Schwierige Gemengelage

Kochel braucht Wohnungen, die Glasls wollen welche bauen, sie dürfen aber nicht

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Seinen zentral gelegenen Getränkemarkt hat Kochel jüngst verloren. Eine Wohnnutzung will der Gemeinderat dort jedoch nicht, um keine Konflikte zwischen ruhebedürftigen Anwohnern und Gewerbe zu riskieren.

Kochel – Ja, an Wohnraum mangelt es fast überall, auch in der Gemeinde Kochel. Und dennoch sprach sich dort der Gemeinderat jüngst gegen den Bau von Doppelhaushälften sowie die Errichtung von Wohnungen aus. Der Grund: Man will das Gewerbe schützen. 

Mal lärmen die Kuhglocken, mal stinkt der Käse: Klagen von Anwohnern gegen Geruchs- und Lärmbelästigung durch benachbarte Betriebe sorgen regelmäßig für Schlagzeilen. Damit in Kochel solche Probleme gar nicht erst entstehen, beäugt der Gemeinderat entsprechende Bauvorhaben und Umnutzungen mit Argusaugen. Der Schutz des bestehenden Gewerbes im Mischgebiet am Friedzaunweg hatte daher Vorrang vor der Schaffung von neuem Wohnraum, obwohl der dringend benötigt würde. Einen Vorbescheidsantrag zur Errichtung mehrerer Wohnungen, einer Tiefgarage und zwei Doppelhaushälften mit Garagen lehnte das Gremium in seiner jüngsten Sitzung deshalb ab.

Mit der Umnutzung ihres einstigen Getränkemarktes haben die Glasls wenig Glück, nachdem sie ihren Betrieb im Mai ins neue Gewerbegebiet von Antdorf verlagert haben. Schon seit Jahren hatte Christian Glasl aufgrund der guten Auftragslage nach geeigneten Flächen für einen großen Getränkeliefermarkt und die dazugehörende Logistik gesucht, aber vor Ort nicht gefunden. „Die Gemeinde Kochel hat keine so große Flächen“, erklärt Seniorchefin Maria Glasl. Zudem sei die vorübergehend gepachtete Freifläche auf dem Parkplatz des einstigen Penny-Marktes weggefallen, nachdem der Grundeigentümer dort selbst bauen wolle. 

Für die Nachnutzung der leer gewordenen Geschäfts- und Lagerräume hatte Christian Glasl bereits vor dreieinhalb Jahren Ideen entwickelt. Damals plante er dort eine Spielhalle mit kleiner Gastronomie, war damit jedoch im Gemeinderat nicht auf Begeisterung gestoßen, da diese eine Vergnügungsstätte für Kochel als unpassend empfanden. Auch seine neuen Pläne, im Erdgeschoß des Bestandsgebäudes fünf Wohnungen sowie im dahinterliegenden Hof ein Doppelhaus zu errichten, scheint keinen Erfolg zu haben. In seiner jüngsten Sitzung lehnte der Gemeinderat gegen die Stimme von Reinhard Dollrieß (FW) das Vorhaben ab. 

Begründet wurde dies damit, dass eine Zunahme der Wohnbebauung in dem laut Flächennutzungsplan an Gewerbegebiet, Dorfgebiet und Bahn-Sondergebiet angrenzenden Mischgebiet nicht gewünscht sei. „Wir wollen den Charakter des Misch­gebiets nicht durch zu intensive Wohnbebauung verlieren“, erklärt Vizebürgermeister Thomas Eberl (UWK). Überwiege in einem Mischgebiet die Wohnnutzung, könne bestehendes Gewerbe „ganz schnell Probleme bekommen“, so Eberl. Wenn die entstehenden Wohnungen im Mischgebiet dem angrenzenden Gewerbelärm ausgesetzt sind, könne dies sowohl dem Rücksichtnahmegebot als auch den Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse entgegenstehen und im schlimmsten Fall sogar die Ausübung von diversen Betrieben nachhaltig gefährden, heißt es in der Begründung weiter. Möglicherweise hatten die Mitglieder des Bauausschusses auch noch die Welle der Besorgnis im Hinterkopf, mit der mehrere Anwohner Anfang des Jahres auf die Ansiedelung eines Hundefutterherstellers im ehemaligen Penny-Gebäude reagiert hatten. Die Anwohner hatten neben Lärm auch vehemente Geruchsbelästigung befürchtet, was sich bislang nicht bestätigt hat. 

Ganz verstehen kann Maria Glasl, die bis vor fünf Jahren selbst dem Gemeinderat angehörte, die Entscheidung des Gremiums nicht. „Wir haben jetzt schon zehn Wohnungen im Bestandsgebäude, da würde es sich doch anbieten, im Erdgeschoß weitere Wohnungen zu schaffen“, gibt sie zu bedenken. Im Übrigen verfüge auch der benachbarte Gewerbebetrieb Biller über mehrere Wohnungen sowie ein Doppelhaus in unmittelbarer Nähe. „Wohnungen werden doch dringend gebraucht“, wundert sich Glasl, die zudem der Meinung ist, das Gewerbe müsse „raus aus dem Ortskern“. 

Dass es im Obergeschoß des Glasl-Bestandsgebäudes immer schon Wohnungen gegeben habe, räumt auch Thomas Eberl ein, allerdings sei die künftig geplante gewerbliche Nutzung im Keller zu klein und habe somit nur „Symbolcharakter“. Ob Christian Glasl zumindest eine Chance auf eine Kompromisslösung hat, wird sich zeigen. Immerhin heißt es in einer Passage der Begründung: „Insbesondere vor allem auch das geplante Doppelhaus fügt sich daher nicht nach der Art der Bebauung ein“. Und diese weiche Formulierung liegt gar nicht so weit weg von der Aussage Maria Glasls, sie könne eine Ablehnung der Doppelhaushälften eher verstehen als die Umwandlung der Lagerhalle im Bestandsgebäude. cw

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