Bangen vorm Bienenbegehren: Warum viele Landwirte die Folgen fürchten

Da blüht den Bauern was

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Das Lächeln trügt: Maria Lidl und Hans-Georg Off sorgen sich um die Zukunft..

Penzberg – Sie setzen sich gerne in die Nesseln, daher lässt Maria Lidl für Schmetterlinge das brennende Gewächs im Garten stehen. Und Hans-Georg Off pflanzt selbst im Wald einen Kirschbaum. Beiden Landwirten bedeuten Insekten viel - und beiden bereitet das Volksbegehren zur Bienenrettung Sorgen. 

Lang strecken sie sich nach oben, die Löwenzahnstiele, um möglichst viel Sonnenlicht auf ihre Blätter fallen zu lassen. Ihre gelben Blüten reflektieren die Strahlen und leuchten so den Bienen entgegen. Plötzlich wackelt der Boden, ein Mähwerk rollt durch das Grasmeer und befördert die Stängel in die Waagrechte. Dort sonnt sich das Grün weiter und entfaltet später als Groamat einen Duft, bei dem das Herz eines jeden Bauern aufgeht und das eines Insektenfreundes blutet. Ein Konflikt, den das Volksbegehren für mehr Artenvielfalt nun schürt. Denn dieses möchte mehr Blühwiesen für Insekten schaffen und sieht dabei auch die Landwirtschaft in der Verantwortung. Nicht auf jedem Hof herrscht darüber aber große Begeisterung. Die Landwirte Maria Lidl und Hans-Georg Off machen deutlich, warum. 

„Der Kloane hört auf“

Seine Augen starren auf das Papier, kein blankes, sondern ein über und über mit schwarzen Lettern bedrucktes, mit Forderungen des Volksbegehrens „Artenvielfalt - Rettet die Bienen“, zusammengestellt vom Bayerischen Bauernverband, der sich deutlich gegen das Unterfangen ausspricht. „Eine Planwirtschaft der Zukunft“, sagt der Mann mit dem fassungslosen Blick auf die Liste, Hans Georg Off, Landwirt mit einem Milchviehbetrieb und Grünlandflächen in Sindelsdorf. Auch Kreisbäuerin Maria Lidl, die auf ihrem Hof in Rain ebenfalls Milchvieh im Stall hat und Grünlandflächen bewirtschaftet, bereiten die gesetzlichen Änderungen, die da auf Landwirte zuzukommen drohen, Sorgen. „Die Bienen werden vorgeschoben“, sagt die Landwirtin. Denn Ziel scheint ihr vor allem eines zu sein: die Veränderung der Landwirtschaft. Beide, Lidl und Off, sprechen sich klar für den Schutz der Insekten aus - und gegen das Volksbegehren. Denn: Die zwei leisten ohnehin schon Beiträge zum Naturschutz, geforderte, aber auch freiwillige. Leistungen, die aus eigenem Willen erbracht und vom Staat subventioniert werden. Werden solche Leistungen aber, so wie es das Volksbegehren unter anderem anstrebt, gesetzlich vorgeschrieben, entfallen die staatlichen Förderungen. Die Folge: „Der Kloane hört auf“, prognostiziert Lidl, und präzisiert, dass es nicht die großen Betriebe sind, sondern die kleinen, die „in die Knie gehen werden“, weil sich die finanzielle Lage verschlechtert. 

Wirkungsloses Walzen im Winter 

Es sind nicht wenige Forderungen des Volksbegehrens, die Lidl und Off den Kopf schütteln lassen. Darunter ein Postulat, welches das Walzen betrifft. In der Region gebe es besonders viel Moorboden, erklärt Off. Darin lösten sich die Wurzeln leicht vom Boden und müssten daher durch Walzen wieder hineingedrückt werden. Das Walzen soll aber ab 2020 nur bis Mitte März möglich und dann verboten sein, weil im Erdreich „Insekten unten arbeiten könnten“, erklärt Lidl. Doch bis März liege häufig noch Schnee oder der Boden sei gefroren, klagt die Bäuerin. Die Folge: Die Qualität der Fläche könne durch fehlendes Walzen gemindert werden. 

Keine 100 Prozent geben - die möglichen Mäh-Maßgaben

Nicht die einzige Krux an dem Forderungskatalog des Volksbegehrens. Auch soll eine Pflicht zu Gewässerrandstreifen von fünf Metern bestehen. Ein Novum für Bayern und ein No-Go für Off, denn damit verlören Bauern für die Bewirtschaftung ersatzlos an Fläche, was sich für ihn wie eine „Grundstücks­enteignung“ anfühlen würde. Ebenfalls Einschränkungen auf den Grünlandflächen könnte es bei der Mahd geben. Flächen ab einem Hektar sollen künftig von innen nach außen gemäht werden, „damit Insekten flüchten können“, erklärt Off, der klagt, dass bei der Fahrt in die Feldmitte Bereiche niedergedrückt werden. Dennoch gebe es einige Landwirte, die dies bereits in Kauf nehmen und nach außen mähen, um im Gras lagernden Rehkitzen die Flucht zu ermöglichen, obgleich ein Telefonat mit einem Jäger im Voraus nicht unüblich sei: So könne dieser vor dem Schnitt die Halme nach Kitzen durchforsten. Kooperation ist Landwirten wie Off keineswegs ein Fremdwort. Und noch ein Punkt auf der Liste betrifft die Mahd: „Der Mähzeitpunkt für ein Zehntel der Fläche soll auf frühstens Mitte Juni festgesetzt werden“, sagt Lidl. Das bedeutet: Zehn Prozent der Halme müssten bis dahin stehen bleiben, der Rest könne schon früher gemäht werden. „Das ist nicht praktikabel“, betont Lidl. Denn dann hätte man quasi einen Teil „altes Futter“ zu mähen. Und abgesehen davon „haben wir schon das Wiesenbrüterprogramm“, das die Mähzeiten einschränke, erklärt die Penzberger Ortsbäuerin. Das Wiesenbrüterprogramm sei eine von vielen Aktionen, an denen unzählige Bauern teilnehmen, um die Natur im Rahmen des Bayerischen Kulturlandschaftsprogramms und des Bayerischen Vertragsnaturschutzprogramms zu schützen. 

Schwarzer Peter für die Landwirte

Darüber und über vieles mehr solle sich jeder informieren, ehe er das Volksbegehren unterstützt: „Pro und Contra kennenlernen“, appelliert Lidl. „Und die Bauern“, ergänzt Off. Statt freiwillige in gesetzliche Leistungen umzuwandeln und Verbote einzuführen, plädiert Lidl dafür, dass jeder auch „vor der eigenen Haustür“ kehre und nicht der Landwirtschaft den Schwarzen Peter zuschiebe. Sie und Off wünschen sich nicht zuletzt ein gutes Miteinander, das sich schon darin äußern könnte, dass ein Bauer Bienenzüchter kontaktiert, wenn er eine Mahd plant, damit die Schwärme eine Zeit lang in Schacht gehalten werden. Dass das klappen könnte, daran glauben die Rainerin und der Sindelsdorfer fest, denn: „Es gibt nur ein Miteinander“, so Lidl. „Und kein Gegeneinander“, fügt Off hinzu, seinen Blick vom Papier gelöst. ra

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