Plötzlich ist der Tag ein anderer

Das Schnurren ist zurückgekehrt: Zahlreiche Fälle für den Penzberger Tierschutzverein

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Fälle wie dieser sorgen dafür, dass das Leben von Tierschützerin Karin Ratzek-Endreß nicht stillsteht: wenige Wochen alte Katzenwelpen.

Penzberg – Das Telefon läutete oft, so wie sie es gewohnt war, doch Tiere beherbergte und pflegte sie kaum noch. Vor rund sieben Wochen wunderte sich Karin Ratzek-Endreß noch, dass bei ihr keine Katzen, Vögel oder Kaninchen mehr abgegeben werden. Wegen Corona seien die Leute mit dem Kopf vielleicht woanders, glaubte die Vorsitzende des Penzberger Tierschutzvereins damals. Kaum hatte sie ihre Gedanken aber in Worte gefasst, ging es los und, gefühlt, drunter und drüber.

Schweißnass war sie, als sie zwei Stunden lang versuchte, eine Taube, die sich in den Rewe-Markt verirrt hatte, mit einem Kescher zu fangen. Vergeblich. Nach Ladenschluss und mit Hilfe eines Feuerwehmanns fuchtelte Ratzek-Endreß noch einmal mit dem Netz umher, weitere zwei Stunden, bis sie die Taube schließlich erwischte. Nicht der einzige Vogel, dem die Tierschützerin hinterherjagte, in den vergangenen Wochen überraschten sie „die vielen Vögel“, die ausgebüxt waren. Mehr als gewöhnlich, wenngleich es nichts Seltenes ist, dass der ein oder andere Wellensittich im Geäst statt im Käfig sitzt. „Im Frühjahr werden die Fenster wieder geöffnet“, sagt Ratzek-Endreß. Mit einem Kescher oder einem Kolben zum Locken fängt die Penzbergerin dann die scheuen und flinken Tiere ein. 

Allein im April zählte Ratzek-Endreß 78 Anfragen und Fälle, im Mai waren es um die 80. Wenn es so weitergeht, werden die 800 Fälle aus dem vergangenen Jahr getoppt. „Die werde ich leicht schaffen“, meint Ratzek-Endreß, die vor eineinhalb Monaten noch glaubte, durch Corona werde alles entschleunigt, und die immer kurz zuckt, wenn das Klingeln ihres Telefons durch die Wohnung dringt. Denn dann weiß sie, dass der Tag nicht so ablaufen wird, wie sie diesen geplant hatte. „Du musst dich jeden Tag auf alles einstellen“, sagt sie. Dennoch lässt Ratzek-Endreß ihr Telefon nicht klingeln ohne abzuheben, denn Tierschutz ist für sie eine Herzensangelegenheit. 

Vor allem Katzen haben es ihr angetan, sie selbst besitzt ein kleines Rudel. Umso mehr verwunderte sie noch vor ein paar Wochen, dass partout keine Katzenbabys bei ihr abgegeben werden. Mittlerweile hat sie festgestellt, dass es heuer einfach weniger Nachwuchs gibt, „vielleicht weil ein paar Tiere an der Katzenseuche gestorben ist“, spekuliert sie. „Den genauen Grund wissen wir aber nicht.“ Ein paar Wildkatzen, darunter eine trächtige in Benediktbeuern, stehen unter Beo­bachtung von Ratzek-Endreß und ihrem Team. Fünf Katzenbabys hat sie gerade in Pflege, dass diese ein Zuhause finden werden, steht wohl aber außer Frage: Ratzek-Endreß musste mittlerweile sogar eine Warteliste erstellen, darauf die Namen von sechs Familien, die sich das Geschnurre daheim wünschen. Sogar Anrufe von Interessenten aus Österreich erhält die Penzbergerin, vermutlich, weil der Inter­netauftritt des Tierschutzvereins „ganz gut ist“, meint Ratzek-Endreß. Da der Verein Tiere nur nach vorheriger Platzkontrolle vermittelt, kooperiert Ratzek-Endreß mit anderen Tierschützern. Aber sie nimmt auch schon einmal weitere Wege in Kauf, um einem Tier ein neues Zuhause zu verschaffen. Dann verbindet sie die Kontrolle gleich mit einer Wandertour. 

Kein Geschnurre mehr daheim hört eine unbekannte Person, deren Katze eine alles andere als würdige letzte Ruhestätte fand. „Wir hatten letztens einen Totfund“, so Ratzek-Endreß. Nahe der Hubkapelle wurde das Tier in einer Plastiktüte gefunden. „Entweder hat die jemand überfahren und in den Wald gebracht“, so Ratzek-Endreß, „oder die Katze ist eines natürlichen Todes gestorben und einfach entsorgt worden.“ Das Verwunderliche: „Sie wurde nicht vermisst“, sagt die Tierschützerin mit leiser Traurigkeit in der Stimme. 

Fröhlicher wird sie, wenn sie berichtet, dass „alle Tiere soweit untergebracht sind“, nur ein Wellensittich stehe derzeit zur Vermittlung. Arbeit bleibt dennoch nicht aus, immer wieder wird Ratzek-Endreß angerufen: eine Aquariumauflösung hier, eine Gockelvermittlung dort. Vor kurzem nahm Ratzek-Endreß sogar eine Wasserschildkröte auf. Mit einer Panzerlänge von knapp 25 Zentimetern war sie kaum zu übersehen an den Osterseen in Iffeldorf, wo sie ausgesetzt und gefunden wurde. „Die ist jetzt in der Reptilienstation“, so die Tierschützerin. 

Und dann sind da noch all die Bitten um Auskunft. „Es ist interessant, was die Leute von einem wissen wollen“, sagt Ratzek-Endreß. Und so wird sie nicht nur mit Fundtieren konfrontiert, sondern auch mit Themen wie Insektenschutz und Bienenrettung, Urlaubsbetreuung für das geliebte Haustier oder umstrittene Eselritte im Ausland. Und auch, wenn sie oftmals nicht die richtige Adresse ist, kann es die Tierschützerin nicht lassen: „Mei, da hilft man auch“, meint sie salopp. Immer wieder ist sie nämlich fasziniert davon, „wie sehr manche Menschen an Tieren hängen und wie hilflos sie sind, wenn sie ein Tier in Not finden“.Eine Faszination, die zugleich Motivation für Ratzek-Endreß sein dürfte, an das ständig klingelnde Telefon zu gehen. ra

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