Ärger über ein Mordstrumm

Bichler Landwirt plant einen Megastall, der auf viel Kritik in der Gemeinde stößt

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Der „Voglbauer“ sorgt in Bichl für Gesprächsstoff und für eine Alternative zu Corona: Andreas Mair will hier einen Stall errichten, der wesentlich größer ist als vergleichbare Objekte und Platz bieten wird für rund 400 Tiere.

Bichl – Da sage noch einer, es gebe kein Thema außer Corona. Ganz anders ist es nämlich in Bichl, dort erhitzt ein Bauantrag die Gemüter. Der als „Voglbauer“ bekannte Landwirt Andreas Mair möchte einen Stall errichten, der um einiges größer werden soll als vergleichbare Objekte in der Region. Zu groß, zu dicht am Ort: Deshalb lehnte die Gemeinde das Bauvorhaben ab. Ein Veto, das – zumindest rechtlich gesehen – keine Relevanz haben dürfte, denn der Landwirt verfügt über eine sogenannte Privilegierung. Während das Landratsamt in Bad Tölz derzeit das Bauvorhaben prüft, bekam Mair nun von allen drei Bichler Bürgermeistern einen Besuch abgestattet – mit einem Kompromissangebot in der Tasche.

Mit gerade einmal 25 Jahren gehört Andreas Mair ganz gewiss zu den jüngsten Landwirten in der Region. Am Hochbichlfeld, direkt unterhalb der B472, hat der gelernte Landwirtschaftsmeister und staatlich geprüfte Wirtschafter derzeit rund 300 Kühe in fünf Stallungen untergebracht. Mit seinem Bauantrag zum „Neubau eines Wohlfühlstalles zur artgerechten Tierhaltung“, der Ende April vom Gemeinderat verhandelt wurde, hat der junge Mann halb Bichl in Aufruhr versetzt. Dabei, so schildert er, sei der neue Stall für den Erhalt seines Betriebs von herausragender Bedeutung. 

Mehr Flexibilität im Betrieb

„Ich würde sagen, heutzutage muss ein Landwirt viel mehr als früher flexibel sein“, betont Mair und schiebt hinterher: „Man kann nicht sagen, so und so viele Tiere habe ich in den Ställen, und mit diesem Bestand kann ich dann weit im Voraus planen und wirtschaften.“ Würden etwa mehrere Kühe gleichzeitig trächtig und kalbten, werde mehr Platz gebraucht. Werden Tiere verkauft, sei ein Teil der Ställe über kurz oder lang leer. Manches Tier verletze sich und brauche dann mehr Platz. Bei schlechtem Wetter beispielsweise müssten die Kälber, die normalerweise in Iglus vor dem Stall untergebracht sind, in den Stall umziehen. Träfe die Kühe eines Bauern die Blauzungenkrankheit, seien die Tiere nicht zu vermarkten und verblieben im Stall. „Insofern kann ich nie genau sagen, wie viele Tiere ich wo habe und wie viele der neue Stall beherbergen soll“, sagt Mair. Fest stehe jedenfalls, dass der Neubau seinen Betrieb flexibler gestalten soll. Der neue Stall soll großzügig bemessen sein, damit die Jungtiere ungestört ans Futter und in den Tränkenbereich könnten, erklärt der Landwirt. Rund ein Viertel des Stalls seien Strohbuchten, die zum Abkalben, für die Kälber oder für kranke Tiere reserviert seien. Das Weidesystem will Andreas Mair beibehalten: „Alle Kühe haben den Komfort rauszugehen, wann sie möchten.“ Schließlich sollen zwei der schon vorhandenen fünf Stallungen künftig als Maschinenunterstand oder Futterlager genutzt werden. Sie seien zwischen 20 und 40 Jahren alt und entsprächen nicht mehr den Anforderungen. 

Zu groß, zu nah

Alles keine triftigen Gründe für eine so große Konstruktion, befanden die Gemeinderäte. Laut Bürgermeister Benedikt Pössenbacher würde der geplante, zehn Meter hohe Stall einem Riegelbauwerk gleichen, weil man das Gelände nahe dem Hochbichl dafür noch um drei bis vier Meter aufschütten müsste. Auch der Gemeinderat befand den 35 mal 85 Meter messenden Neubau als viel zu groß und zu nah am Ort gelegen. „Unter den Gemeinderäten sind einige Landwirte und solche, die ökologische Landwirtschaft betreiben“, sagte Pössenbacher. Selbst die haben gegen den Bauantrag gestimmt. 

Geruchsbelästigung und mangelnder Brandschutz

Darüber hinaus monierte die Gemeinde mangelnden Brandschutz, eine enorme Geruchsbelästigung sowie das Fehlen der erforderlichen Güllegruben und Siloflächen. Hinsichtlich von Geruchsbelästigung und Optik sieht sich Mair weit genug vom Dorf entfernt. Zudem beinhalte sein Bauantrag eine neue Zufahrt, so dass er auf kürzestem Weg in Richtung B472 fahren könnte. Ganz generell versteht er die Einwände nicht, denn „ich habe doch schon jetzt rund 300 Tiere im Stall“, deren Geruch sei doch auch kein Problem gewesen. Was Mair vielleicht nicht klar ist: Eigentlich will die Gemeinde in seine Richtung wachsen. Genau genommen gehört ihr das Areal nördlich des Netto-Marktes längst. Und sollten da einmal Wohnhäuser stehen, dürfte es eng werden mit Landschaftsbild und Mief. 

Die Schurkenrolle in der örtlichen Landwirtschaft

Dass die Gemeinderäte mit ihrer Entscheidung der allgemeinen Stimmung in Bichl folgten, belegt ein anonymes E-Mail an Das Gelbe Blatt: „Das ist ökologisch und vom Tierschutz her gesehen ein Skandal! Das ist Massentierhaltung“, stand dort zu lesen. Mit so einem Projekt würden Dumpingpreise für Fleisch und Milchprodukte gefördert. Eine Kritik, über die Mair aber nur den Kopf schüttelt. Erneut verweist er darauf, dass sich bislang in Bichl keiner an seinen 300 Tieren gestört habe, er jetzt aber plötzlich die Schurkenrolle in der örtlichen Landwirtschaft zugeschoben bekomme. Der Gemeinde aber sind die Hände gebunden. Ihre Entscheidung dürfte für das Bauvorhaben keine Auswirkung haben, denn der Landwirt verfügt über die sogenannte Privilegierung. Derzeit prüfe man den Bauantrag, so Marlis Peischer, Pressesprecherin des Tölzer Landratsamtes. Und auch sie teilte mit: „Wenn der Bauherr einen Anspruch auf die Erteilung der Genehmigung hat, kann das Landrats­amt die Entscheidung der Gemeinde ersetzen, da das Landrats­amt Genehmigungsbehörde ist.“ 

„Ich will eine Lösung, die für alle passt“

In der Zwischenzeit wollte die Gemeinde nicht untätig bleiben: Bürgermeister Pössenbacher stattete Mair mit seinen da noch im Amt befindlichen Stellvertretern Markus Geißler und Kilian Streidl einen Besuch ab und unterbreitete dem jungen Bauern einen Kompromissvorschlag. Der sieht vor, „das Gebäude um 90 Grad zu drehen, um wenigstens die Wirkung als Riegelbauwerk abzumildern“, erklärt Pössenbacher. Mair will sich den Vorschlag durch den Kopf gehen lassen, aber auch ihm sei an einem einvernehmlichen Weg gelegen: „Ich will eine Lösung, die für alle passt“, betont Mair. sg

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