An den Penzberger Schulen setzt man lieber auf langfristige Maßnahmen als auf Carsten Stahl

Sozialarbeit statt Stahlarbeit

Sehen die Idee von „Penzberg hilft“ kritisch: Schulleiter Bernhard Kerscher und Jugendsozialarbeiterin Ute Frohwein-Sendl.

Penzberg – Da gibt es das Opfer und den Akteur, vielleicht sogar mehrere Akteure, hinzu kommen Mitwisser und Mitläufer: Das soziale Netz, das sich bei Mobbing entspinnt, ist komplex. Deshalb möchte „Penzberg hilft“ das Problem gemeinsam mit Carsten Stahl in Angriff nehmen - die Schulen aber  nicht.

Der Verein will helfen – und polarisiert: „Penzberg hilft“ möchte Carsten Stahl in die Stadt und an die Schulen holen. Der TV-Detektiv soll Kinder und Jugendliche bei einem eintägigen Seminar über Mobbing aufklären. Kosten: zwischen 15.000 und 20.000 Euro. Viel Geld, das auch anders und dennoch mit derselben Zielsetzung verwendet werden könnte. So sehen es zumindest die Kritiker: Schulleiter und Schulsozialarbeiter haben so ihre Zweifel, was die Nachhaltigkeit und Wirkung dieser Aktion betrifft, welche „Penzberg hilft“ den Schulen unterbreitete. 

Von Essstörung über Drogenkonsum bis hin zu Gewalt: Seit 17 Jahren ist Bettina Alsters am Penzberger Gymnasium als Schulsozialarbeiterin tätig. Sie hat dabei „mit allen Themen zu tun, die Schüler betreffen“. Und dazu zählt auch: Mobbing. Dass nun ein TV-Promi wie Carsten Stahl als Anti-Mobbing-Experte nach Penzberg kommen soll, um Schüler für dieses Thema zu sensibilisieren, hält sie „fachlich für riskant“. Denn nach dem eintägigen Seminar bestehe die Gefahr, dass eine Schule, die nicht über Schulsozial­arbeiter verfügt, danach mit dem aufgemachten Fass „allein gelassen“ werde, so Alsters, die sich zugleich fragt: „Was macht Carsten Stahl zum Anti-Mobbing-Experten?“ Fachliche Kompetenz und Erfahrung seien nötig, um Betroffenen helfen zu können. Alsters möchte den Konflikt von allen Seiten beleuchten – mit Opfer, Akteur, Mitläufer in Kontakt treten und versuchen, in die Rolle eines neutralen Beobachters zu gelangen. Schließlich sei es ein großer Fehler, „als Erwachsener zu glauben, die Situation genau zu verstehen“. In ihrer Arbeit kooperiert Alsters mit einem Beratungslehrer und zwei Schulpsychologinnen sowie Ärzten und dem Jugendamt. „Wir sind gut aufgestellt“, freut sich Schulleiter Bernhard Kerscher, der aber auch bedauert: „Es gibt Fälle, die uns durch die Lappen gehen.“ Dann sei die Mithilfe der Eltern gefragt. Schließlich, das bestätigt Alsters, kommen die Betroffenen nur in seltenen Fällen von alleine auf sie zu, meist seien es Väter, Mütter oder Lehrer, die auf das Problem aufmerksam werden. 

Damit die Kinder bereits im Vorfeld für Mobbing sensibilisiert werden, organisiert das Gymnasium Präventionsprojekte. In den verschiedenen „Krisenphasen“, wie Kerscher sagt: zum Beispiel in der 5. Klasse, wenn nach der Grundschule neue soziale Gefüge entstehen, oder in der 7. Klasse, wenn die Pubertät auf Hochtouren läuft. Ein Anti-Mobbing-Seminar, das „auf kurzfristige, schnelle Art und Weise“, das Problem in Angriff zu nehmen versucht, sieht die Schulsozialarbeiterin daher kritisch. Sie plädiert daher für fest installierte Sozialarbeit an Schulen. Und Kerscher sagt: „Mich würde es freuen, wenn das Geld und die positive Energie in ein sinnvolles Projekt investiert werden.“ 

Ähnlich sieht es auch Severin Hammel: Zwar sei mit einem solchen Seminar „nicht groß etwas kaputt gemacht“, so der Leiter der Realschule, „doch ich bezweifle den Nutzen so einer einmaligen Aktion“. Stattdessen setze man an der Realschule auf langfristige Hilfe: Neben ausgebildeten Streitschlichtern nehmen sich eine Schulsozialarbeiterin und Schulpsychologen den Problemen der Kinder und Jugendlichen an. Mobbing nehme man schließlich „sehr ernst“, so Hammel. Doch nicht in Gestalt eines Großevents möchte es der Schulleiter bekämpfen: „Es geht bei Mobbing darum, im Kleinen anzufangen“, sagt er. 

Auch Ute Frohwein-Sendl, Jugendso­zialarbeiterin an der Mittelschule, meint: „Ein Projekt hilft oft nicht, es gilt, kontinuierlich das Thema Ausgrenzung anzuschauen, zu erörtern und am Ball zu bleiben.“ Auch an der Mittelschule werden präventive Maßnahmen ergriffen, zum Beispiel ein Sozialtraining, „in dem schwierige Situationen und Lösungsansätze besprochen werden“, so Frohwein-Sendl. Die Zweifel, dass ein Seminar mit Carsten Stahl in den Köpfen der Schüler etwas bewegen kann, teilt sie mit ihrer Kollegin Alsters: „Betroffene reden nicht einfach über das Problem, da muss man schon langfristig Vertrauen aufbauen. In einer einmaligen Veranstaltung lässt sich das wohl kaum machen.“ 

Bei „Penzberg hilft“ ist man enttäuscht über diese Reaktionen. „Wenn wir es schaffen würden, mit unserer Aktion auch nur einen Schüler zu schützen, hätten wir viel erreicht“, sagt der Vorsitzende Steve Klein. Dass Bedarf an einer solchen Aktion bestehe, zeigten die zahlreichen positiven Reaktionen, die „Penzberg hilft“ auf Facebook erhalte. „Es geht um viel Geld, und dafür brauchen wir die Stadt und Sponsoren“, meint Klein. Die Stadt jedoch investiert bereits an den Schulen, für die sie zuständig ist, in die Schulsozialarbeit. Und Bürgermeisterin Elke Zehetner betont: „Wir haben diese Thematik sehr gut geregelt.“ 

Steve Klein bereut seinen Vorstoß aber nicht. Selbst wenn Stahls Seminar nicht realisiert werde, sieht er die Anregung seines Vereins als „Anfang für die Stadt, hier nochmal genauer hinzuhören“. ra

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