eine grundlegende Rolle spielt. Vor dem Hintergrund der Monumentalität und Gewichtigkeit der Gemälde und Installationen Kiefers erscheint „Opus Magnum“ auch als ein Titel mit ironischem Unterton, denn die Vitrinen wirken leicht, hell, transparent. Ihre gläsernen Hüllen umfassen ein assoziationsreiches Ensemble von Dingen und Bedeutungen. In engem Raum umfassen die gläsernen Schaukästen eine Vielzahl von Ideen, Konzepten und Bildern. „Ich denke in Bildern“, sagt Anselm Kiefer, „dabei helfen mir Gedichte. Sie sind wie Bojen im Meer. Ich schwimme zu ihnen, von einer zur anderen. Dazwischen, ohne sie, bin ich verloren. Sie sind die Haltepunkte, wo sich in der unendlichen Weite etwas zusammenballt aus dem interstellaren Staub, ein bisschen Materie im Abgrund der Antimaterie. Manchmal verdichten sich die Trümmer von Gewesenem zu neuen Worten und Zusammenhängen.“ In einem quasi alchemistischen Prozess, so könnte man dieses Zitat verstehen, macht der Maler Worte, Gedichtzeilen oder Erzählungen zu Bildern, verbindet im Meer der Worte die besonderen Sätze der Dichter zu einem neuen bildnerischen Zusammenhang. 

Traumhafte Zeilen

Im Dialog mit den Dichtern und Erzählern entwickelt Kiefer sein malerisches Werk, und die Spuren dieses kontinuierlichen Austauschs mit den großen Texten und Mythen der Weltliteratur lassen sich auf seinen Bildern ablesen. Kaum ein Werk Kiefers ist nicht beschriftet, überall trifft man auf seine linkisch wirkenden, wie im Traum geschriebenen Zeilen. Auch die Orientierung an den lyrischen Haltepunkten scheint unreflektiert, unbewusst, denn Anselm Kiefer schreibt immer zum Schluss auf seine Leinwände, wenn sich die Distanz zwischen seiner Arbeit und ihm einstellen muss. 

Worte als Wegweiser

Man muss die Gedichte von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, die autobiographischen Skizzen von Ossip Mandelstam nicht kennen, muss nicht wissen, woher die Wallküren kommen und wer die Verwandlung der Daphne geschildert hat, um einen Zugang zu den Vitrinen mit ihrem oft rätselhaften Inhalt zu finden. Die Worte sind Wegweiser der Betrachtung. Sie geben aber nur die Richtung an, denn Anselm Kiefer erzählt die uns allen bekannten, wenn auch nur vage erinnerten Geschichten neu und anders. „Der Mythos stellt dar, er gibt Antwort auf die Frage, woher wir kommen, wohin wir gehen, was wir sind. Nur wir können ihn nicht immer lesen. Deswegen enthüllen ihn Kunstwerke durch die Zeiten immer anders“, betont er. 

Nicht eindeutig, nicht logisch

Wie kann man Kiefers Erzählungen folgen? Sie sind weder eindeutig noch logisch, wechseln die Zeitebenen und die Bezugsfelder. Es gehört zu ihrem Wesen, dass sie verschleiern, was sie zeigen. Für Kiefer ist die Kunst insofern verborgen, „als man mit einem klaren Diskurs nicht an sie herankommt“. Diese Überlegung führte bei der Konzeption der Ausstellung zu der Idee, Schriftsteller und Essayisten um Texte zu den einzelnen Vitrinen zu bitten und sich Kiefers Werken damit von den Haltepunkten aus zu nähern, die von ihm selbst als konstitutiv benannt werden. 

Fünfzehn Autoren, fünfzehn Texte

Die fünfzehn Autoren, die dieser Einladung gefolgt sind, haben Texte geschrieben, die so unterschiedlich sind, wie die jeweiligen Schreibstile, Interessen, Hintergründe. Fünfzehn Texte, die immer wieder neue Fäden aufnehmen bei der Suche nach dem Sinn, der Interpretation der Form, dem Verständnis der Symbole. Sie sind poetisch, fragmentarisch, assoziativ, erläuternd. Sie gehen von alten Geschichten aus, um eine neue Erzählung zu entwickeln, spinnen die Fäden weiter, die Anselm Kiefer begonnen hat, entwirren sie und verweben sie neu. 

Befreit von Zwängen

Auf diese Weise versucht die Ausstellung einen besonderen Zugang zum oft rätselhaft erscheinenden Werk Anselm Kiefers zu finden, der die Betrachter aus dem Zwang entlässt, die Motive zu entziffern und zu übersetzen, und ihm die Freiheit gibt, sich den eigenen Assoziationen zu überlassen. Kurzum: Eine sensationelle Ausstellung, die völlig andere Blicke ermöglicht und über die man lange nachdenkt. fw/la

Die Ausstellung „Anselm Kiefer. Opus Magnum“ ist bis zum 21. Februar von Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen (jeweils von 10 bis 18 Uhr) zu sehen.

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