Stille statt Schnurren

Corona-Krise ohne Kätzchen: Tierschützerin Karin Ratzek-Endreß wartet auf Pflegefälle

Streichelt derzeit nur ihre eigenen Katzen: Bei Karin Ratzek-Endreß vom Tierschutzverein Penzberg werden momentan keine Fellnasen abgegeben.

Penzberg – Wenn Karin Ratzek-Endreß hinauf in das „Zimmer oben“, wie sie es nennt, geht, dann miaut und schnurrt es ihr munter entgegen. Normalerweise. Denn vergangene Woche vermittelte die Vorsitzende des Penzberger Tierschutzvereins die letzte Katze aus ihrer Pflegestelle, ihrer Obhut. 

Jetzt ist es ungewohnt still bei ihr zuhause. Trotz Corona-Krise klingelt zwar ihr Telefon noch immer tagtäglich, aber kein Tier wird abgegeben. Doch die Tierschützerin traut dem Frieden nicht. Sie kennt die Tiere, sie kennt die Menschen. Aus Erfahrung. 

Kein Miau, keine Meldung

Frühling ist für Ratzek-Endreß immer eine turbulente Zeit, denn dann steht wieder ein Babyboom an, und zahlreiche Kätzinnen werfen. Infolgedessen brennen bei der Tierschützerin die Leitungen. Doch nicht nur dann, auch wenn eine Allergie oder ein Todesfall die Abgabe eines Haustieres erfordern. Doch nun: Kein Miau, keine Meldung, gar nichts. Das Warum kennt auch die Penz­bergerin nicht, sie kann nur vermuten. Vielleicht haben die Menschen gerade einfach andere Dinge im Kopf und „merken das nicht, sehen das nicht“, mutmaßt sie. Auch studiert sie regelmäßig Anzeigen, in welchen Kätzchen gesucht werden. Für gewöhnlich. Nun wird sie kaum fündig. Seit Jahren setzt sich die Penz­bergerin für die Kennzeichnungs- und Kastrationspflicht von Katzen ein, in Penz­berg habe man viele Sterilisationen im vergangenen Jahr durchgeführt. Auch die Zusammenarbeit mit Landwirten, auf deren Bauernhöfen oft unkastrierte Kätzinnen auf Mäusejagd gehen, habe sich dabei mit viel Aufklärungsarbeit verbessert. Doch dass damit nun der rasante Anstieg der Geburtenrate gänzlich ausgefallen ist, glaubt Ratzek-Endreß nicht. „Die Babykatzen sind auch jetzt da, das weiß ich“, sagt sie. Gewissheit, die mehr ein Gefühl aus Erfahrung als Fakt ist, doch diesem Gefühl vertraut sie. Umso besorgter ist Ratzek-Endreß, dass die Kätzchen da sind, aber die Meldungen nicht.

800 im Fälle im vergangenen Jahr

Anrufe bekommt die Penzbergerin dennoch, anderer Art. Mal ist einem Spaziergänger ein fremder Hund in die Arme gelaufen, mal ein verletzter Vogel im Garten gelandet. Kaum verwunderlich ist es da, dass im vergangenen Jahr 800 Fälle verschiedenster Art an die Penzbergerin herangetragen wurden. Die Leiterin einer Reinigungsfirma verbringt 20 bis 30 Stunden in der Woche damit, ehrenamtlich Stubentiger zu füttern, zu streicheln, aufzupäppeln und zum Tierarzt zu kutschieren. Hinzu kommt die tägliche Reinigung der Katzentoi­letten. Nicht zu vergessen die Pflege von Kaninchen, Meerschweinchen oder Schildkröten, die Ratzek-Endreß auch noch aufnimmt. 

Lieber keine Nasenbussis

Im angebrochenen April waren es bereits an die 30 Anrufe. Oft wird Ratzek-Endreß dabei um Rat gebeten, gerade jetzt hört sie am anderen Ende der Leitung oft die Frage, ob das Haustier das Coronavirus auf seine Besitzer übertragen könne, und umgekehrt. Ratzek-Endreß beruhigt dann stets mit dem Hinweis auf aktuelle Informationen des Robert-Koch-Instituts. Auf feuchte Nasenbussis, Berührungen von Gesicht und Schnauze sowie Streicheleinheiten für fremde Hunde und Katzen sollte man aber vorsichtshalber verzichten, rät Ratzek-Endreß. 

Virtuelle Platzkontrolle

Verzichten muss die Tierpsychologin derweil auf Pflegekatzen. Die letzten fünf seien in den vergangenen Wochen vermittelt worden. Selbstredend anders als gewohnt. Denn normalerweise telefoniert Ratzek-Endreß ausführlich mit den künftigen Besitzern, klappert die wichtigsten Fragen ab und kommt dann zur Platz­kontrolle ins Haus oder in die Wohnung. In der Corona-Krise undenkbar. Ratzek-Endreß und ihre Helfer strukturierten um, unter Rücksprache mit dem Ordnungsamt. Auf das telefonische Gespräch ließen sich die Ehrenamtlichen Fotos von den Wohnverhältnissen schicken, die zeigten, wo „die Katzenklappe und wo die Katzentoilette ist“, sagt die Tierschützerin. Wenn alles passte, wurde die Katze dann in einer Transportbox vor die Türe ihres neuen Zuhauses abgestellt und von ihren neuen Besitzern ins Warme geholt. Und die Fahrer verschwanden wieder, mit einer leeren Box. Über Telefonate, E-Mails und Videos wird Ratzek-Endreß nun auf dem Laufenden gehalten, ob sich das Tier gut einlebt. 

„Herzschmerz wie Freude“

Wirklich lange ist eine Katze, ob alt oder jung, nicht in der Obhut der Penzbergerin, es sei denn, sie trägt schwarzes Fell, dann kann die Vermittlung schon einmal länger dauern. Die optische Unscheinbarkeit der Katzen ist aber nicht das Problem, sondern der „Aberglaube“, sagt Ratzek-Endreß und würde darüber lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Doch der Aberglaube ist noch das geringste Problem, mit dem sich die Tierpsychologin rumschlagen muss. Denn über die Jahre habe sich gezeigt, dass die Arbeit mit Tieren ebenso viel „Herzschmerz wie Freude“ verursacht, so Ratzek-Endreß, der bis heute ein Fall einfach nicht aus dem Kopf geht. Damals sei eine Katze in Iffeldorf gefunden worden, sie „war sehr alt, dement, dehydriert und hatte lauter Tätowierungen im Ohr“, sagt die Tierschützerin leise. Nach tagelangen Recherchen fand die Penzbergerin schließlich die Besitzerin, eine Frau aus Iffeldorf. Doch die habe von ihrer mittlerweile wieder aufgepäppelten Katze nichts mehr wissen und sie einschläfern lassen wollen, und sie sagte etwas, dass Ratzek-Endreß bis heute im Gedächtnis behält: „Hätten Sie sie halt flacken lassen“, rezitiert die Tierschützerin. Ratzek-Endreß behielt die Katze in ihrer Obhut. „Sie hatte noch eine glückliche Zeit bei mir“, lächelt die Penzbergerin. 

Die Taschen sind schon vorbereitet

Eine glückliche Zeit dürfte es für Ratzek-Endreß gerade nicht sein. Ungewiss ist, wann nun all die Babykatzen bei ihr eintrudeln. Das Ob steht für sie aber außer Frage. Sobald sich die Corona-Lage entspanne, werden sie kommen, ist sich Ratzek-Endreß sicher. Damit diejenigen, die trotz finanzieller Schwierigkeiten gar nicht daran denken müssen, ihr Haustier abzugeben, organisiert Ratzek-Endreß auch in Zeiten der Krise die Tiertafel. Das nächste Mal am 20. April von 13 bis 14 Uhr am alten Molkereigebäude. Dann wird an Inhaber des Tafelausweises wieder Tierfutter ausgegeben, in eigens dafür vorbereiteten Taschen und, dank Absperrbändern, unter Einhaltung des Mindestabstandes. ra

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