Biostunde mit Schwarznasen

Ein kurzer Weg: Gymnasiasten besuchen am Wandertag Penzberger Photovoltaikanlage

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Verfolgungsjagd auf die Rasenmäher: Im „Fach“ Biologie ging es für die Achtklässler auf die Suche nach den Walliser Schwarznasenschafen.

Penzberg – Schuhwerk mit Profil an den Füßen, Rucksack auf den Schultern, eine Softshelljacke am Körper. Gut ausgerüstet kamen die Achtklässler des Penzberger Gymnasiums am Wandertag zur Schule. Doch ging es für sie weder in die Berge noch durch Wälder. 

Die Walliser Schwarznasenschafe haben da noch einige Arbeit zu leisten. Die Tiere, die sich der Mahd auf den beiden Photovoltaikflächen an der Bichler Straße vor den Toren Penz­bergs annehmen, stehen inmitten von hohen Grashalmen oder besser gesagt: sie rennen. Die Schüler, die heute auf ihrer Weide zu Besuch sind, wollen unbedingt über die lockige Wolle streicheln und die Schafe füttern. Dass die Tiere da wenig Interesse zeigen, verwundet kaum, bei so viel Gras, das unter den Solarmodulen noch zu stutzen ist. Und so suchen die Schafe nach Fluchtwegen, als die Schüler guten Willens auf sie zu laufen. Selbst vor akrobatischen Verrenkungen machen die Tiere nicht Halt, um Streicheleinheiten aus dem Weg zu gehen und sich um die Mahd zu kümmern. Fleißige Arbeiter eben. 

Obgleich sich Stefan Fußeder, Projektentwickler bei der Firma Vispiron, welche die Photovoltaikflächen für Penzberg realisiert hat und nun betreut, alle Mühe gibt, den Achtklässlern Wissenswertes rund um die strom­erzeugenden Platten zu berichten, so sind es letztlich die desinteressierten Wollnasen, die die Jugendlichen am meisten begeistern. Ehe es aber auf die Suche nach den im hohen Gras versteckten Rasenmähern geht, erstellt der Vispiron-Experte einen Stundenplan für seinen Besuch. Die Hoffnungen der Schüler, einen Tag von einem Fächermarathon befreit zu sein, dürften damit geplatzt sein. 

Zunächst ist das Fach Physik an der Reihe. Fußeder erklärt, was es mit dem Schaltkasten auf sich hat, den er natürlich auch für einen Blick in das innere System der Anlage öffnet. Anschließend führt er vor Augen, was alles beachtet werden muss, damit die Solarmodule Schneelasten und Wind Stand halten. Nicht ohne Grund seien unter den Platten nachträglich noch Streben eingesetzt worden, die im Falle des Schneefalls für Stabilität sorgen. Auch seien die Platten in einem steileren Winkel als gewöhnlich ausgerichtet, sodass die herabgefallenen Flocken möglichst rasch wieder von den Solarflächen rutschen. Reine Vorsichtsmaßnahmen, schließlich müssen die Planer stets vom „Worst-Case-Szenario“ ausgehen, grinst der Projektentwickler. 

Dann wird Fußeder zum Chemie­lehrer. Er erläutert, dass aufgrund des moorigen Bodens „der ph-Wert ein bisschen hoch ist“, so dass bei den beiden Penzberger Anlagen der in der säuerlichen Erde steckende Stahl beschichtet, nämlich verzinkt, werden musste, um eine Korrosion zu vermeiden. Ein wenig trocken wird es dann in den Fächern Informatik sowie Wirtschaft und Recht. In letzterem führt Fußeder auf, welche komplexen Prozesse zu durchlaufen sind, ehe eine Photovoltaikanlage errichtet werden kann. Er spricht dabei von Bauplänen, politischen Beschlüssen, finanzierenden Banken und Verträgen, von denen „unglaublich viele“ abzuschließen sind. Und die Schüler lauschen, während auf der Bichler Straße die Autos vorbeirauschen und das ein oder andere Wort von Fußeder schlucken, was die Schüler jedoch kaum zu bedauern scheinen. 

Auf die abschließende Frage von Bürgermeisterin Elke Zehetner, welches Thema die Schüler denn am interessantesten fanden, sind sich die Achtklässler einig. „Die Schafe“, rufen sie aus. Die Rathauschefin grinst, blickt sogleich zu Fußeder, um auch ihn zu fragen, welches Thema denn am interessantesten sei, vermutlich in der Hoffnung, eine andere Antwort zu hören. „Die Schafe“, lacht Fußeder, der es den Schülern nicht verübeln kann, dass sie die Tiere so begeistern. Schließlich hatte er den Jugendlichen kurz zuvor in seiner Biologiestunde erläutert, welche Ausgleichsmaßnahmen auf den beiden rund 24.000 Quadratmeter großen Flächen durchgeführt werden. Eine davon leisten die Schafe, die mit ihrer Beweidung zur Extensivierung der Wiesen beitragen. Die wolligen Rasenmäher sind dabei aber keineswegs ungewöhnlich, denn rund 70 Prozent der von Vispiron betreuten Photovoltaikflächen werden von Schafen beweidet, so Fußeder, der seinen Blick von den schwarznasigen Walli­sern ab- und den Hecken zuwendet. Strauchwerk sei immer wieder am Zaun entlang gesetzt worden, „weil wir auch Versiegelung haben“, begründet Fuß­eder das Gestrüpp. Die Hecken verhindern dabei nicht nur den freien Blick auf die nicht gerade ansehnlichen Solarplatten, sie bieten Tieren auch Nistplätze und Futter, meint der Energietechniker. Und ihm scheint tatsächlich, fernab all der zu erfüllenden Auflagen, an dem ökologischen Gedanken gelegen zu sein. Jedenfalls macht er sich, als sein Besuch mit aufgeschulterten Rucksäcken wieder dem Gymnasium entgegensteuert, auf nach München, um dort am nächsten Tag gemeinsam mit seinen Arbeitskollegen bei der globalen Klimademo mitzumarschieren. Und während er dort mit Pappschild in der Hand für Klimagerechtigkeit protestierte, tankten nicht nur die Walliser Schwarznasenschafe in Penzberg reichlich Sonne, sondern auch die unzähligen Solarzellen. ra

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