Die Kindsbier-Affäre

Penzberger Stadträte feiern bei einer Corona-Party mit und werden erwischt

Nach der nichtöffentlichen Sitzung blieben manche Penzberger Stadträte länger in der Stadthalle als sie sollten.

Penzberg – Ton an, Kamera läuft: Draußen fährt lautlos die Streife vor, während drinnen fröhlich gezecht wird. Die Beamten schalten die Scheinwerfer aus und lassen die Wagentüren leise zufallen. In der Gaststube bemerkt keiner das nahende Unheil. Nur einer ist auf der Hut: Ludwig Schmuck, der im neuesten Penzberg-Krimi sich selbst spielt, wie die anderen Hauptdarsteller übrigens auch. Schmuck sieht, wie sich die Polizei im Dunkel der Nacht langsam heranschleicht. Er springt auf, stößt den Tisch um und rennt nach draußen, durch den Hinterausgang. Die anderen, der Wirt, der neue Bürgermeister, die alte Bürgermeisterin und eine Handvoll hochmögender Stadträte sitzen in der Falle: ertappt. Eine fröhliche Feier mit Bier ist in Corona-Zeiten keine Lappalie. Eine wunderbare Szene, müsste nur noch Kommissar Kluftinger um die Ecke biegen. Der aber kam nicht, weil sich dies alles genauso in der Realität zugetragen hat am Abend des 26. Mai, als Penzberger Stadträte in der Stadthalle das feierten, was man neuerdings eine Corona-Party nennt. Jetzt droht allen Beteiligten ein saftiges Bußgeld.

Es ist ein Brauch, der eigentlich aus Norddeutschland stammt: das Kindsbier. Während Mutter und Kind sich im Kindbett von den Strapazen der Geburt erholen, begießt der Vater sein neues Familienglück mit Bier. Der symbolische Hintergrund dieses zünftigen Männerbrauchs: Die vom Vater ausgegebenen Getränke sollen das Neugeborene angeblich beim Wasserlassen unterstützen. 

Adrian Auer, Wirt der Stadthalle und kürzlich Vater eines Jungen geworden, wollte diesen Brauch im Kreise des Stadtrates hochleben lassen, zumal das erlauchte Gremium gleich nebenan, im großen Saal des ehrwürdigen Gebäudes, getagt hatte. In Zeiten von Corona keine ungefährliche Sache, zumal Zusammenkünfte von Personen aus mehr als zwei Haushalten noch immer untersagt sind. Außerdem galt am 26. Mai noch 22 Uhr als Sperrzeit für die Innengastronomie. Wird schon schief gehen, mögen sich da die Stadträte gedacht haben. Oder war es mit dem Denken an diesem denkwürdigen Abend doch nicht so weit her? Teilnahme an einer Corona-Party in unmittelbarer Nachbarschaft zur Polizeiinspektion ist entweder wagemutig oder dumm. 

Bürgermeister Stefan Korpan entscheidet sich bereitwillig für dumm. „Ja, ich war dabei, dazu stehe ich. Im Nachhinein betrachtet, war es eine große Dummheit“, bekennt er. Dabei, so beteuert Korpan, habe er dem Wirt doch nur eine Glückwunschkarte und ein Plüschtier für den kurz zuvor geborenen Sohn überreichen wollen, „was aber nichts daran ändert, dass ich das eigentlich nicht hätte tun dürfen“. Er habe auch nur auf ein Bier bleiben wollen, sagt Korpan, was man ihm durchaus glaubt, weil auch andere aus dem Stadtrat lediglich kurz gratuliert haben. Die waren dann aber schon wieder weg, als die Polizei kam. Kerstin Engel von den Grünen etwa, die als einzige ihrer Fraktion die obligaten Glückwünsche überbringen wollte, „weil ich den Wirt im Gegensatz zu meinen Kollegen ja schon lange kenne“. In der Gaststube der Stadthalle seien ihr dann aber doch zu viele Menschen versammelt gewesen, „weshalb ich gleich wieder gegangen bin“. Das trifft auch auf Wolfgang Sacher und Rüdiger Kammel (BfP) zu. „Wir haben kurz reingeschaut, sind dann aber sofort nach Hause“, sagt Sacher. „Viel zu viele Leute“, fügt er hinzu. Da Sacher in der Familie einen Dialysepatienten hat, ist er mit Blick auf Corona besonders vorsichtig, um das Ansteckungsrisiko zu minimieren. „In bester Erinnerung“ hat diesen Abend auch SPD-Fraktionssprecher Adrian Leinweber, „weil ich nur kurz zum Kind gratuliert habe und dann schlauerweise gegangen bin“. 

Noch hüllen sich jene, die dabei waren, über weitere Beteiligte der Kindsbier-Affäre in Schweigen. Unstrittig ist, dass Bürgermeister Stefan Korpan, seine Amtsvorgängerin Elke Zehetner, CSU-Chef Nick Lisson und Ludwig Schmuck mit Auer ebenso angestoßen haben wie der dritte Bürgermeister Hardi Lenk.„Tja, manchmal läuft es halt blöd im Leben“, schnauft Lenk tief durch. Ebenso unstrittig ist, dass von Penzberg Miteinander die komplette Fraktion coronakonform den Heimweg angetreten hat. Und die beiden FLP-Vertreter André Anderl und Jack Eberl sind ebenfalls exkulpiert, weil sie beide an der Stadtratssitzung gar nicht teilgenommen haben. 

Stadthallenwirt Adrian Auer mag sich zu diesem Vorfall nicht groß äußern. Er verweist auf das laufende Bußgeldverfahren und sagt: „Ich bedauere es sehr, dass viele Menschen jetzt wegen mir Probleme haben.“ Dabei wäre sein Kindsbier der Polizei nicht einmal aufgefallen, wenn sie nicht einen „anonymen Hinweis“ bekommen hätte, wie Susanne Kettl, die stellvertretende Leiterin der Penzberger Inspektion, betont. Und so sei man der Sache eben nachgegangen: Die Beamten haben nicht schlecht gestaunt, wen sie da alles angetroffen haben. Dessen ungeachtet wurden die Personalien all jener, die sich noch in der Wirtsstube befunden haben, aufgenommen. „Danach wurde die Veranstaltung beendet“, so Kettl. Die Namen und die damit verbundene Anzeige hat die Polizei, wie bei Corona-Verstößen üblich, ans Landratsamt in Weilheim weitergeleitet. Dort wird nun auch über die Höhe des Bußgeldes befunden: Korpan, Zehetner & Co. müssen dabei mit maximal 250 Euro rechnen, weil sie sich mit mehr als einer nicht im Haushalt lebenden Person in der Öffentlichkeit getroffen haben. Richtig teuer kann das Kindsbier aber für Wirt Adrian Auer werden: Gastronomen drohen bis zu 5.000 Euro.

„Es war halt ein Blödsinn und das teuerste Kindsbier meines Lebens“, meint ein zerknirscht wirkender CSU-Chef Lisson. Und Grünen-Sprecherin Engel meint: „An diesem Abend war Covid-19 wie weggeblasen.“ Genau aus diesem Grund hat offenbar Markus Bocksberger der Versuchung widerstanden: „Ich bin da gar nicht erst rein, weil ich mir Corona nicht leisten kann. Sonst müsste ich meinen Laden zusperren und könnte nicht mal mehr Burger to go verkaufen“, sagt der Wirt des Cafés Extras. 

Dass die fröhliche Sause wegen eines anonymen Hinweises aufgeflogen ist, beflügelt jetzt natürlich die Phantasie der Stadträte. Wer kann ein Interesse daran haben, die führenden Köpfe der Stadt hinzuhängen. Vor allem aber: Wer wusste überhaupt davon, dass die Stadträte von Auer eingeladen wurden? Und wer hatte Kenntnis vom Ende der nichtöffentlichen Sitzung, in deren Anschluss man zum gemütlichen, verbotenen Teil übergegangen ist? Ein Teilnehmer dieser nichtöffentlichen Sitzung? Dann kämen fast nur Mitarbeiter der Stadtverwaltung oder Stadträte in Frage. Gab es da eine offene Rechnung, die beglichen werden musste? Oder hat lediglich ein kreuzbraver Bürger durchs Fenster gespäht und sich gedacht, die vermeintlich unantastbare Prominenz nicht ungeschoren davonkommen zu lassen? Am Ende wird es doch darauf hinauslaufen: Kommissar Kluftiger übernimmt die Ermittlungen. la

Kommentar von André Liebe:

Bloß mal schnell den frischgebackenen Vater zum Nachwuchs beglückwünschen und auf das Neugeborene mit einem Bier anstoßen: ein verständlicher, normaler Wunsch, schließlich bietet sich ein solcher Anlass nicht allzu häufig im Leben eines Menschen. Doch in Corona-Zeiten, zumal solchen vor den jetzigen mit den vielen Lockerungen, war eben nichts normal. Ende Mai, als im großen Saal der Stadthalle der Stadtrat tagte und nebenan, im Gasthaus, der Wirt zum Kindsbier lud, da musste die Gastronomie noch um 22 Uhr schließen. Ungeachtet dessen erschien da vielen Stadträten trotz der schon weit vorgerückten Stunde die Aussicht zu verlockend, dem Stadthallen-Wirt zu gratulieren und ihm seiner Vaterfreuden wegen zuzuprosten. Dass manche nur kurz blieben, macht die Sache nicht besser. Auch das ist ein klarer Verstoß gegen die Corona-Regeln, wenngleich er nicht geahndet werden kann, weil man ja schon zuhause war, als die Polizei anrückte. Sicher, da hat es halt gemenschelt, und im Nachhinein gibt auch jeder, der ertappt wurde, bereitwillig zu, eine Dummheit begangen zu haben, die ohnehin nicht aufgeflogen wäre, wenn man nicht von irgendeinem, der Kenntnis von der Sache hatte, hingehängt worden wäre. Unter folkloristischen Aspekten könnte man das noch als Lappalie abtun. Dass es dies aber nicht ist, ergibt sich aus dem Status der Ertappten: der Bürgermeister, seine Vorgängerin und, mit zwei Ausnahmen, Repräsentanten aller im Stadtrat vertretenen Fraktionen. Diese Damen und Herren, die während der Corona-Pandemie die Menschen in Penzberg zu großer Disziplin ermahnten und den Bürgern als verlängerter Arm der Exekutive gravierende Einschnitte auch und gerade bei den sozialen Kontakten abverlangten, hätten eigentlich wissen sollen, dass sie in Zeiten wie diesen als Vorbild fungieren. Als Vorbild für eine Gesellschaft, die sich weitgehend klaglos in Ausgangsbeschränkung und Maskenpflicht gefügt und dadurch wohl nicht unerheblich dazu beigetragen hat, dass die Ausbreitung von Covid-19 zurückgedrängt werden konnte. All jenen hat der feiernde Stadtrat eine lange Nase gedreht und eine fatale Botschaft vermittelt, die nur so verstanden werden kann: Bleibt ihr mal schön zuhause, wir feiern dafür! Als Vorbilder haben die Akteure der Kindsbier-Affäre versagt, was umso schwerer wiegt, weil sie mit ihrem Verhalten all jenen Vorschub leisten, die auch in Penzberg gegen die Corona-Restriktionen demonstrieren und die Pandemie vielfach als Verschwörung finsterer Mächte brandmarken.

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