Giraffe am Morgen

Spenden, Schule, Sport: Wie das Jugendhaus Don Bosco den Corona-Lockdown meisterte

+
Standen plötzlich vor der Tür: Das Stofftierpaar war eine von vielen Spenden, über die sich Carolin Kirchner, Leiterin des Jugendhauses Don Bosco, riesig freute.

Penzberg – Plötzlich stand da diese Giraffe am Eingang. Und neben ihr ein ebenso langhalsiges graues Tier, das sich artspezifisch nicht so genau einordnen lässt. Regungslos blicken sie Carolin Kirchner entgegen. Die Einrichtungsleiterin des Don Bosco-Jugendhauses muss schmunzeln, wenn sie sich an dieses Szenario zurückerinnert. Sie war überrascht, sie freute sich. Wieder eine Spende, aus dem Nichts, von einem Menschen, der dafür keinerlei Anerkennung suchte, sondern der einfach nur helfen wollte. Hilfe, über die die Mitarbeiter des Jugendhauses in Zeiten von Corona dankbar waren. Denn leicht waren die vergangenen Monate nicht.

Zahlreiche Schilder bedeckten die Türen in dem Gebäude. Hier wird der Leser aufgefordert, eine Mund-Nase-Bedeckung aufzusetzen, dort wird ihm erklärt, wie richtiges Händewaschen funktioniert, und an andere Stelle erklärt ein Schild, dass sich hinter dieser Tür E-Mails von den Lehrern ausdrucken lassen. Papier, wohin das Auge reicht. „Wir haben die Eintrittsbestimmungen und Hygieneregeln schon vor dem Lockdown besprochen“, erklärt Leiterin Carolin Kirchner. Ein Schutzkonzept wurde entwickelt. Und Kirchners Stirn legte sich prompt in Sorgenfalten. „Was passiert mit den Kindern?“, war einer ihrer ersten Gedanken. Denn mit Beginn des Lockdowns war für die Bewohner des Jungendhauses erst einmal kein persönlicher Kontakt zu den Eltern möglich. Dann schlossen auch noch die Schulen und Vereinstätigkeiten waren nicht mehr möglich. „Die Kinder waren rund um die Uhr da“, berichtet Kirchner. Da könnten schon Konflikte aufkeimen und ordentlich gedeihen. Könnten. Die anfängliche Sorge Kirchners war unbegründet. Wochen nach dem Lockdown in einer Zeit der Corona-Lockerungen sitzt Kirchner nun in einem der Aufenthaltsräume und lehnt sich auf einem Stuhl zurück. „Die Kinder und Erziehungsberechtigten waren unglaublich bemüht“, sagt sie. Sie hätten genau gewusst, dass die neue Situation auch für die Betreuer keine leichte ist. Kirchner lächelt. Und dann war da auch noch das Verständnis von außen. „Wir haben viel Hilfe erfahren“, sagt Kirchner und denkt dabei an drei Erzieherinnen aus Schlehdorf, die ein paar Wochen im Jugendhaus aushalfen, als in ihrem Kindergarten Stille herrschte. Unterstützung, welche die Mitarbeiter der Penzberger Einrichtung gut gebrauchen konnten. Denn die Schließung der Schulen bedeutete einen enormen organisatorischen Aufwand. Immerhin besuchen die Kinder und Jugendlichen im Alter von fünf bis 18 Jahren unterschiedliche Schulen und unterschiedliche Klassen. Lernmaterial wurde von den Lehrern per Mail geschickt, stapelweise. „Wir haben eineinhalb Stunden am Tag gebraucht, um die Materialien zu sortieren“, sagt Kirchner. Die Vormittage, an denen die Mitarbeiter für gewöhnlich ein wenig Zeit zum Durchschnaufen haben, waren da schnell vergessen und nun mit Heimunterricht gefüllt. Nachmittags ging es dann meistens für Ausflüge nach draußen. 

Drinnen konnten die Bewohner mit ihren Eltern über Telefon und Skype Kontakt halten. „Das war für viele Kinder absolutes Neuland“, erinnert sich die Leiterin. Zu einem kleinen Neuland wurde auch die Einrichtung, denn man nutzte die Zeit des Lockdowns, um Renovierungsarbeiten im Haus vorzunehmen. Der Hausgang wurde hergerichtet, der Therapieraum frisch gestrichen und aufmöbliert, im Keller wurde aussortiert und eine neue Struktur reingebracht. 

Kirchner betritt das Therapiezimmer. Das Orange ist schon längst getrocknet, aber es riecht noch immer nach frischem Anstrich. „Wir haben die Farbe gespendet bekommen“, lächelt die Einrichtungsleiterin. Eine von vielen Spenden. Kirchner spaziert durch die Gänge und bleibt an einem Fenster stehen. Draußen hat sich ein großes Trampolin breit gemacht. Auch eine Spende. Hinzu kommen viele Spielsachen wie überdimensionale Stofftiere, die eines Morgens vor der Einrichtung standen. Kinogutscheine flatterten ins Haus genauso wie ein Stapel Pizzakartons. Und das Zentrum für Umwelt und Kultur in Benediktbeuern spendierte eine Floßfahrt. 

Sogar Man­power wurde gespendet: Lehrer kamen nach den Lockerungen vorbei und unterrichteten. Ein ehemaliger Mitarbeiter des Jugendhauses, der längst an einer neuen Wirkungsstätte tätig ist, kam vorbei und sprang in den Nachtschichten ein. Zeitweise liefen Kirchner Tränen in die Augen angesichts der großen Anteilnahme. „Um Kinder zu erziehen, braucht man ein ganzes Dorf, sagt man ja“, zeigt sie sich nachdenklich. Dieses Dorf sei da gewesen. Die Leiterin geht nach draußen in den Garten. Die Sonne scheint auf den Basketballplatz, die Schaukeln zittern im Wind. Reckstangen reflektieren das Licht. Dorthin zog es die Kinder und Jugendlichen die vergangenen Monate tagtäglich. „Sie sind richtig sportlich geworden“, hat Kirchner festgestellt. Da mag es kaum verwundern, dass sich die Kinder und Jugendlichen nun in dem Raum, in dem sich vor ein paar Jahren noch ein Schwimmbad befand, einen Indoor-Spielplatz wünschen. 

Sich zu den Eltern wünschen müssen die Kinder nun nicht mehr, Besuche sind seit einiger Zeit wieder möglich. Und so ist es gerade recht still im Jugendhaus. Einige Mitarbeiter wuseln durch die Räume, sie alle haben „ordentlich Überstunden gesammelt“, so Kirchner, die betont, dass es für die Mitarbeiter kein Beruf sei, sondern eine Berufung. Und man mag ihr das glauben, wenn sie an ein paar Umzugskartons im Gang vorbeigeht. Einer ihrer Schützlinge zieht gerade aus und in eine eigene Wohnung. „Nicht schön“, kommentiert sie den nahenden Abschied und lächelt. ra

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Am Kesselberg: Biker stürzt und landet in der Klinik
Am Kesselberg: Biker stürzt und landet in der Klinik
Penzberg: Turnhalle-Sanierung wird teurer und dauert länger – das hat zwei Gründe
Penzberg: Turnhalle-Sanierung wird teurer und dauert länger – das hat zwei Gründe
Landkreis: Kostenlose Corona-Tests an Station in Weilheim
Landkreis: Kostenlose Corona-Tests an Station in Weilheim

Kommentare