Viel Wärme in den Herzen

Eiszapfen: Die Gruppe aus Mae Luiza hat Penzberg und den Winter sehr genossen.

Jetzt sind sie wieder weg und dort, wo es feucht-warm ist und selbst beim aberwitzigsten Klimawandel niemals schneien wird. Fabiano, der Capoeira-Lehrer, Josélia Silva dos Santos aus dem Centro Sócio oder Maria de Socorro, die nach einem schweren Schicksalsschlag die Ablenkung der vergangenen Tage sichtlich genossen hat. Sie alle sind wieder zurück in Mae Luiza, der brasilianischen Partnergemeinde von Penzbergs katholischer Pfarrei. In Gedanken aber sind sie noch immer auf dem Herzogstand, in der Partnachklamm oder im Park von Schloss Linderhof, wo es Schnee gab, so weit das Auge reichte, zum Teil meterhoch, in dem sich meist ein Knäuel aus dicken Jacken und bunten Mützen mit Bommeln wälzte.

„Trotz der Kälte haben wir hier viel Wärme erfahren“, sagt Jóselia, die in Mae Luiza so etwas wie der gute Geist der Partnerschaft ist. Und ihre Augen glänzen dabei, als sie in Penzberg ins Auto steigt, weil in wenigen Stunden der Flieger nach Brasilien startet. Müde wirken sie, die zwölf Menschen, aber glücklich. Vergessen sind die Anstrengungen mit dicht gedräng- tem Programm, das Gisela Matschl, die Vorsitzende des Partnerschaftsverein, immer wieder dazu veranlasst hat, den einen oder anderen Punkt zu streichen. „Die waren einfach kaputt“, lacht sie. Mittelschule, Gymnasium, Grundschule an der Birkenstraße, Herzogsägmühle, Kindergarten St. Raphael, Capoeira-Kurs, Gospel-Nacht, Infoabend im Pfarrzentrum, Empfang beim Bürgermeister, die offizielle Feier zum 25-jährigen Bestehen der Partnerschaft und dann noch ein Abstecher ins Allgäu nach Eggenthal, wo man ebenfalls enge Bande mit Mae Luiza pflegt: Die Leute aus Brasilien hatten nicht viel Zeit zum Verschnaufen, überall mussten sie erzählen, wie es bei ihnen zu Hause ist, mussten Fragen beantworten und viel Hände schütteln. Und überall wurden sie mit einer so großen Herzlichkeit empfangen, die sie nie und nimmer erwartet hatten. „Wo sind sie denn, die kalten Deutschen?“, ruft Maria Elizabeth de Souza und gibt sich gleich selbst die Antwort: „In Penzberg haben wir sie nicht gefunden!“ Das war aber beileibe nicht das einzige Vorurteil, das die Brasilianer widerlegt sahen: „Die Deutschen haben den Ruf, so streng zu sein. Aber wir haben so nette Leute getroffen, die auch gerne Spaß haben und sich freuen“, stellte Maria Aparecida da Silva erstaunt fest. Sagt man gemeinhin, dass die Lebensfreude der Südamerikaner ansteckend wirkt, so war es bei diesem Besuch genau andersherum. Pater Roberio etwa, dem Geistlichen von Mae Luiza hat bei einer geselligen Runde nach neun Jahren erstmals wieder zur Gitarre gegriffen: „Ich bin einfach nicht mehr dazu gekommen, jetzt aber hatte ich wieder richtig Freude daran“, diktiert er in den Block. Glücksgefühle gab es bei den Brasilianern allerorten, am meisten natürlich draußen im Schnee. Reinaldo Garuffi, der Surfer, ließ sich drunten in Garmisch kurz vorm Eingang zur Partnachklamm nicht lange bitten und machte einen Salto in den weichen Schnee. Und Josélia meinte beim Blick der im Sonnenlicht glitzernden Kristalle und Eiszapfen: „So etwas Schönes habe ich noch nie gesehen.“ Dass dieser Ausflug in die Berge in einer heftigen Schneeballschlacht münden sollte, war zu diesem Zeitpunkte bereits abzusehen. Für Maria de Socorro war dieser Besuch in Deutschland zudem ein ganz besonders ergreifendes Erlebnis, nachdem ihr 20 Jahre alter Sohn im vergangenen Sommer in Mae Luiza erschossen worden war. „Nach diesem schrecklichen Ereignis habe ich hier wieder Freude und Hoffnung gefunden“, sagte sie mit tränenerstickter Stimme. „Dass ich hier so viel Herzlichkeit und Freude erfahren habe, hat mich dazu bewegt, dass ich nun zuhause wieder meine Freunde treffen möchte, von denen ich mich aus Trauer zurückgezogen habe.“ In München am Flughafen wurden dann nicht wenige Tränen verdrückt. Bei den Brasilianern, weil sie wohl so schnell keinen Winter mehr erleben werden, und bei den Penzbergern, weil ihnen die zuvor unbekannten Menschen sehr ans Herz gewachsen sind. „Der Abschied war traurig, aber auch voller Zuversicht für die Zukunft“, betont Gisela Matschl. Wenn sie im Sommer zum Gegenbesuch nach Brasilien aufbricht, dann wollen sie jedenfalls einige Penzberger begleiten, die sich das bis vor ein paar Tagen noch nicht haben vorstellen können. „Da ist ein richtiges Zusammengehörigkeitsgefühl entstanden“, staunt Matschl. Nur ein Aspekt hat diesen Besuch der Menschen aus Mae Luiza getrübt, nämlich dass man in Deutschland so gerne Mineralwasser mit Kohlensäure trinkt. „Wie man das nur runterbringen kann“, wundert sich Maria Elizabeth und verzieht das Gesicht. Um das zu verstehen, hätten die Menschen aus Mae Luiza aber noch länger bleiben müssen.

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