Wedelnde Spiralen

Freilichtmuseum Glentleiten startet mit Einbahnwegen und Gegrunze in die Saison

1 von 5
Neugierige Rüssel: Die Alpenschweine sind neben den Augsburger Hühnern die Neuzugänge an der Glentleiten.
2 von 5
Neugierige Rüssel: Die Alpenschweine sind neben den Augsburger Hühnern die Neuzugänge an der Glentleiten.
3 von 5
Pressesprecherin Melanie Bauer zeigt, dass in einigen historischen Gebäuden nun Einbahnregelungen gelten.
4 von 5
Ein Dutzend Besucher auf einmal dürfen die neue Sonderausstellung „Utopie Landwirtschaft“ besichtigen, an deren Eingang Thomas Neumaiers Feldhubschrauber gelandet ist. 
5 von 5
Vor der Töpferei steht dagegen Gartendekoration, die am Fenster gekauft werden kann.

Großweil – Plötzlich ist da dieses leise Grunzen, ein Schnauben, und schon kommen die drei Alpenschweine um die Ecke. Sie wedeln mit ihren Ringelschwänzen, Futterflocken kleben in den Falten ihres Rüssels. Melanie Bauer, im Freilichtmuseum Glentleiten die Frau für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, lächelt, nicht nur beim Anblick der seltenen Borstentiere, sondern auch, wenn sie auf das Gelände schaut, das nun endlich wieder von Besucher bevölkert werden darf.

Auf der Glentleiten ist nach der Wiedereröffnung alles ein wenig anders, das wird bereits am Anfang klar. Auch im Museum, in dem mehr Frisch- als Raumluft geschnuppert wird, müssen wegen der Corona-Pandemie Hygiene- und Schutzmaßnamhen ergriffen werden. Und so wurde die Kasse kurzerhand in den Starkerer Stadl verlegt. Bereits auf dem Parkplatz weisen Schilder auf den Umzug hin, Pfeile auf dem Boden führen an Absperrungen vorbei zum Eingang. „Dort bekommt jeder Besucher einen Flyer mit“, sagt Bauer. Darauf zu lesen: Hinweise, worauf beim Besuch nun zu achten ist, von Abstands- und Hygieneregeln über Einbahnwege in den Gebäuden bis zur Mundschutzpflicht im Gastronomiebereich, im Kramer- und im Museumsladen sowie an der Kasse. Außerdem die Bitte, die Maske generell in Innenräumen zu tragen, welche nun, wenn möglich, nur einzeln, zu zweit oder als Familie betreten werden sollen. Gar nicht betreten werden muss die Töpferei, die ihre bunt glasierte Ware unübersehbar vor dem Gebäude dekoriert hat und nicht nur drinnen, sondern auch über ein Fenster die Verkäufe abwickelt. 

Abstände einzuhalten dürfte auf dem weiträumigen Gelände kein Problem sein, auf dem 40 Hektar großen Areal sind 58 der 60 historischen Gebäude geöffnet. Nur dort, wo Besucher im Inneren dazu animiert werden, mit verschiedenen Sinnen zu erleben, etwa zu schnuppern und zu tasten, bleiben die Türen geschlossen. Für die Kinder gibt es trotz alledem ausreichend Beschäftigung, denn die Museumspädagoginnen haben Rallyes und Fotosafaris erstellt, welche die jungen Besucher auf Trab halten. 

Fernab der wenigen geschlossenen Pforten sind die vielen übrigen Türen weit „aufgespreizt“, sagt Bauer. Konservatorisch sei das durchaus eine Herausforderung, denn schwankende Temperaturen oder eine starke Luftfeuchtigkeit können den historischen Objekten schon zusetzen, „aber wir haben zwei Restauratoren vor Ort“, schmunzelt die Pressesprecherin. 

Bauer schreitet zu einem der ersten Gebäude, dem Hoderer Hof aus dem Jahr 1757. Vor der alten, geöffneten Tür steht ein Schild mit dem Wort „Ausgang“, wenige Meter weiter, vor einer zweiten Tür, steht abermals ein Schild mit der Aufschrift „Eingang“. „Hier gilt die Einbahnregelung“, sagt Bauer und betritt den alten Bau, der Boden knarzt, drinnen ist es kühl, während draußen die Frühlingssonne scheint, ein perfektes Wetter für das Freilichtmuseum, ein perfekter Start in die Saison, die eigentlich zwei Monate vorher, an Josefi, beginnen sollte, „mit einer großen Sause“, meint die Pressefrau. Nun also ein stiller Start, auch für die Sonderausstellung „Utopie Landwirtschaft“. Die Bilderwelt erzählt von Träumen und Albträumen, von gelungenen Erfindungen und Einführungen sowie von Irrtümern, verheerenden Ideen und deren Umsetzung von der Aufklärung bis heute. Gezeigt wird, was erfunden wurde, um die Arbeit in der Landwirtschaft zu erleichtern, wobei Erfolgswege ebenso veranschaulicht werden wie Misserfolge, die teilweise gar in Katastrophen mündeten. „Während der Maisanbau beispielsweise erfolgreich nach Europa gebracht wurde, hat das mit der Seidenproduktion nicht geklappt“, sagt Bauer, als sie vor einem Bild mit Seidenraupen steht. Versuchen wollte man es trotzdem, zur Zeit des Nationalsozialismus, als man wirtschaftlich autark sein wollte. 

Wenige Meter weiter werden alternative Ernährungsmittel im Hinblick auf die wachsende Bevölkerung gezeigt: gemahlene Heuschrecken, getrocknete Maden oder Tagliatelle aus Algen. „Bei einer richtigen Eröffnung hätten wir Besucher, die sich trauen, probieren lassen“, lacht Bauer und streift vorbei an Werken des Künstlers Thomas Neumaier, der landwirtschaftliche Erfindungen mit Augenzwinkern geschaffen hat, etwa einen mobilen Garten oder Gras in einem alten Koffer. Bauer verlässt schmunzelnd die Ausstellungshalle. Nicht weit davon entfernt ist noch bis Mitte Juni die Sonderausstellung „Eine Neue Zeit“ zu sehen, welche in die Goldenen Zwanziger in Oberbayern entführt. Im Juli folgt schon die nächste Ausstellung: „Die Blumenfrauen vom Viktualienmarkt“ mit bewegenden Nachkriegsfotografien von Hildegard Kaup. 

Blumen interessieren die tierischen Neuzugänge im Freilichtmuseum dagegen herzlich wenig. Stattdessen scharren die Augsburger Hühner munter in der Erde auf der Suche nach prallen Insekten. Wo die seltenen Tiere, von denen es gerade einmal gut 400 Exemplare in Deutschland gibt, zu finden sind, ist nicht zu überhören, denn der Hahn mit seinen üppigen schwarzen Federn macht sich lautstark bemerkbar. Noch weniger Exemplare gibt es dagegen von den schwarzen Alpenschweinen, von diesen wühlen und grunzen etwa 170 in Deutschland. Melanie Bauer führt zu einem Trio, das auf der Erde fläzt, vorbei an einigen Baumstümpfen. Kranke Eschen hätten gefällt werden müssen, und auch andere geschädigte Bäume. Die Museumsmitarbeiter nutzen dafür und für weitere überfällige Gartenarbeiten die coronabedingte Ruhe. Plötzlich ist ein leises Grunzen zu vernehmen. „Unsere Alpenschweine kommen aus Bad Heilbrunn, in Nantesbuch werden sie noch gezüchtet“, erklärt Bauer, und beugt ihren Kopf über den Zaun zu den neugierigen Borstentieren. Mit Mund-Nasen-Maske im Gesicht, die aber ihr Lächeln nicht verbergen kann. Die munteren Gesellen, die deutlich öfter grunzen als der Hahn kräht, sorgen auch bei den Besuchern, die nun vorbeikommen, für fröhliche Mienen. 

Generell hofft Melanie Bauer, dass ein Besuch im Freilichtmuseum die Menschen, welche in der jetzigen Zeit so manche Sorgen tragen und belastet sind, ein wenig „Ablenkung und Entspannung“ verschafft. Und wenn es auch nur das Grunzen und Wedeln der Alpenschweine ist, das einen Moment der Sorglosigkeit schafft. ra

Auch interessant

Meistgelesen

Vorplatz des neuen Familienbades: Planung stößt im Bauausschuss auf viel Gefallen
Vorplatz des neuen Familienbades: Planung stößt im Bauausschuss auf viel Gefallen
Bund unterstützt Sanierung des Südarkadentrakts mit 7,6 Millionen Euro
Bund unterstützt Sanierung des Südarkadentrakts mit 7,6 Millionen Euro
Antdorfer Plattler-Nachwuchs hat seine Proben wieder aufgenommen
Antdorfer Plattler-Nachwuchs hat seine Proben wieder aufgenommen
Rennen am Kesselberg: Autofahrer mit „extremen Geschwindigkeiten“ unterwegs
Rennen am Kesselberg: Autofahrer mit „extremen Geschwindigkeiten“ unterwegs

Kommentare