Blasmusik und Blütenmeere

Ein besonderes Gedenken an die Opfer der Penzberger Mordnacht

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Blütezeit verschoben: Vergangenen Dezember durften beim Besuch von Bundespräsident Steinmeier in Penzberg bereits einige Mahnblumen sprießen, doch bis sie in der Stadt wieder wachsen können, müssen sie sich nun noch gedulden.
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An diesen 16 Orten in der Stadt wird am 28. April das Steigerlied zu hören sein.

Penzberg – In drei Tagen jährt sich zum 75. Mal die Penzberger Mordnacht. Ein besonderer Tag, der besonders gewürdigt werden sollte und auch wird. Aber eben nicht so, wie es die Stadt seit Monaten geplant hatte. 

Der Corona-Krise wegen sorgen nun am kommenden Dienstag Trompete und Flügelhorn dafür, dass die Penzberger ihre Fenster und Ohren öffnen für die Opfer einer grausamen Nacht. An 16 Standorten in der Stadt sollen sanfte Tönen zu hören sein. Eine Zahl, die sich in Penzbergs Geschichte eingebrannt hat. Denn in der Penzberger Mordnacht am 28. April 1945 wurden 16 Frauen und Männer von Schergen des NS-Regimes ermordet. Der Opfer wird in Penzberg jedes Jahr an besagtem Tag gedacht, auch heuer. Es sei „ein großer Tag für die SPD gewesen und ist es noch immer“, sagt Bürgermeisterin Elke Zehetner beim Blick auf den Gedenktag, ehe sie das Wort an Bayram Yerli, den Chef der Sozialdemokraten, übergibt. „Alles war geplant und Redner waren eingeladen“, sagt er. Doch dann kam die Corona-Krise. Nichtsdestotrotz soll der Tag nicht gedankenlos und gedenkenlos verstreichen. „Wir werden an 16 verschiedenen Orten in der Stadt Musik spielen lassen“, sagt Yerli. 

Am kommenden Dienstag kurz vor 18 Uhr ist Stille gefragt und gefordert. Die Penzberger sollten für wenige Minuten, wenn möglich, „das Autofahren einstellen“, meint Yerli. Und jene, die nicht im Wagen, sondern im Haus sitzen, sollten ihre Türen und Fenster weit öffnen, weiße Tücher heraushängen und andächtig lauschen. Zur vollen Stunde erklingen zunächst die Kirchenglocken und dann Noten, zu Gehör gebracht von Mitgliedern der Stadt- und Bergknappenkapelle sowie vom Nachwuchs der Musikschule. „15 Musiker haben wir schon, den einen kriegen wir auch noch“, lächelt Dirigent Simon Zehentbauer beim Blick auf Instrumentalisten, die sich auf die verschiedenen Plätze verteilen: vor der Hubkapelle, am Eingang des Steigenberger Hofs, im Innenhof des AWO-Seniorenzen­trums, am Platz der Städtepartnerschaften, vor dem Gasthaus zur schönen Aussicht, beim Förderrad, vor der Aussegnungshalle des Friedhofs, im Garten des Klinikums, vor der evangelischen Kirche, vor der Moschee, auf dem Turm der Christkönig-Kirche, am Stadtplatz, vor der Stadthalle, vor dem Kriegerdenkmal sowie am Denkmal für die Opfer des 28. April 1945. 

Was ertönen soll, darüber hat sich Zehentbauer ausführlich Gedanken gemacht. Einen Trauerchoral vor einem Seniorenheim oder dem Krankenhaus zu spielen, „wäre nicht so geschickt gewesen“, sagt er. Nun werde das Steigerlied, ein ebenfalls „andächtiges Lied“, erklingen, und zwar immer in Richtung Zuhörerschaft. Auf dem Stadtplatz sogar von einer Drehleiter, auf der Bernhard Schreyer in 30 Metern Höhe spielen wird. „Ich hab‘ gefragt, wer den Boden unter den Füßen verlieren möchte“, lächelt Zehentbauer, immerhin sei so eine Drehleiter „unfassbar hoch“. Während Schreyer nun also nach ein paar Proben in schwindelerregender Sphäre das Steigerlied blasen wird, soll die an diesem Tag obligate Kranzniederlegung am Friedhof erfolgen, aber im ganz kleinen Kreis, wie Rathauschefin Zehetner sagt. Sobald das Steigerlied verklungen ist, bleibt die Stille, und der auf wenige Minuten verkürzte, aber umso intensivere Gedenktag nimmt ein jähes Ende. 

Jäh geendet sind mit der Corona-Krise auch die Pläne des Museums Penzberg, im April insgesamt 300 Mohnblumen an Orten des Gedenkens blühen zu lassen. Mahnblumen des Künstlers Walter Kuhn, wie sie bereits als Friedenszeichen und Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus vor eineinhalb Jahren auf dem Münchner Königsplatz zu sehen waren. 150 Menschen haben schon eine Patenschaft für eine Seidenblume auf Drahtstiel und Holzplatte übernommen, 150 weitere warten noch auf Paten. Doch weil solche roten Blütenmeere zahlreiche Blicke auf sich ziehen könnte, denn „auch Kunst im öffentlichen Raum ist im besten Fall eine Attraktion“, so Freia Oliv vom Museumsteam, entschloss man sich wegen des Versammlungsverbots, die Aktion, mit welcher auch eine Gedenk-Matinee, Perfomancekunst und ein Live-Hörspiel verbunden sind, auf den Herbst zu verschieben. Dann, so Oliv, gäbe es ausreichend Gedenktage, die ein historisches Fundament für das Blütenmeer liefern können. Und dann soll die Thematik auch mit Schüler aufgegriffen werden, die bei freiem Eintritt die Ausstellungsräume im Museum zu den Mahnblumen und der Penzberger Mordnacht betreten dürfen. 

Ebenfalls freien Eintritt erhalten Schüler bei den Lesungen, welche die Stadtbücherei zum Gedenken an die Penzberger Mordnacht geplant hat. Beide Veranstaltungen mussten aber verschoben werden: „Max Mannheimer – Spätes Tagebuch“, gelesen von Michael Stacheder, soll nun am 13. November um 19 Uhr in der Stadtbücherei zu hören sein, und die „Lesung aus verbrannten Büchern“ mit Ludwig Spaenle, ein Kooperationsprojekt mit der Volkshochschule, wird sogar auf den 28. April 2021 verlegt. Doch auch wenn es zu beiden Lesungen noch ein wenig hin ist, möchte das Büchereiteam dennoch erinnern. Zum einen gibt es die gesamte Lektüre zum 28. April 1945 in den Regalen, zum anderen ist das „prominenteste Fenster“ der Bücherei zum Gedenken an die Mordnacht dekoriert. Nicht nur Lektüre findet sich dabei in der Auslage, sondern auch eine Mahnblume. ra 

Weitere Infos zu den Patenschaften für Mahnblumen gibt es unter www.museum-penzberg.de/ausstellungen/mahnblumen-fuer-penzberg und zu den Lesungen unter www.buecherei-­penzberg­.de/veranstaltungen.

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