Wahlkampf in der Krise

Zehetner hetzt herum und haut einen blöden Satz raus, Korpan wartet beinahe still

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Feuerwehr und Postbotin: Elke Zehetner hetzt mitsamt Fotograf durch die Stadt, Stefan Korpan nimmt derweil einen Videoclip auf.
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Feuerwehr und Postbotin: Elke Zehetner hetzt mitsamt Fotograf durch die Stadt, Stefan Korpan nimmt derweil einen Videoclip auf.
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Feuerwehr und Postbotin: Elke Zehetner hetzt mitsamt Fotograf durch die Stadt, Stefan Korpan nimmt derweil einen Videoclip auf.

Penzberg – Irgendwie erinnert es an früher, als man es kaum erwarten konnte, bis das Christkind kam. So ist es jetzt auch wieder, noch einmal schlafen, dann weiß Penzberg, wer die Stadt in den kommenden Jahren als Bürgermeister leiten wird: Amtsinhaberin Elke Zehetner oder Stefan Korpan. 

Nähme man das Ergebnis des ersten Durchgangs als Gradmesser, dann wäre die Sache klar: Knapp drei Viertel der Penzberger wollten da Zehetner nicht mehr im Amt sehen. Warum sollte sich das binnen vierzehn Tagen ändern? Seither aber ist nichts mehr klar und nichts mehr normal.

Bevor in Bayern die Ausgangsbeschränkung in Kraft tritt, gerät Elke Zehetner noch ganz schön außer Atem: Feuerwehr, Polizei, der Pfarrer, die Islamische Gemeinde, Rewe, Apotheke, Klinikum und das AWO-Seniorenheim. Sie hetzt von hier nach dort, erkundigt sich über die jeweilige Lage und bedankt sich für den Einsatz in dieser Ausnahmesituation. Einen Fotografen im Windschatten, der diese Hetzerei festhält, bleiben ihr bei manchen Stationen nur wenige Minuten. „Schade“, raunt einer aus dem systemrelevanten Bereich, „dabei hätten wir mit ihr viel zu besprechen gehabt wegen dieser Krise.“ Von der Feuerwehr stürmt sie, gleich nebenan, zum Roten Kreuz, wo man aber für ein Foto keine Lust hat. Zehetner stürzt nach draußen, wo ihr eine Postbotin über den Weg radelt. Foto, Dank für die Aufrechterhaltung der Briefzustellung, weiter zur nächsten Station. 

Ein wenig fühlt man sich in diesen Corona-Tagen an 2002 erinnert. Bundestagswahlkampf, Stoiber liegt weit vor Schröder, als es in Sachsen zu regnen beginnt und nicht mehr aufhört. Die Elbe tritt über die Ufer, eine riesige Katastrophe. Schröder, der Basta-Kanzler, kommt, schickt die Bundeswehr und verspricht Milliarden-Hilfen. Stoiber hat Pech: Er ist überall nur die Nummer zwei, und wo er auch auftaucht, es hat den Anschein, als käme er nur des Wahlkampfs wegen. Nun, diesen Fehler hat Stefan Korpan nicht gemacht. Er wüsste zwar, wie Krise geht, schließlich ist er bei der Polizei, wo man sich schon längst auf die Ausnahmesituation eingestellt hat. Aber er hat seinen Wahlkampf eingestellt. Ein Video mit Landrätin Jochner-Weiß und dem Appell, sich an die Ausgangsbeschränkung zu halten: Mehr ist von ihm nicht zu hören. Elke Zehetner hätte vielleicht auch die Landrätin fragen sollen, ob sie mit ihr ein Video macht. Statt dessen haut sie einen Satz raus, dessen Tragweite ihr erst etwas später bewusst wird. Auf Facebook schreibt Zehetner ungelenk: „Ich vertraue auf die vernünftigen Bürger, die am 29. März wissen, wer sich mit Leidenschaft die vergangenen Jahre für unsere Stadt eingesetzt hat und dies auch weiter möchte.“ Eine Stunde und einige Kommentare lang, ob denn jeder der Korpan wählt, zwangsläufig unvernünftig sei, kursiert diese Botschaft im Netz. Dann die gleiche Nachricht noch einmal, aber ohne „vernünftig“. Die Geister, die sie rief, waren da schon nicht mehr einzufangen. 

Dabei beginnt Zehetner ihre von Corona zugedachte Rolle als Krisenmanagerin gar nicht schlecht. Am Dienstag nach der Wahl, die Schulen waren gerade mal 24 Stunden geschlossen, verkündet sie eine Unterstützungsaktion für die Alten und Schwachen. Die, so die Botschaft, sollten sich alle bei ihr persönlich melden, sie gebe dann Namen und Adresse an die Nachbarschaftshilfe weiter, welche Einkäufe und andere Besorgungen organisiere. „Klar machen wir das“, sagt Petra Mursch von der Nachbarschaftshilfe, ehe sie eine Pause einlegt: So, wie die das im Rathaus wollen, raunt sie, funktioniere das aber nicht. „Ich vermittle Hilfe nur für Leute, die bei der Nachbarschaftshilfe dabei sind oder die ich persönlich kenne“, sagt Mursch. Zu groß sei ihr das Risiko, bei Unbekannten auf einen Gauner oder Betrüger hereinzufallen. „Diese Verantwortung übernehme ich nicht.“ Dies habe sie im unter der Leitung von Zehetner tagenden Krisenstab auch mitgeteilt, ihre Bedenken seien von der Polizei ausdrücklich geteilt worden. Für Petra Mursch bedeutet das: „Wenn mein Kontingent erschöpft ist, muss sich das Rathaus um die Unterstützung kümmern.“ 

Derzeit ist es aber noch erstaunlich ruhig, gerade mal ein halbes Dutzend an Anfragen sind bei der Nachbarschaftshilfe eingegangen. Noch haben die 35 Helfer, die auf Abruf parat stehen, kaum etwas zu tun. „Bis jetzt helfen sich die Leute gegenseitig, das ist eine ganz tolle Sache“, sagt Petra Mursch. Allerdings rechnet sie damit, dass die Welle bald anrollen wird. „Bis jetzt zehren viele noch von den Vorräten, die sie ohnehin haben. Wenn die aufgebraucht sind, werden auch die Rufe nach Hilfe mehr“, ist sie überzeugt. 

Krisenmanagement in Zeiten wie diesen ist immer ein Ritt auf der Klinge, zumal der Handlungsspielraum von Bürgermeistern bei Corona eher marginal ist, weil Berlin, vor allem aber München den Takt vorgibt. Im Vergleich zum Ministerpräsidenten ist jeder Rathauschef nur ein Söderlein. Es ist Montagabend, der Krisenstab hat auch an diesem Tag wieder getagt. „Endlich“, sagt einer, der dabei war, „wurden mal längst überfällige Entscheidungen getroffen.“ Dass die drei Bürgermeister, die Leute aus dem Rathaus und die Vertreter der wichtigsten systemrelevanten Organisatoren jeden Tag um 10 Uhr auf engstem Raum beieinandersitzen, ist jetzt passé. Ab sofort gibt es Videokonferenzen. Auch dass im Rathaus bislang „business as usual“ betrieben wurde, alle an Bord, mit unkalkulierbarem Ansteckungsrisiko, wird an diesem Montag über den Haufen geworfen. Jetzt gibt es in jeder Abteilung zwei Gruppen, die getrennt voneinander arbeiten, damit im Falle einer Infizierung mit dann unabdingbarer Quarantäne der Betrieb weiterlaufen kann. Und jetzt werden auch endlich Schutzmasken gekauft. „Wir haben zwei Wochen verloren“, klagt einer, der dabei war, seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen will. „Kein Wunder“, meint ein anderer, „die Stichwahl ist ja eine Briefwahl. Die meisten Leute haben schon gewählt, jetzt können wir endlich vernünftig arbeiten.“ 

Dienstagmorgen: Einer vom Bauhof ist vom Virus befallen. Penzbergs vierter Corona-Fall, keine schwer wiegenden Symptome, kein Grund zur Panik. Elke Zehetner wirkt aufgeräumt wie lange nicht mehr. Ist der Wahlkampf schon gelaufen? Sie verkündet das, was von ihr erwartet wird: Die Pächter von Immobilien der Stadt werden erstmal bis April von der Pacht befreit. Und die Nebenkosten für Strom und Wasser werden gestundet. Das sorgt in der Stadthalle, in der Rathauspassage, im Café Freudenberg, im Troadstadl und im Café Extra für ein Durchschnaufen. Und Zehetner tut etwas, was sie noch nie getan hat: Sie nimmt unwidersprochen einen Vorschlag von Monika Uhl, der Chefin des Gewerbevereins Pro Innenstadt, auf und erklärt, dass man im Rathaus die Vermieter aller Gewerbeimmobilien bitten werde, dem Beispiel der Stadt zu folgen. 

Bei der CSU geht man sogar noch einen Schritt weiter: Deren Fraktionsvorsitzende Christine Geiger fordert von der Bürgermeisterin, einen Sofortfonds in Höhe von 10 Millionen Euro für schnelle und unbürokratische Hilfe für Penzberger Betriebe aufzulegen und Wirtschaftsförderin Monique van Eijk mit der Koordination zu beauftragen. Blöd nur, dass die Wirtschaftsförderin davon erst durch Das Gelbe Blatt erfährt.

Und so gehen in Tagen wie diesen kleine Erfolgsmeldungen beinahe unter. Etwa jene, dass der Bauhof für die Apotheken die Zustellung von Medikamenten übernommen hat, dass die Lehrer der Musikschule via Skype und FaceTime unterrichten, dass sich in der Islamischen Gemeinde 25 Jugendliche als freiwillige Helfer gemeldet haben und dass auch der Rotary-Nachwuchs nur auf seinen Einsatzbefehl wartet. 

Der Wahlkampf hat sich jetzt in die sozialen Medien zurückgezogen. Thomas Keller, der aus dem Stadtrat gewählte SPD-Mann, startet beinahe täglich einen etwas larmoyant wirkenden Aufruf für Zehenter. Der Grund: Wenn sie am Sonntag gewinnt, bleibt er Stadtrat, sonst ist er draußen. Da fleht einer darum, politisch am Leben gelassen zu werden. Und Korpan? Der schweigt, dafür spricht Ilse Aigner, die Landtagspräsidentin. Sie kennt beide, Zehetner und Korpan, und sie spricht sich für Korpan aus. la

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