Wohnraum und Windhunde

Kocheler Gemeinderat beschließt Bebauungsplan „Westlich Bahnhof/Friedzaunweg“

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Über 400 Quadratmeter im Erdgeschoß des ehemaligen Getränkemarktes wollen genutzt werden, müssen sich aber noch gedulden, denn das Gebäude befindet sich auf jener Fläche, für welche die Aufstellung eines Bebauungsplans und eine Veränderungssperre beschlossen wurden.

Kochel – Abermals kam das Thema Wohnen im Mischgebiet auf den Tisch des Kocheler Gemeinderats. Das Ergebnis: Das Gremium beschloss mehrheitlich die Aufstellung des Bebauungsplans „Westlich Bahnhof/Friedzaunweg“ sowie den Erlass einer Veränderungssperre.

Um die Umnutzung des einstigen Getränkemarktes von Christian Glasl in ein fast reines Wohnhaus zu verhindern, hatte der Gemeinderat mit zwei Gegenstimmen im November die Aufstellung des neuen Bebauungsplans „Westlich Bahnhof/Friedzaunweg“ beschlossen. Damit kam das Gremium dem Ersetzen des gemeindlichen Einvernehmens durch das Landratsamt zuvor, welches seinerseits durch die Zunahme von Wohnflächen keine Gefährdung des Misch­gebiets gesehen hatte. In der jüngsten Sitzung des Gemeinderates wurde dieser Vorgang nun kontrovers diskutiert, letztlich beschloss das Gremium aber mehrheitlich die Aufstellung des Bebauungsplans und den Erlass einer Veränderungssperre. Antragsteller Christian Glasl hält indes an seiner Planung fest. 

Wie kann man Gewerbe und Wohnen nebeneinander ermöglichen, ohne sich Probleme mit lärm- und geruchsempfindlichen Anwohnern ins Haus zu holen? In den Augen von Bürgermeister Thomas Holz und den Mitgliedern des Bauausschusses am besten, indem man für das betreffende Gebiet einen Bebauungsplan aufstellt, der beides nebeneinander ermöglicht. „Ich will auch Wohnungen, aber geregelt“, betonte Holz angesichts der Pläne von Christian Glasl, der in seine frei gewordene Gewerbehalle sechs Wohnungen sowie auf dem Grundstück ein Doppelhaus bauen möchte. Monika Hoffmann-Sailer hält zusätzlichen Wohnraum in zentraler Erdgeschoßlage für sehr wünschenswert. Irritiert zeigte sich die SPD-Gemeinderätin aber darüber, dass der Antrag auf Aufstellung eines Bebauungsplans von der Gemeinde selbst kommt. In der November-Sitzung hatte nämlich der Bürgermeister noch mitgeteilt, es lägen „aus unmittelbarer Umgebung“, konkret aus dem nordwestlich an das Glasl-Grundstück angrenzenden Gewerbegebiet, Anfragen auf Aufstellung eines Bebauungsplans vor. „Jetzt höre ich, dass wir das selbst machen“, wunderte sich Hoffmann-Sailer, dabei habe die Gemeinde doch erst kürzlich in dem Gebiet eine Bauleitplanung gemacht (den Bebauungsplan „Am Tellerfeld“, ein Mischgebiet aus Wohnen und Gewerbe). „Da hätten wir gleich mehr überplanen sollen“, kritisierte sie. Rathauschef Holz hingegen verwies darauf, dass die Fragestellung, wie sich ein Gebiet mit unterschiedlichen Interessenslagen weiterentwickeln könne, zur „ureigensten Aufgabe einer Gemeinde“ gehöre. „Ob alle Wohnungen möglich sind, wird sich zeigen“, ergänzte er. Die Planungshoheit der Gemeinde hob auch Jens Müller (UWK) hervor, der meinte, die Entstehung von Wohnraum sei ja nicht abgelehnt, sondern werde vielmehr „geordnet geschehen“. 

Mit seinem Antrag, in dem Baugebiet die Richtlinie zur Sozialgerechten Bodennutzung (SoBon) anzuwenden, scheiterte anschließend Reinhard Dollrieß (FW). Es solle ja gerade keine reine Wohnbebauung stattfinden, begründete Holz, die SoBon eigne sich am besten für im Flächennutzungsplan als Allgemeines Wohnen oder Dorfgebiet ausgewiesene Flächen. Dollrieß signalisierte Einverständnis, drängte jedoch darauf, die SoBon auch wirklich zeitnah zu diskutieren und zu überlegen, wie sich die Gemeinde gegenüber einkommensschwächeren Einwohnern entwickeln soll. Da es sich dabei um ein äußerst komplexes Thema handelt, sei für Februar ein Termin mit dem zuständigen Referenten des Bayerischen Gemeindetags vereinbart, erklärte Holz und warnte zugleich vor unrealistischen Annahmen bezüglich der Erschwinglichkeit von SoBon-Wohnraum: „Der Bayerische Gemeindetag nennt es preisgedämpft, nicht preisgünstig.“ 

Christian Glasl hingegen will mit seinen 55 bis 65 Quadratmeter großen Apartments mit kleinem Garten durchaus preisgünstigen Wohnraum schaffen, unter anderem für sein Personal, das sich die hiesigen Mietpreise oftmals nicht leisten könne. Auch eine kleine Gewerbeeinheit mit 60 Quadratmetern hätte der Getränkehändler in der ehemaligen Lagerhalle zu vergeben. In den Obergeschoßen des Bestandsgebäudes bestehen bereits zehn Wohnungen, teils in Eigentum, teils vermietet. Dass sein Vorhaben den Charakter des Mischgebiets gefährde, kann Glasl nicht nachvollziehen, zumal ihm vom Landratsamt ein genehmigter Vorbescheid vorliegt sowie die Aussage, seine Planung füge sich gut in die Umgebung ein. Dass die Gemeinde darauf mit der Aufstellung eines Bebauungsplans reagiert, „riecht für mich stark nach Willkür“, so Glasl. In den letzten Jahren seien um sein Grundstück herum zahlreiche Wohnungen entstanden, teils im Mischgebiet, teils aber auch im Gewerbegebiet, „und zwar nicht nur Betriebsleiterwohnungen, sondern viele fremdvermietete Wohnungen“, betont er. Auch ak­tuell werde im Mischgebiet wieder gebaut, am Döllerfeldweg ein Mehrfamilienwohnhaus sowie am Tellerfeld ein Einfamilienhaus. „Alle anderen haben schön ihre Wohneinheiten ins Mischgebiet gebaut“, stellt Glasl fest und befürchtet, dass er nach dem Windhundprinzip (wer zuerst kommt, mahlt zuerst) auf der Strecke bleibt. „Auf der einen Seite ist man froh, dass ich mit meinem Gewerbe rausgegangen bin“, berichtet Glasl, dem vor eineinhalb Jahren in einem Schreiben von der Gemeinde nahegelegt worden war, seinen Getränkemarkt auszusiedeln, was er im Antdorfer Gewerbegebiet realisieren konnte. Auf der anderen Seite seien aber auch Wohnungen plus eine verbleibende kleine Gewerbeeinheit nicht gewünscht. „Das will ich so nicht stehen lassen“, erklärt Glasl und kündigt an, einen Anwalt hinzuziehen. cw

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