Alptraum bei Traumwetter

Ausnahmezustand am Walchensee: Das ZDF dreht am bisher schlimmsten Tag

+
Michael Reusse, Reinhard Dollrieß, Julia Schuster, Frank Sommerschuh und Eduard Bauer berichten für das ZDF, wie das so ist, wenn man dort wohnt. Draußen, auf der Straße, schiebt sich derweil die Blechlawine unaufhörlich durch den Ort.

Walchensee – Eduard Bauer sitzt im Schatten und schüttelt den Kopf. „Das ist brutal. So schlimm wie heute war es noch nie.“ Bauer wohnt drunten, in Kochel, an der Mittenwalder Straße. Einen Tag nach Fronleichnam ist er früh wach und bemerkt, dass schon um 7 Uhr ein Auto nach dem anderen an seinem Fenster vorbeischleicht, den Kesselberg hinauf nach Walchensee. Ein paar Stunden später ist es dann so schlimm, dass seine Frau von Schlehdorf nach Kochel fast eine Dreiviertelstunde braucht. Am Nachmittag ist er dann auf seinen Roller gestiegen und nach Walchensee hinausgefahren. „Ich hab‘ mitgezählt“, sagt Bauer, da sind mir alleine 76 Motorradfahrer entgegengekommen.“

Noch ist er alleine im Garten des Cafés Bucherer, wo längst alle Tische belegt sind. Keine Wolke am Himmel, nebenan, auf der Liegewiese, tummeln sich die Menschen, erstaunlicherweise mit dem gebotenen Abstand zwischen den Handtüchern. Von den Autos kann man das nicht behaupten: Walchensee ist wieder zugeparkt, von vorne bis hinten. Auf der Straße ist nicht mehr als Schritttempo möglich, weshalb auch Reinhard Schädler und sein Kameramann nicht pünktlich sind. Die beiden drehen für das ZDF-Magazin Terra Xpress einen Beitrag über den „Overtourism“ in den Alpen, wie man das beim ZDF nennt. An diesem Traumtag, der der Region einen Alptraum beschert, treffen sie sich mit den Leuten, die im vergangenen Herbst die erste große Demonstration gegen den Verkehrskollaps am Walchensee organisiert haben. 

Reinhard Dollrieß und Frank Sommerschuh sind die beiden Köpfe dieser Protestbewegung, die, und das ist ihnen an diesem Tag auch wichtig zu betonen, durchaus schon etwas erreicht haben. Vor allem die Politik sei inzwischen in die Gänge gekommen, sagt Dollrieß. „Dass die eigenen Ordnungskräfte der Situation nicht mehr Herr werden, hört man im Innenministerium natürlich nicht gerne“, schmunzelt er und verweist auf das Pfingstwochenende, als Bereitschaftspolizisten, die angesichts der Massen an Ausflüglern die heillos überforderten Beamten der Kocheler Polizeistation unterstützt haben. Und auch dass der Tölzer Kreistag vor kurzem die Mittel für zwei Walchensee-Ranger, die Verstöße im Landschaftsschutzgebiet ahnden sollen, freigegeben hat, wertet Dollrieß als Erfolg. 

Es ist eine muntere Plauderei, die sich da im Garten von Bucherer-Wirtin Julia Schuster entspinnt. Fernsehmann Schädler hält sich mit Fragen ganz bewusst zurück und lässt statt dessen die Einheimischen reden, so als säßen die am Stammtisch. Von der anderen Straßenseite herüberkommen ist Michael Reusse, und er ist froh, dass er dies geschafft hat. „Ich bin heute etwa zehn Mal hier bei uns über die Straße, und in etwa der Hälfte der Fälle musste ich mich anhupen oder beschimpfen lassen“, berichtet er. Dass seine Garagen­einfahrt von wildfremden Menschen als Parkplatz benutzt werde, ist zwar an diesem Tag noch nicht passiert, ein Einzelfall sei dies aber längst nicht mehr. Reusse mag auch die Begeisterung von Dollrieß über die beiden Ranger nicht teilen: „Das ist zwar eine schöne Sache, aber wenn es um die Parkproblematik geht, merke ich davon als Anwohner nichts“, merkt er an. 

Dass sich Bucherer-Chefin Julia Schuster ganz entspannt zu den Herren im Garten gesellen kann und erst einmal eine Zigarette dreht, hat ausnahmsweise nichts mit der Situation am Walchensee zu tun. „Ich habe heute gute Aushilfen“, lächelt sie. Seit zehn Jahren führt sie jetzt das Café am Seeufer, und in dieser Zeit hat sie große Veränderungen erlebt. Das Publikum, das an den Walchensee kommt, sei jünger geworden. „Bei den Jugendlichen liegt es im Augenblick im Trend, in die Berge zu gehen“, sagt sie. Das Hauptproblem aber ist: „Es ist ganz einfach mehr geworden. Die Masse macht es aus.“ Und diese Masse, so meldet sich Frank Sommerschuh zu Wort, parke nicht nur den ganzen Ort zu, sondern hinterlasse sehr viel Müll. Dass sich der Kocheler Gemeinderat entschieden hat, keine Mülleimer aufzustellen, um so die Ausflügler dazu zu bewegen, ihre Flaschen, Dosen und Schachteln wieder mitzunehmen, nimmt er als politischen Grundsatzbeschluss zur Kenntnis. Er sagt aber: „Das funktioniert leider nicht. Und kontrolliert wird auch nicht.“ Spreche man jene Leute an, die sich gerade ohne ihren auf der Wiese zurückgelassenen Müll aus dem Staub machen, „kriegt man entweder ein Achselzucken oder ein Kopfschütteln als Antwort“. 

Und auch wenn es einen Tag wie diesen heuer nicht mehr geben wird, weil die Grenzen wieder offen sind, und trotz aller Klagen, über die langsam mahlenden Mühlen der Bürokratie und die Erkenntnis, dass man dem Ausflügler den Ausflug nicht verbieten kann, tut sich doch etwas. „Im Deiningsbachweg haben sie heute Strafzettel verteilt“, freut sich Reinhard Dollrieß. In der Runde ruft dies Kopfnicken hervor, und Julia Schuster meint: „Gut, dass wenigstens ein Anfang gemacht wurde. Vielleicht spricht es sich ja herum, dass die Falschparker jetzt zur Kasse gebeten werden.“ Und dann ist sie so entwaffnend ehrlich, dass man fast hofft, dass die beim ZDF diesen Satz nicht senden. „Ich würde“, meint die Bucherer-Chefin, „vielleicht auch doof mein Auto irgendwo stehen lassen, wenn ich nach drei Stunden Anreise einfach keinen Parkplatz finde.“ la

Den Beitrag über den Massenansturm am Walchensee sendet das ZDF im August im Rahmen ihres Magazins Terra Xpress, das jeden Sonntag um 18.30 Uhr ausgestrahlt wird. Ein genauer Termin steht dafür aber noch nicht fest.

Auch interessant

Meistgelesen

Der Projektentwickler Küblböck erntet nichts als Lob für seine Edeka-Pläne
Der Projektentwickler Küblböck erntet nichts als Lob für seine Edeka-Pläne
Keine Aussicht auf Erfolg: Petition gegen Abriss des Verstärkeramtes zurückgezogen
Keine Aussicht auf Erfolg: Petition gegen Abriss des Verstärkeramtes zurückgezogen
Wangenknochen und Jochbein gebrochen: Unbekannter schlägt Penzberger ins Gesicht
Wangenknochen und Jochbein gebrochen: Unbekannter schlägt Penzberger ins Gesicht
Mann verliert auf der A95 bei Tempo 180 die Kontrolle über sein Fahrzeug
Mann verliert auf der A95 bei Tempo 180 die Kontrolle über sein Fahrzeug

Kommentare