Die eierlegende Wollmilchfrau

Lachen ist Lebendigkeit: Kabarettistin Sissi Perlinger begeistert in der Stadthalle

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Eine Frau, viele Gesichter: Sissi Perlinger ist ein wahres Chamäleon und überzeugte in der Stadthalle nicht nur als Leo-Lady.

Penzberg – Die Badeente glänzt. Nicht Wasser ummantelt das Gummi, sondern frischer Kleber. Und der lässt das Tierchen hervorragend auf dem Kopf des Mannes haften. Was für ein glücklicher Mensch, geht es nach Kabarettistin Sissi Perlinger, die ihrem Publikum das Glück in der Stadthalle näher brachte.

 Sie steht auf der Bühne, so wie man sie erwartet. Löckchen auf dem Kopf, kohlrabenschwarze Schwalbenschwänzchen rahmen ihre Augen, von Kopf bis Fuß ist sie im Leopardenprint gehüllt, denn die Kleidung „schmutzt nicht, die hat schon Flecken“. Sissi Perlinger blickt ins Publikum. 50 Plus. Das sei sie gewohnt. Von lachen begleitete Buh-Rufe schallen ihr entgegen. Doch Perlinger beschwichtigt, sollen sie doch glücklich sein, schließlich sei es besser, Ü50 zu sein, als die 50 gar nicht erreicht zu haben. Nun schallt der 56-Jährigen Gelächter entgegen. Glücklich sein, das Thema des Abends, das Thema ihres Programms „Worum es wirklich geht“, das sie nun vor einer reichlich gefüllten Stadthalle präsentiert. 

Die Perlingerin lässt Schneewittchen noch blasser aussehen

Gar nicht so leicht, das Thema, denn „Glück ist für jeden etwas anderes“, und am glücklichsten sind ja eh die Dänen, zumindest im Ländervergleich. Das kann Perlinger nur bestätigen, schließlich sei sie seit 14 Jahren mit einem Dänen liiert, und der habe mit ihr ein Riesenmassel, schmunzelt die Kabarettistin, die seit nunmehr 33 Jahren auf der Bühne steht. Lachen schallt durch den Saal. Doch glücklich zu sein, ist gar nicht so leicht, gefangen im Alltagstrott und vielleicht auch in einem Job. Insbesondere Krawattenträger scheinen es da schwer zu haben, denn die Binde um den Kragen, sie „geht zurück auf die Schlinge um den Hals der Sklaven von Babylon“. Und die Spitze des Stoffes ist das größere Übel, gleiche sie doch einem Pfeil, der gefährlich auf das Wurzelchakra deute. Lautes Gelächter. Nein, das Wurzelchakra sammle nicht nur die sexuelle, sondern die gesamte Energie des Menschen, betont Perlinger. Doch die sexuelle Energie ist es, die die Kabarettistin an diesem Abend mit Freude auf die Schippe nimmt, wenn sie über die Spielereien und Querelen in der Amour fou singt. Es sind die Momente, die besonders beeindrucken: Perlinger mit Gitarre in der Hand und Oktaven in der Kehle. Kaum zu glauben, wie viele unterschiedliche Töne sie erzeugen kann, wenn sie singend lacht, in schier unendlich vielen Varianten und dabei das albere Kichern Pumuckls und die irre Lache des Bösewichts Joker bei Weitem übertrifft. Oder wenn sie in einem Lied über Freiheit, Freisein wie ein Vogel, zwitschert wie Gefiederte, und mit ihren Nachtigallenklängen Schneewittchen mit deren Spatzen­imitationen noch blasser aussehen lässt als die schneeweiße Prinzessin eh schon ist. Momente, die nicht allein das Publikum, sondern auch sie selbst glücklich zu machen scheinen, so beseelt sitzt sie mit ihrem Instrument, im Schneidersitz und buddhagleich, auf einem Tisch auf der Bühne. Große Kulissen braucht sie nicht, Kulisse ist sie selbst genug. 

Glück ist eine Badeente auf dem Kopf

Glücklich sein, dass könne selbst der größte Grantler mit „Furunkeln am Arsch“, meint Perlinger, die sogleich die Geschichte eines Mannes erzählt, dem eine klebrige Badeente auf den Hut fällt. Den ganzen Tag läuft er unwissentlich mit dem gelben Gummi auf dem Haupt herum und bringt die Menschen zum Schmunzeln. Zuhause im Spiegel sieht er dann das Schlamassel, und sieht sich lächeln, wie er sich noch nie hat lächeln sehen. Ein Lächeln, dass Endorphine freisetzt, solche, die Perlinger auch beim Tanzen verspürt. Nun wirbelt sie über die Bühne, völlig ungebändigt dreht sie die Hände, kreuzt die Beine, schüttelt den Körper. Doch nicht nur beim Tanzen gestikuliert die Perlingerin meisterhaft, auch wenn sie Leibesübungen macht – erstaunlich beweglich ist sie – oder in andere Rollen als die der Kabarettistin schlüpft. Jede einzelne beseelt sie. Es ist kaum zu glauben, wie schnell die 56-Jährige bei einer Insektenkonferenz in einer hitzigen Debatte ums Artensterben in die bayerische Bremse mit ausländerfeindlichen Tendenzen, den naiven Schmetterling oder die arrogante Wildbiene schlüpft. 

„Amazonisiert, vergoogelt und verapplet“

Genauso schnell schlüpft Perlinger auch in ihre Kostüme. In die Tracht schmeißt sie sich, wenn sie sich als ihre Nachbarin über konventionelle Lebensstile aufregt: „Mann und Kinder muss man wirklich wollen, das ist wie eine Tätowierung über das ganze Gesicht“. Kein Blatt nimmt die Dirndlträgerin vor dem Mund, für die das Leben erst beginnt, wenn „die Kinder aus dem Haus sind und der Hund endlich stirbt“. Auch der immense Billigfleischkonsum beschäftigt sie, bringt sie zur Weißglut, so wie die Politik dahinter: „Bei uns dürfen die armen Leute kein Essen aus dem Müll holen, aber Großkonzerne dürfen Müll armen Leuten als Essen verkaufen.“ Politisch wird es auch bei Kiezpsychologin Marlene im Kimono, die sich nicht vor Diskussionen mit einem Neonazi scheut. Hier beweist Perlinger abermals, dass sie in Windeseile in verschiedene Rollen schlüpfen kann, um eine Debatte unter Nachbarn über den Rechtsruck in Deutschland ins Rollen zu bringen. Seitenhiebe auf die AfD, und davon reichlich, inbegriffen („Jeder fünfte AfD-Wähler ist so dumm wie die anderen vier“). Gegen Fundamentalisten helfen nur Hasch­plätzchen, befindet schließlich die Kiezpyschologin. Auch als Sympathisantin der Fridays for Future-Bewegung outet sich Marlene, denn während die drei Fs früher nichts anderes bedeuteten als „fressen, f*****, fernsehen“, haben die drei Buchstaben heute Gewicht. Auf die Jugend setzen laute da die Devise, wenngleich die Jugend auch nicht mehr das ist, was sie einmal war, meint die Perlingerin, als sie sich aus dem Kimono geschält hat. Mit ihren Smartphones werden die Kinder „amazonisiert, vergoogelt und verapplet“, klagt sie, und nun sei der über Millionen Jahre antrainierte aufrechte Gang auf dem Weg zu einer Rückentwicklung. 

Die „eierlegende Wollmilchfrau“

Hin zu einem Affen fehlt dem Menschen aber ohnehin nicht viel, schließlich teile sich der homo sapiens 98,7 Prozent seiner Gene mit dem Affen. Und diese Verwandtschaft zeige sich nicht nur bei „Vollprolls“, sondern auch bei Managern von der Börse, betont die Perlingerin. Ein bisschen weniger affig scheint da aber das weibliche Geschlecht zu sein, wie sonst könnte sich erklären, dass „die eierlegende Wollmilchfrau“ mindestens 39 Ks am Tag bewältige, von Kosmetik und Körperpflege in der Früh über Kinder zur Kita bringen am Morgen bis hin zu Kunnilungus-Kapriolen in der Nacht. Mindestens zwei Ks mehr beherrscht da Sissi Perlinger, eine waschechte „eierlegende Wollmilchfrau“. Sie weiß, in ihrer Komik Klugheiten zu verpacken, die das Potenzial haben, Lebensweisheiten zu werden. Da würde es kaum verwundern, wenn schon bald Penzberger mit Gummienten auf dem Kopf durch die Stadt laufen, um ihres eigenen Glückes willen, und das anderer. ra

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