Aus dem Puppenhaus geschaut

Eine Leidenschaft seit 40 Jahren: Aja von Lerchenhorst und das Rieder Kindertheater

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Eine Leidenschaft, die auch nach vier Jahrzehnten nichts von ihrer Faszination verloren hat: Aja von Lerchenhorst liebt das Rieder Kindertheater.

Kochel/Ried – Vor 40 Jahren gründete Aja von Lerchenhorst das Rieder Kindertheater. Als Regisseurin hat sie die Fäden in der Hand, hält sich selbst aber im Hintergrund und überlässt die Bühne anderen. Musik, Theater und Kinder sind ihre Welt, das Rieder Kindertheater ist ihr Lebenswerk.

In München geboren und aufgewachsen, besuchte die junge Aja oft ihre Großmutter in Ried, die dort nach dem 1. Weltkrieg das Haus ihres Musiklehrers gekauft hatte. Dieser war kein geringerer als der Komponist Walter Braunfels, von dem heute noch ein Flügel im Haus steht. Vielleicht sogen die Gemäuer des alten Bauernhauses den musischen Genius auf, jedenfalls zogen mit Aja und Franz von Lerchenhorst Ende der Siebzigerjahre wieder Musikschaffende ein. 

„Das blaue Pferdchen“ war der Anfang

Schon als Schülerin spielte Aja gerne Theater und komponierte Musikstücke, ehe sie nach dem Abitur Gesang studierte. In die schillernde Thea­terwelt zog es die schüchterne junge Frau nie, stattdessen wurde sie Volksschullehrerin und landete in Königsdorf. Der dortige Rektor erlaubte der literaturaffinen Pädagogin als freiwilliges Nachmittagsangebot eine Theatergruppe anzubieten. „Das war damals in Schulen nicht üblich“, erinnert sich Aja von Lerchenhorst, trotzdem seien alle Schüler zu ihr gekommen. „Das blaue Pferdchen“ von Maria-Clara Machado war ihre erste Regiearbeit. Die Königsdorfer Zeit will sie jedenfalls nicht missen, denn an der Volksschule „gab es Typen, die nicht schreiben und lesen konnten, die aber wunderbar Theater gespielt haben“, erinnert sie sich schmunzelnd. 

Auf der Suche nach Schauspielern auf dem Spielplatz

Nach der Geburt ihrer ersten Tochter ließ sich die Lehrerin beurlauben und gründete das Rieder Kinderthea­ter. Auf ihren Aushang am Spielplatz meldeten sich auf Anhieb 15 Kinder, „witzigerweise zuerst Buben“, merkt sie an. Zeitgleich hob sie das Rieder Kinderfest aus der Taufe und gewann die Rieder Frauen fürs Kuchenbacken, Preisebasteln und die Betreuung der Spielstände. Die Premiere des Stücks „Schule mit Clowns“ fand dann während des ersten Rieder Kinderfests unter freiem Himmel vor dem Feuerwehrhaus statt. Das war im Sommer 1980. Seitdem wurden 40 verschiedene Stücke aufgeführt, zehn davon schrieb Aja von Lerchenhorst selbst, den „Kloana Muck“ sogar auf Bayerisch. „Das hat mir dann eine einheimische 13-Jährige korrigiert“, gibt sie zu. Für die anderen Werke schrieb sie Bücher um und holte sich die Aufführungsrechte bei den Autoren. 

Wenn was schiefläuft, kommen viel interessantere Sachen zustande“ 

„Ich überlege immer lange, ob ein Stück zu mir passt“, berichtet die zierliche Frau, zu deren Lieblingsautoren Erich Kästner, Uli Hub und Eva Ibbotson gehören. Zuletzt hatte sie mit ihren jungen Darstellern „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler inszeniert. Dabei hatte die Regisseurin nicht nur eine reine Mädchentruppe zu besetzen, sondern musste auch eine weitere Rolle hinzufügen. Für den Raben gab es nämlich gleich zwei Interessentinnen, also dachte sich Aja von Lerchenhorst einen zweiten Raben aus, der dem Stück letztlich sehr gut tat. Das seien auch nach 40 Jahren noch Lichtblicke, freut sie sich: „Wenn etwas schwierig wird und du löst es, dann kann es sein, dass es schöner wird.“ Das gilt auch für jene Aufführung aus dem Jahr 1988, als Paul Maars „König in der Kiste“ als Gastspiel in Bad Tölz anstand. Das Bühnenbild war damals ein Puppenhaus, aber kurz vor Premierenbeginn fiel der Truppe auf, dass man alle Kasperlfiguren vergessen hatte. „Die Kinder haben dann selbst aus dem Puppenhaus geschaut, das ist dem Publikum gar nicht aufgefallen“, erinnert sich Aja von Lerchenhorst und weiß seitdem: „Wenn was schiefläuft, kommen viel interessantere Sachen zustande.“ 

Persönlichkeitswandel auf der Bühne

An die Schule zurückgekehrt ist die beurlaubte Lehrerin nicht mehr, stattdessen wuchs das Theater zu ihrem Lebenswerk heran, bei dem mittlerweile Kinder aus dem ganzen Landkreis mitspielen. Zudem gibt sie Klavierunterricht und seit einigen Jahren auch Theaterkurse für Studenten. „Anders als in der Schule haben wir beim Rieder Kindertheater genügend Zeit“, stellt sie fest und freut sich, die Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten und das Zusammenwachsen der Gruppe zu beobachten. Ob das Kind mit Leseschwäche, das sich beim Auswendiglernen plötzlich leicht tut, oder der Außenseiter, der nun Teil der Gruppe ist: Am Ende verlässt jedes Kind die Bühne als eine andere Persönlichkeit. Freude bereiten auch die engagierten Eltern, die beim Kulissenbau regelrecht über sich hinauswachsen. „Die Väter bauen richtig massive Sachen“, lacht Aja von Lerchenhorst und erinnert sich an das Jahr 2005, als für „Herr der Diebe“ ein Karussell gefragt war. Sie habe sich damals eine Stange mit Schnüren und umherhüpfenden Kindern vorgestellt, stattdessen habe ein Vater ein „Wahnsinnskarussell“ dahergebracht, auf dem man richtig Platz nehmen konnte. 

Bewegen statt denken

Wenn ihre Schützlinge als Jugendliche schließlich andere Interessen haben und die Theatergruppe verlassen, fällt ihr der Abschied nicht leicht. Zum Glück kommt bislang immer Nachwuchs nach, derzeit sind es sehr viele junge Kinder. „Neunjährige spielen weniger mit dem Kopf, sondern mehr in der Bewegung“, weiß die Theatermacherin, die auch diese Herausforderung annimmt. Und so darf man schon jetzt gespannt sein, mit welchem Ensemble und dazu passend ausgewähltem Stück das Rieder Kindertheater seine Zuschauer demnächst verzaubern wird. cw

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