Leere Rahmen, bunte Flächen

Museum Penzberg widmet der deutschen Moderne eine Sonderausstellung

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Die Farbe selbst ist das Motiv, so auch bei Otto Pienes „Regenbogenregenbogen“ von 1972.

Penzberg – Wer das Museum Penzberg betritt und leere Rahmen entdeckt, der braucht sich nicht zu wundern. Zum einen, weil in den vermeintlich bilderlosen Rahmen durchaus Werke stecken, zum anderen, weil es eben Moderne Kunst ist, die sich nun ordentlich Platz in dem Haus verschafft hat.

Für Penzberg ist es zweifelsohne ein Wagnis, hat sich das hiesige Publikum nach langen Jahren des Knurrens doch erst einigermaßen vertraut gemacht mit Heinrich Campendonk und dem deutschen Expressionismus und dabei die Erkenntnis gewonnen, dass das ehemalige Stadtmuseum auf der Direttissima zwischen Kochel und Bernried mittlerweile zu einer kleinen, beinahe ebenbürtigen Perle herangereift ist. Für den in der Bergwerkstradition verhafteten Kunstfreund ist es deshalb schon eine nicht geringe Herausforderung, wenn ihn das Museum Penzberg nun bittet, sich auf die Moderne einzulassen. „ZEN, ZERO & Co. – abstrakt seit 1949“ ist die aktuelle Sonderausstellung überschrieben, die zwei Künstlergruppen in den Mittelpunkt rückt, welche die Malerei des 20. Jahrhunderts in der aufstrebenden Nachkriegsrepublik maßgeblich beeinflusst haben.

Um zu verstehen, dass diese zum Teil nur aus farbigen Flächen oder geo­metrischen Formen bestehenden Gemälde die logische Fortentwicklung des Expressionismus darstellen, empfiehlt sich vor dem Rundgang durch den Altbau ein Abstecher ins Erdgeschoß des Neubaus. Dort hat Museumsleiterin Freia Oliv drei aus den Jahren 1946 und 47 stammende Graphiken von Heinrich Campendonk hängen lassen, die sichtbar machen, dass sich Campendonk in seinem Spätwerk immer mehr von konkreten Formen löst und sich der Abstraktion zuwendet. Während Campendonk durch den Zweiten Weltkrieg und seine von den Nationalsozialisten erzwungene Flucht ins niederländische Exil schwer traumatisiert war, waren im München des Jahres 1949 sieben Künstler von einer so positiven Aufbruchstimmung erfasst, dass sie einen Neuanfang wagten: Willi Baumeister, Rolf Cavael, Gerhard Fietz, Rupprecht Geiger, Willy Hempel, Brigitte Meier-Denninghoff und Fritz Winter hatten sich mit der Gruppe ZEN 49 das Ziel gesetzt, auf der Tradition des Blauen Reiters fußend, die abstrakte Malerei einem breiteren Publikum zugänglich und damit verständlicher zu machen. „Sie wollten ein neues, klares und ethisch einwandfreies Leben verwirklichen, das sich auch in ihren Bildern ausdrückt“, sagt Katja Sebald. Die aus Feldafing stammende Kunsthistorikerin erwies sich für die Penzberger als wohl einmaliger Glücksfall, da sie einen direkten Draht zu dem in Berg ansässigen Sammler Joachim Kaske hat, der nur darauf wartete, dass seine Bilder endlich einmal einem größeren Publikum nahegebracht werden. 

Von Rupprecht Geiger ist folgender Satz überliefert: „Alleiniges Thema meiner Malerei ist die Farbe, sie selbst ist das Motiv.“ Um dem gerecht zu werden, verzichtet die Ausstellung auf allzu üppige Begleittexte und lässt stattdessen die Bilder sprechen. Auf diese Weise entsteht ein sinnliches Seh­erlebnis, das einen Dinge entdecken lässt, die man nicht erwartet hätte. Die Ausstellungsräume werden so zu Erlebnisräumen mit einem ganzheitlichen Erfahrungswert, der unter anderem darin gipfelt, dass das Museum auch beim Rahmenprogramm neue Wege geht und beispielsweise Yoga-Abende und Achtsamkeitsübungen anbietet. 

Noch einen Schritt weiter ging die Gruppe ZERO, die 1958 in Düsseldorf von Heinz Mack und Otto Piene gegründet wurde, ehe drei Jahre später dann noch Günther Uecker dazu stieß. Mack und Piene sahen die Nachkriegskunst mit einem Übermaß an Ballast befrachtet. Die Künstler suchten einen neuen Anfang, eine „Stunde Null“, die von der Vergangenheit unbelastet sein sollte. Sie wollten dem Drama des Zweiten Weltkriegs und seinen Gräueln eine reine, heile Welt entgegensetzen, wie dies etwa Piene in seinen grellbunten, an den Urknall erinnernden Arbeiten tut. Uecker allerdings entschlüpfte zusehends dieser heilen Welt, wie seine Sarajevo-Serie eindrucksvoll belegt. Der Nagelmann der deutschen Moderne, der vor allem durch seine reliefartigen Nagelbilder bekannt geworden ist, benutzt die Nägel als Symbol für die Menschen in der vom Bürgerkrieg zerstörten Stadt. Dazu passend treibt der Holzbildhauer Hans Panschar einen seiner überdimensionierten Nägel durch die Museumswand. Panschar ist neben Marion Bembé, James Geccelli und Andreas Kloker einer jener vier noch lebenden Künstler, mit denen das Museum Penzberg den Bogen von der Nachkriegszeit in die Gegenwart schlägt und auf diese Weise erlebbar macht, wie die ersten zart abstrahierenden Versuche Campendonks immer weiter entwickelt und vorangetrieben wurden.

Stolz können die Penzberger auch darauf sein, dass sogar Karl Otto Götz, einer der wichtigsten Köpfe des Informel in Deutschland, in der Ausstellung vertreten ist. Probleme gab es nur mit Raimund Girke, von dem unter dem Titel „Ohne Titel“ eine Reihe komplett in Weiß gehaltener Arbeiten zu sehen ist, deren sich in Nuancen voneinander unterscheidende Struktur und räumliche Tiefe dem Betrachter erst bei eingehender Beschäftigung offenbar wird. Der Hausmeister des Museums sah nur flüchtig auf den Girke und entschuldigte sich sogleich dafür, wohl nur leere Rahmen aufgehängt zu haben.la

Die Ausstellung „ZEN, ZERO & Co. – abstrakt seit 1949“ ist bis 1. März dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Öffentliche Führungen finden am Donnerstag um 15 Uhr und am Sonntag um 11 Uhr statt. Begleitend zur Ausstellung ist ein Katalogheft mit Werken aus der Sammlung von Dagmar und Joachim Kaske erschienen.

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