Müsli ohne Milch

Seit stolzen tausend Jahren wird in der Jaudenmühle in Habach Getreide verarbeitet

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Heute wie gestern: Kaum verändert hat sich die Jaudenmühle in den vergangenen Jahrzehnten, zumindest auf den ersten Blick. Denn wer das Gebäude betritt, wo aus Getreide Futter wird, der hört und sieht sogleich, dass Müller Ignaz Freisl mittlerweile auf moderne Maschinen setzt.
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Heute wie gestern: Kaum verändert hat sich die Jaudenmühle in den vergangenen Jahrzehnten, zumindest auf den ersten Blick. Denn wer das Gebäude betritt, wo aus Getreide Futter wird, der hört und sieht sogleich, dass Müller Ignaz Freisl mittlerweile auf moderne Maschinen setzt.

Habach – Staub in der Luft, knarzendes Holz, plätscherndes Wasser: eine Mühle, eingebettet in die Natur, ein wenig verlassen. Ein perfektes Bild für einen romantischen Landschaftsmaler. Idyllisch liegt auch Ignaz Freisls Jaudenmühle in Habach. Und obwohl weder ein Wasserrad noch ein Bächlein zu sehen sind und statt Plätschern das Surren einer Maschine zu hören ist, wirkt das Anwesen doch ein wenig aus der Zeit gefallen. Vielleicht, weil die Mühle bereits seit tausend Jahren mahlt und heute wie damals der Duft von Getreide in die Nase dringt, obgleich schon seit geraumer Zeit kein Gramm Mehl mehr gemahlen wird.

Für ein Familienfoto wirft sich Ignaz Freisl schon mal in Trachtenhemd und Jan­ker, ansonsten aber sieht man den 34-Jährigen oft in seiner Arbeitshose, auf der sich der Staub aus der Mühle niederlegt. Wobei, eigentlich müsste es korrekterweise Ignaz V. heißen, denn seine Vorfahren trugen auch schon diesen Namen, sein Vater Ignaz wie auch sein Großvater Ignaz waren, wie er, leidenschaftliche Müller. Anno 1822 erwarb Ignaz I. die Mühle auf einer Versteigerung. Damals war die Jaudenmühle nicht im besten Zustand, „überall waren Brennnesseln“, sagt Freisl. Doch Ignaz I. brachte den Betrieb wieder auf Vordermann.

Müsli für Kälbchen

Dass die Gebäude nicht mehr in voller Blüte standen, mag damals aber kaum verwundert haben, schließlich wurde die Jaudenmühle bereits 1020 gegründet, für das Chorherrenstift Habach und zur Versorgung der Einheimischen. Nicht die einzige Mühle in Habach, „es gab fünf“, so Freisl. Zwar sei es in der damaligen Zeit durchaus üblich gewesen, dass in einem Ort eine Mühle mahlt, doch gleich eine Handvoll in einem kleinen Dorf, „das ist schon etwas Besonderes“, so der Müller. Die Jaudenmühle mahlt bis heute. Und wie es bereits vor tausend Jahren üblich war, wird nicht allein auf die Mühle gesetzt. Freisl ist auch im Wald zu finden, „wir haben eine mittelgroße Forstwirtschaft“, sagt er, wo noch alles „motormanuell“ gemacht werde. Selbst seine Pferde spannt er in die Arbeit ein, zum Holzrücken. Und vielleicht auch in der Mühle, dort nämlich produziert Freisl Tierfutter. Bereits vor rund 50 Jahren wurde die Mehlproduktion eingestellt. Stattdessen stellt Freisl mit einem guten Dutzend Mitarbeitern Mischfutter her, wie etwa Kälbermüsli, dessen Stärke die Umstellung von Milch auf festes Futter erleichtern soll, oder Legemehl, dank dem Hühner ihre Eier mit einer guten Schalenqualität legen sollen. Eine Produktion, die von großer Bedeutung sei, wie Freisl betont, schließlich werden bei der Tierfutterherstellung Ressourcen geschont und vermeintliche Abfallprodukte veredelt, genauso wie Körner, die für den menschlichen Verbraucher aussortiert werden mussten, und sei es aus ästhetischen Gründen. 

Futter ohne Gentechnik

Freisl ist dabei ein Müller mit Idealen. Sein Mischfutter ist gentechnikfrei. Nicht nur, weil er das so will, sondern auch, weil die Kunden sensibel für diese Thematik sind. Vor einigen Jahren hätten nur wenige Leute die Gentechnik „aufm Schirm gehabt“, doch zu diesen wenigen zählten die Landwirte, die weder große Konzerne durch den Einsatz von Gentechnik noch mächtiger machen, noch ihre Tiere mit behandeltem Futter versorgen wollten, erinnert sich der Müller. „Die Bauern waren sogar bereit, einen Aufpreis zu zahlen“, sagt Freisl, und das, obwohl der Verzicht auf Gentechnik vor ein paar Jahren von den Molkereien noch nicht honoriert worden sei. 

Maschinenlärm und knarzende Holzböden

Manche Säcke in der Jaudenmühle sind auch mit Biofutter gefüllt. Sichtlich stolz blickt der Müller auf das Bio-Zertifikat und das Biokreis-Zertifikat. Doch ebenso wichtig wie die Qualität der Produkte ist dem Habacher die Herkunft. „Wir schauen, dass wir aus der Region beziehen“, sagt er. Ein großer Teil des Getreides stamme aus dem südlichen Raum, aus dem Münchner Umland. Einen etwas weiteren Lieferweg hat der Rapsschrot aus Niederbayern. In jener Region hat der 34-Jährige auch sein Handwerk erlernt, in einer Mühle, die noch einen etwas anderen Antrieb als die seinige aufwies. Wer nämlich Freisl Mühle betritt, dem dringt nicht nur ein intensiver Getreideduft in die Nase, sondern auch das Surren von Maschinen in die Ohren. Freisl marschiert zu einem Bildschirm: Wann was mit welchen Körner geschieht, lässt sich über einen Computer steuern. Der Strom wird vor Ort erzeugt, denn um die Wasserkraft besser nutzen zu können, wurde Ende der Sechzigerjahre die Wasserkraftanlage in ein Speicherkraftwerk umgebaut, seit Anfang der Neunzigerjahre dreht sich darin eine Pelton-Turbine. Die Maschinen in der Mühle sind auf mehrere Etagen verteilt und wirken in ihrer Modernität ein wenig deplatziert in dem alten Bau, mit dem knarzenden Holzboden, den schmalen Treppenstufen und den Schnitzereien in der urigen Eingangstür, unter denen sich das Familienwappen befindet. Auf diesem ist ein Hase abgebildet, wie passend, obgleich Enten, Hühner, Hirsche oder Schafe ebenso angebracht wären, denn für alle möglichen Nutztiere werden individuelle Futtermischungen produziert. 

„Manche sagen, es riecht gut in einer Mühle“

Als Laie durchblickt man zwar kaum, in welchem Behälter was geschieht, doch im Grunde genommen ist der Aufbau der Mühle simpel: Von der Annahme und dem Einlagern im Silo geht es in die Produktion, ans Dosieren, Vermahlen, Mischen und eventuell noch ans Pelletieren und schließlich ans Abfüllen. „Manche sagen, es riecht gut in einer Mühle“, sagt Freisl, greift in einen der vielen Behälter und atmet das Aroma der Körner ein. Eine Etage höher greift er in den nächsten Bottich und spürt warme Flocken in seiner Hand. 

Tonnenweise Mischfutter

Auf dem Gelände herrscht reger Betrieb, auch in Corona-Zeiten. Freisl sucht derzeit sogar weitere Mitarbeiter. Wie sollte es auch anders ein, denn im Laufe der Jahrhunderte gab es ebenso schwierige Zeiten, und die Mühle lief dennoch, zumindest weiß er nicht, „dass sie überhaupt mal stillgestanden ist“, lächelt Freisl. Gewiss wird es hie und da eine Zwangspause gegeben haben, doch Mehl war für die Lebensmittelproduktion in guten wie in schlechten Zeiten unabdingbar. Während des Zweiten Weltkriegs habe man sogar Arbeiter im Betrieb halten müssen und nicht in den Krieg ziehen lassen, weiß der 34-Jährige. Mehl wird zwar nicht mehr produziert, doch auch in Corona-Zeiten brauchen die Tiere Futter. Ebenso wie das Getreide, das der Müller bezieht, bleiben auch Freisls ausgelieferte Produkte in der Region. Rund 500 landwirtschaftliche Betriebe versorgt Freisl, 80 bis 120 Tonnen Misch­futter produziert er am Tag. Da mag es kaum verwundern, dass die Maschinen aus der Mühle über den Hof lärmen, bis an die 1822, also im Jahr der Betriebsübernahme, errichtete alte Mühle. In zwei Jahren möchte Freisl das 200-jährige Jubiläum des Familienbetriebs feiern, wenn schon das 1.000-Jährige der Jaudenmühle heuer wegen Corona nicht gefeiert werden kann. 

Erhöhtes Idyll

Während es unten am Hof laut rumort, ist es auf dem Hügel des Geländes ganz still, dort wo Freisls Pferde grasen und seine Frau Julia in Schwarzerde Gemüse anbaut. Und dort oben, fernab der surrenden Maschinen, hat Müller Freisl dann auch ein kleines Idyll, das die Landschaftsmaler der Romantik begeistert hätte. Zwar ohne Mühle und Bach, dafür aber mit üppigem Gemüse. ra

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