Das Pochen ist noch da

84 Jahre im Familienbetrieb: Thomas Schmid schließt Gasthaus „Zur schönen Aussicht“

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Nimmt mit einem Lächeln Abschied: Wirt und Koch Thomas Schmid vor dem Gasthaus „Zur schönen Aussicht“, das er von seinem Bruder gepachtet hatte.

Penzberg – Überall schimmert Eisenstahl, Geräte, Töpfe, Warmhaltebehälter. Dazwischen stapeln sich bunte Maßkrüge und Pappkartons. „Wir räumen gerade alles aus“, sagt Thomas Schmid, Wirt des Gasthauses „Zur schönen Aussicht“ nüchtern. Der Penzberger schließt seine Wirtschaft in Reindl und beendet damit eine 110 Jahre andauernde Familientradition. Schmid fällt dieser Schritt gewiss nicht leicht, doch für ihn gibt es keinen anderen Weg als diesen.

Sein Blick wandert durch die menschenleere Wirtsstube. Die Tische sind verrückt, als ob jeden Moment ein Flohmarkt stattfindet. Auf den Platten stehen diverse Küchenutensilien fein säuberlich sortiert. „Alles wird verkauft“, sagt Schmid, der auf einem der wenigen Stühle in dem Raum sitzt. Ob er aber auch alles los wird, weiß er nicht. „Es ist wie im Winter eine Eisdiele zu eröffnen“, sagt der Koch, der Schürze und Kelle nun an den Nagel hängt. In Corona-Zeiten schließen immerhin viele Wirtshäuser und verkaufen ihr Inventar, so auch die Schöne Aussicht. Doch die Pandemie ist keineswegs der Grund, weshalb Schmid, seit 39 Jahren Wirt, die Türen geschlossen hält. „Corona war nur das Tüpfelchen auf dem I“, sagt er. Schon länger habe er darüber nachgedacht, sein Gasthaus zu schließen, vor kurzem hat er sich dann einer Operation unterziehen müssen, „Herzrhythmusstörungen“, so Schmid. Jetzt muss der 56-Jährige langsamer machen. Und auch seinen Partyservice gibt Schmid auf, aber keineswegs leichtfertig, wie seine nüchterne Art, vom Abschied zu sprechen, vielleicht nahelegt. 

Ein Leben für das Wirtshaus

Schmids Herz hängt an der Gaststätte, vor allem, so scheint es, weil das Herz seines Vaters daran hängt. „Sie war sein Leben“, sagt er. Vor 110 Jahren nahm die Wirtstradition in der Familie seinen Anfang. „Mit meinem Urgroßvater Xaver Strauß“, erzählt der Koch. 1910 pachtete dieser die Gaststätte und Metzgerei Berggeist in Penz­berg. „1936 hat er das hier drüben für seinen Schwiegersohn gekauft“, sagt Schmid und meint die Schöne Aussicht. Doch der Schwiegersohn fiel im Krieg. „Ich habe meinen Großvater nie kennengelernt“, so der 56-Jährige. Also übernahm der Urgroßvater den Gasthof „Zur schönen Aussicht“ selbst, zu dem damals schon eine Metzgerei gehörte. Anschließend führten Schmids Eltern den Betrieb 40 Jahre lang. „1988 bin ich heimgekommen“, sagt Schmid, der eine Ausbildung zum Koch im Posthotel in Partenkirchen absolviert und anschließend in München und am Tegernsee gearbeitet hatte. 1999 übernahm Thomas Schmid schließlich das Gasthaus in Reindl. Auch gründete er seinen Partyservice. „So etwas gab es hier damals noch nicht“, sagt Schmid. Aber in München, wo er bei Feinkost Käfer gearbeitet hatte. Eine Erfahrung, die vielleicht erklärt, warum Schmid fast alles kochen konnte, was sich seine Kunden wünschten, nicht allein bayerische Gerichte, mit denen Xaver Strauß einst die Gäste bekochte. Nur Rohes war noch nie Schmids Ding, „Sushi oder Carpaccio“, grinst er, der in seiner beruflichen Laufbahn schon so ziemlich alles einmal probiert hat, bei Käfer etwa unzählige Austern, aber keine Gänseleber und keine Froschschenkel. „Ich lehne alles ab, bei dem Tiere gequält werden“, betont er. 

Bank und Bergblick statt Selfie-Stick und Smartwatch

Als er die Gaststätte übernahm und den Sonntag zum Ruhetag erklärte, sei sein Vater eine Zeit lang ganz schön wütend auf ihn gewesen, erzählt Schmid. Doch der Bub blieb stur und setzte sich durch, schließlich wollte er ein anderes Konzept für das Wirtshaus. Schmid stellte seine Räume für Feierlichkeiten zur Verfügung und kochte für die Gäste. Eine Wirtshauskultur wurde dennoch gepflegt, Stammtische, Schafkopfrunden und dazu ein paar Halbe. Ein Bild, das Thomas Schmid schmerzlich vermisst. Die Menschen hätten sich verändert, die Mentalität sei eine andere. Gewiss hat Schmid Stammgäste, die ihn „sein ganzes Leben begleitet haben“. Doch im Laufe der Jahre und in Zeiten der Schnelllebigkeit sei die Geselligkeit irgendwie abhanden gekommen. Vielleicht auch, „weil Reindl früher wie ein Dorf war, es gab an jeder Straße fünf, sechs Bauernhöfe und auch Lebensmittelgeschäfte, einen Friseurladen und eine Glaserei“, zählt Schmid auf und deutet mit seinen Finger in die verschiedenen Richtungen, wo die Geschäfte einst waren. „Penzberg ist gewachsen“, sagt er. Alles wurde größer, irgendwie schneller, hektischer. Immer weniger Menschen nehmen sich Zeit, auch nicht beim Essen. Mit dieser Schnell­lebigkeit möchte Schmid nicht mitziehen, weder beruflich noch privat. Er ist der Typ Mensch, der sich auf eine Bank an einer Berghütte oder in einen Biergarten am See setzt, um Brotzeit und Aussicht zu genießen, während um ihn herum Selfie-Sticks ausgefahren werden und Sportler mehrmals auf der Smartwatch an ihrem Handgelenk prüfen, ob denn schon das Tagespensum an Schritten geschafft wurde. 

Es war eine anderen Zeit

Doch nicht nur die Mentalität der Gäste und die Umgebung haben sich verändert, auch die Personalsituation. Es sei nicht leicht, junge Menschen zu finden , die „bis zu sechs Tage die Woche in der Küche arbeiten, zu dem Gehalt und während andere frei haben“, sagt Schmid nachdenklich. Wenig Freizeit, viel Arbeit. Das hat er selbst 39 Jahre lang in Kauf genommen. „Ich bin in anderen Zeiten aufgewachsen“, sagt der 56-Jährige. Ein normales Familienleben habe er mit seinen Eltern als vielbeschäftigte Wirte nicht gekannt. Und dennoch „wollte ich von Haus aus Koch werden“, sagt Schmid. Trotz der Strapazen liebte er es, Koch zu sein, und Wirt. „Du bist immer mittendrin, da entstehen Kontakte“, sagt Schmid, der jedes Mal wieder breit grinste, wenn eine Feier wie geplant klappte. „Da vergaß man die ganze Arbeit“, sagt er. 

Plötzlich stand alles still

Das schönste „Festl“, wie er sagt, an das Schmid zurückdenkt, war im vergangenen Jahr das Stadtjubiläum. Viele Menschen bester Laune und ein Wetter, das nicht besser hätte sein können. „Da bin ich bei strahlend blauem Himmel aufgewacht. Am Tag zuvor hatte es noch geregnet, und zwei Tage später hat es geschneit“, lächelt Schmid. Ein perfekter Tag, den er sich als Ende seines Daseins als Wirt gewünscht hätte, man soll schließlich aufhören, wenn es am schönsten ist. Aber das ging nicht, „ich hatte lauter Aufträge“. Die brachen im März plötzlich alle weg, „Es musste alles abgesagt werden“, sagt der 56-Jährige. Vereinsfeiern, Geburtstage, Geschäftsessen, nichts durfte mehr stattfinden. Plötzlich war das Auftragsbuch wie ausradiert. „Es war schon ein komisches Gefühl, 39 Jahre lang ist es immer gelaufen“, sagt Schmid und blickt auf die Wand vor sich. Dort hängen alte Fotografien aus vergangenen Zeiten: sein Urgroßvater nebst einem Rindvieh am Berggeist, eine Hochzeit unbekannten Datums, seine Mutter auf einer Pferdekutsche und natürlich ein leicht vergilbtes Bild von seinem Gasthaus. 

„Wer kauft sich heute noch Arbeit?“

Corona, sein Herz, das an dem Haus hing und noch immer hängt, aber Ruhe braucht, und eine Geselligkeit, die nicht mehr dieselbe ist wie einst, für Schmid war es einfach an der Zeit, den Schlüssel nach 84 Jahren des Familienbetriebs umzudrehen. Was nun mit dem Haus, das er von seinem Bruder gepachtet hatte, passiert, weiß er nicht. Er zuckt mit den Schultern. Er bezweifelt, dass noch einmal eine Wirtschaft in das hellgelbe Gebäude einzieht, wenn er fragt: „Wer kauft sich heute noch Arbeit?“ Eine Antwort darauf scheint er zu erwarten. 

Keine Küche, keine Keramik

Wie er sich die Zeit nun vertreiben möchte, weiß Schmid dagegen ganz genau. „Meine Tochter bekommt bald Zwillinge“, grinst der 56-Jährige, der sich darauf freut, mit den Enkeln möglichst viel Zeit zu verbringen. Außerdem möchte er wieder öfter in die Berge, auch mal unter der Woche, wenn nicht alle die Gipfel stürmen. Und er plant mehr Zeit mit seiner Frau ein. Vor kurzem erst waren beide radeln, zusammen, an einem Wochenende. „Daran müssen wir uns erst einmal gewöhnen“, lacht Schmid. Denn auch seine Frau, die als Keramikerin in Bad Heilbrunn arbeitet, ist selbstständig und hat wenig Zeit. Ihr möchte er nun bei der Arbeit helfen. An Keramik wird er sich wohl aber nicht versuchen. „Ich bin künstlerisch nicht begabt“, schmunzelt er. Abgesehen davon sei seine Frau eine richtige Handwerkerin, die es sehr genau nehme, meint er augenzwinkernd. „Bis zum Ende des Jahres werde ich mich aber nicht mehr in die Küche stellen“, betont Schmid. Privat allerdings schon, oder wenn ein Freund seine Unterstützung braucht, aber ansonsten möchte er die nächsten Monate ruhig angehen. Dass das kein Dauerzustand werden wird, weiß er aber schon jetzt: „Ich kann nicht nur Kinderwagen und Radl rumschieben“, schmunzelt er, während sich um ihn herum die Vergangenheit stapelt, für die sein Herz noch immer pocht, aber wohl nicht mehr so schnell wie ­einst. ra

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