Frauenbärte und Holzbeine

Humorist mit Hintersinn: Karl Valentins München – eine Sammlung für die Nachwelt

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Der Gummihautmensch Heinrich Haag: Menschen, die nicht der scheinbaren Norm entsprechen, faszinierten Karl Valentin.

Benediktbeuern –Ein Mann zieht die Haut seines Halses über sein Gesicht, ein anderer schneidet meisterhaft und zugleich ein wenig unheimlich eine Grimasse: Menschen fernab der vermeintlichen Norm faszinierten den Humoristen Karl Valentin, wie eine Sammlung in Benediktbeuern nun zeigt.

Karl Valentin kennen die meisten als hintersinnigen Komiker. Dabei war der Humorist auch ein leidenschaftlicher Sammler des „alten München“ des 18. und 19. Jahrhunderts. Eine Ausstellung in der Fachberatung Heimatpflege im Maierhof des Klosters Benediktbeuern zeigt nun einen Ausschnitt aus der umfangreichen Sammlung, und zwar die „Stadtoriginale“, die bislang im Stadtarchiv München ein Schattendasein fristeten. 

Mit gesammelten Fotografien, Zeichnungen, Plakaten, Dias, Zeitungsausschnitten und Ansichtskarten wollte Karl Valentin seine sich stetig verändernde Heimatstadt München und deren bedrohte Alltagskultur für die Nachwelt bewahren. „A oids Buidl vo München is mehra wert ois a Brillant“, wird Valentins Credo zitiert. Neben Häusern, Straßen und Plätzen lagen dem passionierten Sammler auch die Menschen am Herzen, und zwar vor allem die „Bsonderen“, die „Spezialitäten“, die „Originale“. In seinen Augen prägten sie München kulturell nachhaltig, weshalb Valentin die Auserkorenen akribisch mit Foto und Nummer katalogisierte und sie in Lichtbildervorträgen der Zuhörerschaft in Münchner Wirtshäusern vorstellte. 

Die Ausstellung zeigt Handwerker, Weltverbesserer, Schausteller, Wirtsleut oder Volkssänger. Erstmals wurde nun versucht, deren Lebensgeschichten zu rekonstruieren. So erfährt man etwa, dass der Wirtssohn Ignaz Lumberger ganz vernarrt in die technische Errungenschaft der elektrischen Trambahn war und sich mit blauer Kappe und Signalpfeife an verkehrsreichen Kreuzungen den Ruf als „Trambahnpfeiferl“ erwarb. Oder dass Josef Robl als fahrender Sägfeiler durch Münchens Stadtteile zog und sich dazu mangels finanzieller Mittel aus „Glump“ ein Dreirad baute, welches später Karl Valentin seiner Sammlung einverleibte. An einer Videostation kann man Robl bei der Arbeit zusehen, eine Hörstation bietet wiederum Lieder und Couplets der vorgestellten Sänger und Musikanten als Endlosschleife. 

Fasziniert war Karl Valentin wohl von allem, was nicht der Norm entsprach. Und so gehören zu seiner Sammlung auch Menschen mit körperlichen Besonderheiten wie Zwerge, Holzbeinträger, bärtige Frauen und Grimassenschneider. Dass sich hinter den „Abnormitäten“ oftmals tragische Geschichten verbargen, erfährt der Besucher am Beispiel vom „Gummihautmenschen“ Heinrich Haag, der seine Haut vom Hals übers Gesicht ziehen konnte, was weniger artistischem Talent, sondern vielmehr einer seltenen Bindegewebserkrankung geschuldet war. Aber auch erfolgreichen „genormten“ Menschen, die Mut zu Neuem hatten, erweist Valentin die Ehre, etwa dem Festwirt Georg Lang, der auf der Münchner Wiesn mit der „Augustiner Bierburg“ das erste Riesenfestzelt errichtete, elektrische Beleuchtung und Musikkapelle inklusive. 

Ergänzt wird die Ausstellung von einem Begleitband sowie von Zusatzveranstaltungen in Benediktbeuern und München, darunter Vorträge und Führungen im Valentin-Karlstadt-Musäum und ein Theaterworkshop im Maierhof. 

Die Ausstellung ist noch bis 8. Dezember zu sehen und bei freiem Eintritt immer dienstags und samstags von 13 bis 17 Uhr sowie sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. cw

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