Nach Angriff

„Bin erschrocken“: Syrienkonflikt spaltet Talk-Gäste bei „Anne Will“

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Trotz Meinungsverschiedenheiten: Alle Gäste der Sendung fordern mehr Diplomatie im Syrienkonflikt.

Bei „Anne Will“ ging es diese Woche um die Syrienkrise: War der Angriff des Westens berechtigt? Muss die Welt sich Sorgen um eine größere Eskalation machen? Fünf Gäste diskutierten am Sonntagabend darüber. Und zeigten mit angemessenen Tönen, was Diplomatie bedeutet.

Berlin - Die Eskalation im Syrienkonflikt hat mittlerweile seinen Tiefpunkt erreicht. Nach dem mutmaßlichen Giftgasangriff des Assad-Regimes in der Stadt Duma kam es letzte Woche zu offenen Konfrontationen zwischen Trump und Russland. Der US-Präsident hatte einen Waffeneinsatz über Twitter angekündigt und somit das mit Syrien verbündete Russland öffentlich bedroht. 

Vergangenen Samstag war es dann tatsächlich zu einem Waffeneinsatz von USA, Frankreich und Großbritannien gekommen. Russland hatte den Angriff in den Sozialen Medien schwer verurteilt: „Solche Aktionen bleiben nicht ohne Konsequenzen.“ 

Auch zwei Tage später bleibt die Situation unübersichtlich und die Welt fragt sich, ob es jetzt zu einer Eskalation zwischen Russland und den USA kommt, die womöglich zu einem Weltkrieg führen könnte. Klar also, dass dieses Thema auch im Fokus des TV-Talks „Anne Will“ stand.

Anne Will: „Wie gefährlich ist die Konfrontation mit Russland?“

„Zwar hat sich die Welt mittlerweile an so einiges an Donald Trump gewöhnt, aber dass er Russland öffentlich droht, das war neu.“ Mit diesem Satz begann Anne Will ihre TV-Talkshow am Sonntagabend. Thema der Sendung war: „Angriffe des Westens auf Syrien - wie gefährlich ist die Konfrontation mit Russland?“ Fünf Gäste gehörten zu der Talkrunde: Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz und ehemaliger deutscher Botschafter in Washington; Golineh Atai, Russland-Korrespondentin der ARD; Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses (CDU); Jan van Aken, ehemaliger Bio-Waffen-Inspekteur und Abgeordneter der Linksfraktion im Bundestag; Alexander Graf Lambsdorff, stellvertretender Vorsitzender der FDP im Bundestag.

Röttgen: Fehler nicht wiederholen

Vor einem Jahr gab es beinahe die gleiche Situation: Nach einem Giftgasanschlag in der syrischen Stadt Chan Schaichun hatten die USA Assads Luftwaffenbasis angegriffen. „Was ist dieses Mal anders?“, fragte die Moderatorin den CDU-Politiker Röttgen. Diesmal habe man spezifische Giftgaseinrichtungen angegriffen und keine Luftwaffenbasis, erklärte er. Man müsse aber den Fehler nicht wiederholen, der vor einem Jahr gemacht wurde: Jetzt müsse sofort mit der Politik und der Diplomatie begonnen werden. „Dieser Anschlag“, äußerte Röttgen, „verpflichtet dazu, mit Politik und mit Diplomatie zu folgen.“ Ansonsten werde der Krieg und das Töten weitergehen.

Wolfgang Ischinger wünschte sich mehr Einheit vom Westen. Seiner Meinung nach sei ein Versuch, Assad einzuschüchtern, absolut legitim gewesen. Außerdem trage Deutschland eine noch größere Verantwortung als andere Länder, denn Giftgas wurde zum ersten Mal von deutschen Soldaten während des ersten Weltkriegs eingesetzt. Fakt ist aber: Auch nach sieben Jahren Bürgerkrieg in Syrien gebe es von Seiten des Westens keine Kriegsbeendigungsstrategie.

Über alle Entwicklungen im Syrienkonflikt halten wir Sie in diesem News-Ticker auf dem Laufenden.

Ein Schlag auf die Diplomatie?

Einer ganz anderer Meinung war der Linke Jan van Aken. Auch er sah ein, dass der Angriff legitim gewesen sei. Allerdings verstehe er nicht, wie man angreifen konnte, ohne Beweise zu haben, dass die Chemiewaffen von der syrischen Regierung wirklich eingesetzt wurden. „Mit diesen Raketenanschlägen hat man die Diplomatie wirklich erstmal zerschossen“, sagte der ehemalige Bio-Waffen-Inspekteur. Und das am selben Tag, an dem die UN-Waffeninspekteure in Damaskus angekommen sind, um den Vorfall zu erforschen. 

„Wäre es nicht angebrachter gewesen, auf ihre Ergebnisse zu warten?“, wollte die Talk-Masterin von ihren Gästen wissen.  Die Antwort kam von FDP-Politiker Graf Lambsdorff. Das sei in dem Fall nicht möglich gewesen, denn die Inspekteure hätten keine Auskunft über die Herkunft der Chemiewaffen geben können. Frankreich habe stattdessen „eindeutige, stichhaltige Beweise vorgelegt“, dass die Assad-Regierung für den Giftgasangriff verantwortlich sei. Graf Lambsdorff forderte eine Trennung dieser „Bestrafungsaktion“ von der politischen Strategie für Syrien.

Kritik an Russlands Strategie

ARD-Korrespondentin Golineh Atai beobachtet die Lage direkt in Moskau. Ihrer Meinung nach sei es sehr schwierig, mit der Strategie Russlands politisch umzugehen. Als Beispiel nannte sie die immer wieder abgelehnten Vetos. Russland habe „eigentlich auch gar keine andere Wahl“, als sich immer wieder schützend vor Assad zu stellen, erklärte die Journalistin. Verantwortlich dafür sei der Wunsch gewesen, in Syrien als „Weltpolizist“ und „Großmacht“ aufzutreten. „Und Russland will weiterhin als Ordnungsmacht dort bleiben - egal, wie das ausgeht.“

Nur ein „Krieg der Worte“

Röttgen macht sich unterdessen keine Sorgen um eine militärische Eskalation oder gar einen Weltkrieg. Die aktuelle Lage sei nichts anderes als ein „Krieg der Worte“, äußerte er. Trump und Putin ginge es viel mehr um ihre „Positionierung“ als starke Männer in der Innenpolitik. Außerdem wisse Putin ganz genau, dass er keinen Krieg gegen den Westen gewinnen könne, fügte Irschinger hinzu.

Im Großen und Ganzen blieb die Diskussion in der Talkrunde angemessen und angenehm. Trotz Meinungsverschiedenheiten - immer wieder kam es zu etwas schärferen Tönen zwischen van Aken und Graf Lambsdorff - gab es keine richtigen Streitigkeiten. 

Fazit des Abends: alle Gäste halten den Waffeneinsatz in Syrien für legitim, van Aken zeigt sich aber mit der Rechtfertigung des Angriffs nicht zufrieden: „Ich bin wirklich ein bisschen erschrocken, wie leichtfertig hier mit Fakten umgegangen wird.“ Seiner Meinung nach habe es keine ausreichenden Beweise gegeben, um Syrien anzugreifen. Dabei wünscht er sich eine festgelegte Strategie und fordert ein rechtliches Verfahren. 

Über eines sind sich aber alle auf jeden Fall einig: Jetzt ist die Zeit für Diplomatie und Dialog gekommen.

fm

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