Fünf Tage nach seinem 90. Geburtstag erliegt Willi Heidrich einer schweren Krankheit

Friedlich eingeschlafen

Zwei, die bis zuletzt beisammen waren: Willi Heidrich, der seine Ordensbänder stets mit Stolz ans Revers heftete, und seine Frau Bruni.

Penzberg – Als man sich vor zwei Wochen bei den Heidrichs im Wohnzimmer niederließ, da saß einem ein Mann gegenüber, der zwar gezeichnet war von seiner schweren Krankheit, der aber mit fester Stimme und jener Herzlichkeit, die ihn stets auszeichnete, über sein bewegtes Leben berichtete.

Allen, auch ihm, war klar, dass sein ausgezehrter Körper nicht mehr lange mitmachen würde. Aber Willi Heidrich wollte seinen 90. Geburtstag am Montag vergangener Woche unbedingt noch feiern. Das ist ihm auch gelungen, und wie in alten Zeiten ließ er sich von seiner Frau Bruni ein Bier zur Weißwurst bringen. Doch nach diesem Tag verließen ihn endgültig die Kräfte, das fortwährende Wechselspiel zwischen Chemotherapie und Dialyse war einfach zu viel. In der Nacht zum Samstag ist Heidrich auf der Pal­liativstation in Tutzing verstorben. 

Willi Heidrich wurde bereits zu seinem 90. Geburtstag vor allem als eines beschrieben: Urgestein der SPD. In der Tat war der am 21. Januar 1929 in Oberschlesien geborene Willibald Heidrich, das was es heute fast nicht mehr gibt: ein Sozial­demokrat der alten Schule, einer mit einem roten Herz am rechten Fleck, der stets für die Rechte der Arbeiter, die es damals noch in viel größerer Zahl als heute gab, eintrat. Er war Jungsozialist und Gewerkschafter, er war aber auch leidenschaftlicher Fußballer, er war ehrenamtlicher Richter und Kreisvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt und er rief zwei kulturelle Institutionen ins Leben, die aus Penzberg nicht mehr wegzudenken sind: den Hoagart und die Lesung der „Heiligen Nacht“ von Ludwig Thoma. 

Für Bürgermeisterin Elke Zehetner war er aber noch viel mehr: er war ihr Mentor. Willi Heidrich hat sie vor sechs Jahren, als Zehetner in Penzberg noch keiner kannte, als Bürgermeisterkandidatin der SPD vorgeschlagen, obwohl sie der Partei bis heute nicht angehört. „Ich habe ihm viel zu verdanken“, sagt Zehetner. Und fügt hinzu: „Penzberg hat ihm viel zu verdanken.“ Als es in den späten Sechzigerjahren, nach der Schließung des Bergwerks, darum ging, die Weichen für die Stadt zu stellen, zählte Heidrich an vorderster Front zu jenen, die instinktiv das Richtige taten und in der Ansiedlung von Industrie eine große Chance sahen. Wie man heute weiß, ein visionärer Schachzug. Heidrich hätte in den Siebzigerjahren, damals, als die SPD noch eine Macht war, wohl bloß den Finger heben müssen, der Einzug in den Landtag oder den Bundestag wäre ihm sicher gewesen. Er wollte aber nicht. Sein Ding war stets die Kommunalpolitik, „weil ich hier aktiv etwas bewegen konnte“, wie er wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag noch einmal bestätigte. Und: Solange es seine Gesundheit zuließ, war er bei allen nennenswerten Veranstaltungen der Stadt und der Penzberger SPD präsent. Doch nicht nur das: „Ich konnte ihn stets um Rat fragen“, erinnert sich Elke Zehetner. Und sie fügt hinzu: „Er war mir immer ein verlässlicher, väterlicher Freund.“ Einer, und das ist ihr noch ganz wichtig, „der stets das Wohl der Stadt im Auge gehabt und Großes für Penzberg geleistet hat“. Dem widersprechen auch die Vertreter der politischen Konkurrenz nicht. „Penzberg hat eine große Persönlichkeit verloren“, sagt etwa André Anderl von der FLP und erinnert in diesem Zusammenhang an Heidrichs Parteibuch, das viel über dessen Inhaber aussagt. Brandt, Schröder, Gorbatschow: Heidrich ließ darin jeden unterschreiben, der ihm über den Weg lief – nur keinen von der CSU. Und man kann sich gut vorstellen, welch diebische Freude Heidrich gepackt haben mag, als Franz-Josef Strauß dereinst der Zugang zur Stadthalle verwehrt wurde. 

„Sein Leben war unsagbar reich an Arbeit“, sagt Wolfgang Sacher von den BfP. In der Tat: Heidrichs erste Ehe ging in die Brüche, weil ihn die Partei und die unzähligen ehrenamtlichen Verpflichtungen einfach zu sehr in Beschlag genommen hatten. Aber, so Sacher, „er hat sich stets für die Belange von Penzberg und der hier lebenden Menschen eingesetzt“. Und dafür sei ihm „großer Dank und Anerkennung“ zu zollen. 

Sacher wie Anderl gehören jener Generation von Stadträten an, die Willi Heidrich erst kennenlernten, als dieser schon lange den Titel des Ehrenstadtrats trug. Dem heutigen Kommunalparlament gehört überhaupt nur einer an, der mit Heidrich selbst im Stadtrat saß: Ludwig Schmuck von der CSU. „Er war ein Mann mit Ecken und Kanten, der am Ende aber immer diskussionsbereit war und zum Wohle der Stadt entschied“, erinnert sich Schmuck. Für Heidrich sei die Politik seine große Leidenschaft gewesen. Schmuck hat an ihm aber vor allem eines imponiert: „Er war ein Mann dem nichts in die Wiege gelegt wurde, er musste sich alles hart erarbeiten.“ Wie viele Penzberger kam Heidrich nach dem Zweiten Weltkrieg aus Oberschlesien, auf der Suche nach einer neuen Heimat und Arbeit. Er fand sie zunächst als Maurer, später als Kumpel im Bergwerk, ehe er 1965 die Geschäftsführung des SPD-Bundestagswahlkreises Weilheim übernahm. Da gehörte Heidrich aber schon acht Jahre dem Stadtrat an, aus dem er erst 1996 ausschied – nach 39 Jahren. Kein Wunder, dass Schmuck feststellt: „Die Kommunalpolitik war sein Lebenswerk und ist sein Vermächtnis an unsere Stadt.“ Nick Lisson, der heutige CSU-Vorsitzende in Penzberg, der 1984, ein Jahr nach Heidrichs Wahl zum dritten Bürgermeister, auf die Welt kam und der den alten Genossen deshalb gar nicht mehr aktiv erleben konnte, hat doch viel Richtiges über ihn gehört: „Er war ein Mann, der nicht nur in den Reihen der SPD höchstes Ansehen und großes Vertrauen genossen hat. Er war ein Mann, dessen Handeln für Penzberg beispiellos war. Mit Recht können wir sagen: Er war und wird immer eine Institution in unserer Stadt sein.“ 

Das trifft es ganz gut: Heidrich war eine Institution. Einer, der auch im hohen Alter und inzwischen schon auf einen Gehstock angewiesen, nichts von seinem Handwerk verlernt hatte. Wer in der Politik etwas werden will, so heißt es heute wie damals, der muss in der Öffentlichkeit Präsenz zeigen. Heidrich tat dies nicht nur vorbildlich bei vielerlei offiziellen Anlässen, sondern auch sehr geschickt. Nie stand er am Rand, wenn Fotografen die Kamera zückten, sondern stets in der Mitte, was zur Folge hatte, dass ihn keine Bildredaktion der Welt je hätte herausschneiden können. Als während der Regentschaft von Hans Mummert dessen Frau Evi eine ähnlich gelagerte zentrale Präsenz bei Bildaufnahmen zeigte, hieß es in Journalistenkreisen sofort: „Das hat sie vom Willi gelernt.“ 

Für die SPD bedeutet Heidrichs Tod vor allem den Verlust einer Legende: „Wir müssen von einem großen Sozialdemokraten und Kommunalpolitiker Abschied nehmen, dessen Rat für uns bis zuletzt von großer Bedeutung war“, sagt der Ortsvorsitzende Bayram Yerli. Auch er einer, der Heidrich erst kennenlernte, als der seine aktive Zeit schon hinter sich hatte. Yerli aber imponierte der Alte: „Trotz seines hohen Alters ist er zu jeder SPD-Veranstaltung gekommen und hat seine Meinung auch immer kundgetan.“ 

Dass Heidrich 1995 das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde, hat ihn natürlich gefreut. Besonders stolz aber war er auf die höchsten Auszeichnungen, welche die SPD im Bund und in Bayern zu vergeben hat: die Willy-Brandt-Medaille und die Georg-von-Vollmar-Medaille. „Willi Heidrich wird uns als Kommunalpolitiker, Sozialdemokrat, Freund und Parteifreund stets in Erinnerung und unvergessen bleiben“, betont Yerli. 

Wenn es in Penzberg einen gibt, der Heidrichs Vermächtnis aktiv weiterlebt, dann ist es Johannes Bauer. Der stellvertretende Bürgermeister liest seit viele Jahren die „Heilige Nacht“ von Ludwig Thoma, die Heidrich mit seiner Frau Bruni 1984 ins Leben gerufen hat. „Willi Heidrich hatte ein bewegtes und erfülltes Leben. Er beeindruckte immer als unbeugsamer und überzeugter Sozialdemokrat. Ich danke ihm vor allem für das kulturelle Erbe, das er unserer Stadt hinterlassen hat. Tröstlich, dass wir letzte Woche im kleinen Kreis noch gemeinsam seinen 90. Geburtstag feiern konnten. 

In der Nacht von Freitag auf Samstag ist Willi Heidrich friedlich für immer eingeschlafen. la 

Die Trauerfeier für Willi Heidrich findet am morgigen Donnerstag um 13.30 Uhr auf dem städtischen Friedhof statt.

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