Den Gockel retten

Politiker im Heu: SPD-Abgeordnete und Bayerischer Bauernverband über die Lage der Landwirtschaft

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Bei der Hofführung zeigten sich Wolfratshausens Bürgermeisterkandidat Manfred Menke, Landrätin Ruth Müller, SPD-Landratskandidatin Filiz Cetin und Landrat Florian von Brunn angetan von dem Kleinbetrieb, den das Ehepaar Fichtner in Linden führt (von rechts).

Bad Heilbrunn – Ihre parlamentarische Sommerpause nutzten die beiden SPD-Landtagsabgeordneten Florian von Brunn und Ruth Müller, um sich vor Ort in ihren Stimmkreisen umzuhören, wo der Schuh drückt. Mit Peter Fichtner vom Bayerischen Bauernverband diskutierten sie über die Lage der Landwirtschaft.

Grasende Kühe, freilaufende Hühner und ein Misthaufen vorm Stall – der abgelegene Bauernhof von Peter Fichtner im Ortsteil Linden gleicht einem Bilderbuchidyll. Die Realität ist für den Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands allerdings alles andere als idyllisch. Seit 1986 bewirtschaftet Fichtner mit seiner Frau dreizehn Hektar Grünland, neun Hektar Wald und zwei Hektar Streuwiesen. Außerdem halten sie zehn Milchkühe. „Meine Eltern führten den Betrieb noch im Voll­erwerb und kriegten damit neun Kinder satt“, erzählt er. Um seine eigene sechsköpfige Familie ernähren zu können, kann er hingegen den Hof nur im Nebenerwerb betreiben. Hoferben gäbe es theoretisch, „aber meine Kinder werden alle mal einen Vollzeitberuf ausüben müssen, um vom Hof leben zu können“, stellt der 61-Jährige fest. 

Schuld daran sei unter anderem der enorme Kaufkraftverlust, schließlich hätten sich die Betriebskosten in den letzten Jahren vervierfacht, während die Erzeugerpreise bei Milch, Fleisch und Holz auf dem Niveau von vor 30 Jahren lägen. „Der Milchpreis war 1989 besser als heute, nämlich 80 Pfennig“, schildert Fichtner, der derzeit 35,5 Cent erhält, seit der jüngsten EU-Neuverordnung zudem aus dem Berggebiet rausgefallen ist und somit auf den Bergbauernbonus von einem Cent pro Liter verzichten muss. Die Politiker sagten zwar, man müsse für die Kleinen was tun, stattdessen würde den Landwirten durch die neue Düngeverordnung das Leben zusätzlich schwer gemacht, bemängelt Fichtner. 

Und noch etwas wühlt ihn auf: „Wie passen Artenschutz und Klimaziele vor unserer Haustüre mit dem Mercosur-Abkommen zusammen?“, fragt er als Vertreter des Bayerischen Bauernverbands. „Wir importieren aus Südamerika den letzten Dreck, damit die Wirtschaft brummt“, wettert der 61-Jährige. Deutschland hole als viertgrößter Agrarimporteur der Welt billige Lebensmittel ins Land, wodurch die heimischen Landwirte einem enormen Preisdruck ausgesetzt seien, denn die Verbraucher entschieden beim Einkaufen über den Geldbeutel. 

Bei Florian von Brunn rennt der Landwirt damit offene Türen ein. „Über den Verbraucher alleine läuft es nicht, das muss die Politik regeln“, sagt der umwelt- und verbraucherschutzpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion. Der deutsche Einzelhandel werde seiner großen Verantwortung nicht gerecht, zahle zu niedrige Erzeugerpreise und achte bei seinen Lieferanten weder auf Nachhaltigkeit noch auf Arbeitnehmerschutz, wie jüngst eine Oxfam-Studie gezeigt habe. „Die Supermarktketten entscheiden, was für Zeug in die Regale kommt“, betont von Brunn, da reiche es nicht, neben Überseeware mit ein paar „Unser Land“-Produkten den Verbraucher zufriedenstellen zu wollen. Die Transportkosten müssen verteuert und die dadurch verursachten Umweltschäden eingepreist werden, fordert er. Auch gebe es ein falsches Verständnis von Freihandel. Alles zu liberalisieren habe sich als falsch erwiesen, vielmehr müsse die Politik Aspekte wie Umweltschutz und Tierwohl in Vereinbarungen festschreiben. „Die entscheidenden Schrauben werden in Europa gestellt“, weiß von Brunn, der darauf hofft, dass die EU-Abgeordneten dem Mercosur-Freihandels­abkommen nicht ohne Weiteres zustimmen und Deutschland das Abkommen nicht ratifiziert, auch vor dem Hintergrund, dass die Regierung Brasiliens zu wenig gegen das Abbrennen des Regenwaldes unternimmt. Von Brunn will das Thema bei Umweltministerin Julia Klöckner „einspielen“ sowie im SPD-Parteivorstand, bei dem er wohl offene Türen einrenne, nachdem sich bereits Außenminister Heiko Maas entsprechend kritisch geäußert habe. 

Gemeinsam mit Ruth Müller, der landwirtschafts- und frauenpolitischen Sprecherin der Fraktion, will von Brunn zudem im nächsten Jahr bei der Neuordnung der europäischen Agrarpolitik eine andere Förderpolitik auf den Weg bringen. „Bislang erhalten 20 Prozent aller Betriebe 80 Prozent der Subventionen“, führt er aus. Man müsse jedoch die Landwirtschaft auf lokaler Ebene stärken und mit Blick aufs Oberland vor allem die kleinen Betriebe. „Wenn wir die Intensivierung der Landwirtschaft nicht stoppen, gehen unsere typischen Orte kaputt, in denen es noch Höfe mit Gockel auf dem Misthaufen gibt“, befürchtet von Brunn. Das hört Landwirt Fichtner gerne, plädiert er doch für die flächengebundene Landwirtschaft, was bedeutet, dass jeder Bauer nur so viel Vieh hält, für das er auch die Futtergrundlage selbst herstellen kann. Und Ruth Müller will Subventionen von gesellschaftlichen Zielen wie dem Tierwohl und der Art der Bewirtschaftung abhängig machen, und nicht von der Größe der bewirtschafteten Fläche. Wer Tierwohl und Umweltschutz einhalte, produziere teurer, dafür müsse es „a Geld“ geben. Auch müssten die Menschen den Landwirten wieder mehr Wertschätzung entgegenbringen und öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen und Altenheime in ihren Küchen nur regionale Produkte verarbeiten. Das sieht auch Manfred Menke so. Der SPD-Bürgermeisterkandidat für Wolfratshausen ist die knapp 30 Kilometer völlig emissionsneutral mit dem Rennrad hergefahren und erklärt es zum Ziel der Politik auf Kommunal- und Landesebene, die Verbraucher noch viel mehr aufzuklären. cw

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