Gewohnheit von gestern

Schon jetzt ein wenig wehmütig: Verabschiedung der Penzberger Abiturienten

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Mit einer schnieken Eins vor dem Komma verlassen diese Abiturienten das Penzberger Gymnasium, denn keiner dieser 15 Schüler schnitt schlechter als mit einer Note von 1,5 ab: Paul Seebach, Alisa Mügge, Lilly Rohsmann, Emily Eichenlaub, Simona Handtke, Michaela Kölbl, Antonia Diegel, Maria Mühlhans, Franziska Mühllehner, Chiara Emrich, Amelie Herter, Sophie Huber, Selina Rudolph, Alexandra Zyyik und Niklas Müller (von links).

Penzberg – Es gibt Sätze, die prägen sich in den Kopf von Schülern ein, Lehrer-Phrasen, die Jahrzehnte nach dem Abschluss im Gedächtnis bleiben. Solche kennen auch die Penzberger Abiturienten nur zu gut, und wollen diese auch nach ihrem Abschied von der Schule nicht vergessen.

Der Gong, endlich, Schulschluss, es raschelt im Klassenzimmer, die Schüler räumen ihre Blöcke weg, holen das Smartphone raus, ratschen. Dann ertönt mit betont ernster Stimme vorne am Pult der Satz, den wohl jeder noch aus seiner Schulzeit kennt: „Der Lehrer beendet die Stunde.“ Worte, denen mit Augenrollen entgegnet wird, und Worte, an welche die Abiturienten schon bald mit einem Schmunzeln und vielleicht auch mit etwas Wehmut zurückdenken werden. Denn wenn es nach Bernhard Kerscher geht, so müssen die Abgänger nun wirklich lernen, was Zeitmanagement bedeutet, und vor allem, wie viel es bedeutet. 

Während in der Schulzeit das Schreiben von Klausuren meist dem Wettlauf gegen die Zeit glich, ist es nun ebendiese Zeit, mit welcher die Abiturienten zu kooperieren lernen müssen. Durchaus ernste Töne wurden bei der diesjährigen Verabschiedung der Abiturienten des Penzberger Gymnasiums angeschlagen, wobei die Zeit und der Umgang mit der so Vergänglichen zum dominierenden Thema in der Sporthalle neben dem Wellenbad wurde. Während der stellvertretende Schulleiter Karl Steiner unmittelbar zu Beginn klar stellt, dass für die 101 Abiturienten, die sich mit einem guten Gesamtschnitt von 2,25 vom Gymnasium verabschieden, nun die Zeit gekommen sei, ein „neues, unverwechselbares Ziel“ zu finden, denkt Direktor Bernhard Kerscher an die zahlreichen Erinnerungen, Mahnungen und Fristverlängerungen zurück, die beweisen, dass Zeitmanagement nicht die größte Stärke des Jahrgangsstufe war. „Warum fällt das so schwer?“, fragt der Schulleiter in die große Runde, nicht ohne ein breites Grinsen auf den Lippen. Ohnehin scheint es Kerscher zu genießen, da vorne zu stehen, nicht allein, um die Abiturienten zu verabschieden, sondern auch, um den einen oder anderen Seitenhieb zu verteilen. Als der Schulleiter die Bühne betritt und sich unter den goldenen Luftballons, die „Abi 2019“ buchstabieren, positioniert, blickt er auf die Menschenmenge und wundert sich, dass so viele in die Sporthalle gekommen sind, statt für Fridays for Future auf die Straße zu gehen. 

Bissig-humorvoll ist die Rede Kerschers, zugleich ist sie aber auch eine Art Erweckungserlebnis, oder will ein solches zumindest sein. Denn der Schulleiter möchte, dass die Scheidenden den Wert der vergangenen Zeit schätzen und betont mehrmals, dass die Schule und die Lehrer den Schülern nie Böses gewollt haben. „Hier hat man sich um sie gekümmert, auch wenn sie das nicht wollten“, grinst Kerscher, ehe er die Abiturienten ins Leben entlässt, in dem es nicht unbedingt einfacher zu werden verspricht. Zwar seien sie nun die Manager ihres eigenen Glücks, doch diese Tatsache sei „verdammt mit Konsequenzen verhaftet“. 

Ebenfalls folgenreich dürfte nun auch der Umstand sein, dass den jungen Leuten kein strukturierter Zeitplan mehr von der Schule vorgegeben wird, sondern ihnen selbst nun das Zeitmanagement obliegt. Dass sich die ehemaligen Schüler daran erst noch gewöhnen müssen, wird deutlich, als die Abiturienten Vincent Aigner, Lilly Rohsmann, Moritz Volk und Malin Wächtler die Bühne betreten. Die vier schildern die Wochen nach der Notenbekanntgabe, in welchen der ein oder andere zur passionierten Couch Potatoe mutiert sei, sich die Frage, welcher Wochentag denn nun eigentlich sei, fast jeden Tag stelle, und auch die leserliche Schülerschrift binnen kürzester Zeit dem unleserliche Buchstabengewirr der Eltern gleiche. Die Gewohnheiten von gestern sind passé. Doch eines, das stellen die vier klar, wird wohl bleiben: die Erinnerung, auch wenn diese über die Jahre vermutlich immer blasser werden wird. Die Abiturienten werden sich noch eine Zeit lang an die Phasen, die sie von der Unterstufe bis in die Oberstufe durchlaufen haben, an denkwürdige Sätze vom Pult („Der Lehrer beendet die Stunde“) oder an die Pausen, in welchen anfangs Fußbälle aus dem Säubach gefischt wurden, ehe später nur noch gechillt wurde, erinnern. Eine Erinnerung dürfte sich aber wohl tief in das Gedächtnis aller einbrennen, die Erinnerung an die Rose und das Zeugnis, mit denen sie über einen roten Teppich die Sporthalle am Wellenbad und damit die Schule verlassen haben. ra

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