Die Medientüte wird zerknüllt

Regierung von Oberbayern verbietet kontaktlose Ausleihe: Stadtbücherei stellt Corona-Service ein

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In formschöne Tüten wurden die Bestellungen in der Stadtbücherei verpackt, ehe Ilka Heissig die Medientüte vor die Tür zum Abholen stellte. Dem hat die Regierung von Oberbayern nun einen Riegel vorgeschoben.

Penzberg – „Fragen Sie mich mal, was die Leute sagen!“ Katrin Fügener, die Leiterin der Penzberger Stadtbücherei, hat an diesem Mittwochmorgen schon viel zu hören bekommen. Nettes war selten darunter. Am Mittwoch nämlich hat die Bücherei mit sofortiger Wirkung die Ausgabe ihrer Medientüten eingestellt, nachdem die Regierung von Oberbayern allen Bibliotheken auch die kontaktlose Ausleihe von Büchern und anderen Medien untersagt hat. Begründung: Der Gang zur Bücherei sei kein „triftiger Grund“ um die bis 11. Mai verlängerte Ausgangsbeschränkung zu umgehen. Damit kommt es in Penzberg zu der irrwitzigen Situation, dass in der Rathauspassage die Bücherei dicht ist, das Modegeschäft nebenan aber offen.

 Es war eigentlich eine sehr pfiffige Idee: Auf telefonische Bestellung konnten seit ein paar Wochen verschiedene Medien ausgeliehen werden, Bücher, CDs, Comics oder auch Brettspiele. In eine sogenannte Medientüte gepackt landete die Bestellung dann vor der Tür der Stadtbücherei, bereit für die Abholung. Immer von 10 bis 12 Uhr und von 14 bis 16 Uhr erfolgte die Ausgabe nach Termin. Im Zehn-Minuten-Takt wurden die Tüten ausgegeben. Dabei planten die Mitarbeiter anfangs mit einem Viertelstundentakt, doch schon bald gab es dafür einfach zu viele Anfragen – vor allem nach Kinderbüchern. Überrascht davon ist Katrin Fügener aber nicht, immerhin „sind die Kinder den ganzen Tag daheim“. Und so sei es durchaus nicht ungewöhnlich gewesen, wenn manche Eltern gleich 20 Kinderbücher auf einmal bestellen, damit ihr Nachwuchs in andere Welten eintauchen kann, eine andere Welt als die reale, die zeitweise beschränkte. 

Doch damit ist jetzt Schluss: Nachdem die Regierung von Oberbayern zahlreichen anderen Büchereien einen ähnlichen Abholservice untersagt hat, stellten die Penzberger die Ausgabe der Medientüten ein. Darüber, dass man bei der Bezirksregierung dieses Verbot damit begründet, dass der Gang zur Bücherei eine Art der „Freizeitgestaltung“ sei, kann Fügener aber nur den Kopf schütteln. „Die Büchereien haben in den vergangenen Wochen während des Lockdowns einen ganz wesentlichen Beitrag zur Bildung der Menschen und zur Betreuung vor allem kleinerer Kinder geleistet“, betont sie. Interessant ist, dass die Regierung von Oberbayern die zweite bayerische Infektionsschutzmaßnahmenverordnung so auslegt, dass zwar Einkäufe in Supermärkten und beim Bäcker erlaubt sind, die „Inanspruchnahme anderer Dienstleistungen“ aber nicht. Weshalb dann inzwischen alle Läden in Bayern inklusive direktem Kontakt mit dem Verkaufspersonal wieder geöffnet sind, die kontaktlose Ausgabe von Büchern aber weiter verboten ist, versteht nicht nur Katrin Fügener nicht. la/ra

Kommentar von André Liebe:

Vielleicht hätten sie vor die Stadtbücherei eine Parkbank stellen sollen – auf der darf man neuerdings ja sitzen und lesen. Oder sie hätten sich gegenüber, bei Lampka, einfach einen Kleiderständer mit Blusen und Hemden besorgen können. Auch dann hätten sie öffnen dürfen. Aber mit absolutem Kontaktverbot eine Tüte voller Bücher vor die Tür zu stellen, die der dann abholt, der zuvor übers Internet den Inhalt geordert hat, das ist strengstens verboten. Nicht wegen einer möglichen Infektion mit dem Coronavirus, sondern wegen der von der Staatsregierung bis 11. Mai verlängerten Ausgangsbeschränkung. Die sieht nämlich vor, dass der Marsch zur Bücherei kein triftiger Grund ist, um das Haus zu verlassen, sondern eine bloße Freizeitbeschäftigung. Gleichzeitig liegt aber sehr wohl ein triftiger Grund vor, wenn man zu Lampka in die Rathauspassage schlendert, um sich dort Hemd oder Bluse von jenem Kleiderständer zu pflücken, den die Leute von der Bücherei nicht abgeholt haben. Willkommen im bayerischen Corona-Wahnsinn in Woche sechs der Ausgangsbeschränkung. Bislang haben die Menschen im Freistaat auf die Vorgaben der Politik im Großen und Ganzen sehr diszipliniert reagiert. Bestes Beispiel: Keiner schiebt seinen Einkaufswagen ohne Maske vor Mund und Nase durch den Supermarkt. Aber mit jeder Lockerung, zu der sich Ministerpräsident Markus Söder durchringt, wachsen die Widersprüche. Erst war es die Parkbank, auf der man zwar kurz sitzen, aber nicht lesen durfte, was schleunigst korrigiert wurde. Seit einiger Zeit liegt nun schon ein triftiger Grund vor, wenn Leute aus München oder Augsburg das Cabrio aus der Garage holen oder das Mountainbike aufs Dach ihres Kombis schnallen, um einen schönen Ausflug in die Berge zu unternehmen. Fahrten mit dem Motorrad sind aber weiter strengstens untersagt. Und jetzt der Bücherei-Erlass, so etwas verstehen die Menschen nicht mehr. Die Staatsregierung wäre deshalb gut beraten, umgehend zum Korrekturstift zu greifen, ehe die Stimmung in der Bevölkerung kippt. Es ist nämlich nicht zu vermitteln, wenn Söder beinahe jeden Tag jene Familien lobt, die regelmäßig ihren Kindern vorlesen und so einen wertvollen Beitrag zur Bewältigung des Frusts über die Ausgangsbeschränkung leisten, und er gleichzeitig diese Familien vom Büchernachschub abschneidet. Oder glaubt man in der Staatskanzlei wirklich, dass sich alle Familien die wöchentliche Literaturbestellung bei Amazon oder den Gang zur Buchhandlung (die übrigens öffnen darf) problemlos leisten können?

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