Lage spitzt sich weiter zu

Intensiv-Fiasko: Tausende Betten weniger als 2020 - weil die Politik einen fatalen Fehler machte

Auf Deutschlands Intensivstationen ist die Lage sehr bedenklich. Die vierte Welle des Coronavirus sorgt für Engpässe. Für Markus Söder gibt es nur eine Lösung.

München – Der Tagesbericht der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) gibt regelmäßig Auskunft über den Stand der Intensivbetten. Der aktuelle Bericht vom 16. November gab an, dass derzeit 31.806 Betten zur Verfügung stehen. Darin sind allerdings die 9600 Betten der Notreserve enthalten. Genau ein Jahr zuvor wies der Tagesreport inklusive Notreserve 40.430 Intensivbetten aus – über 8600 mehr als im Folgejahr.

Mitten in der vierten Welle des Coronavirus* droht Deutschlands Intensivstationen die Überlastung. Besonders angespannt ist die Lage in Bayern, Thüringen und Sachsen, wo die überwiegende Mehrheit der Corona-Intensivpatienten behandelt wird (Stand: 17. November). „Sie können davon ausgehen, dass wir weiterhin mit 50 bis 100 Patienten pro Tag wachsen. Das heißt, in zehn Tagen ist man bei 4000 Intensiv-Patienten. Es muss sich heute darum gekümmert werden, dass die Menschen in andere Bundesländer verlegt werden“, zeigte sich Christian Karagiannidis, Leiter der DIVI-Intensivregisters, höchst besorgt.

Corona sorgt für fehlende Intensivbetten – Lösungsansatz von FDP-Politiker Kubicki geht daneben

FDP*-Politiker Wolfgang Kubicki glaubte, die Lösung des Intensivbetten-Problems zu kennen. Er schlug im Interview mit dem Spiegel vor, schlicht die Notreserve zu aktivieren. Doch Kubickis Vorschlag ist zu kurz gedacht. Ganz so einfach ist die Sache mit dem Aktivieren nicht.

„Zur Notfallreserve gehören meistens die Betten, die auf der Intermediate Care Station oder im Aufwachraum stehen“, erklärte Pflegewissenschaftlerin Martina Hasseler dem Spiegel. „Sollen sie zum Einsatz kommen, muss das Personal von der Intensivstation diese Betten zusätzlich bedienen.“

Aufgrund des massiven Mangels an Pflegekräften können einige der vorhandenen Betten gar nicht genutzt werden. Man müsse den Menschen erst erklären, „dass die Betten aus der Notfallreserve nicht pflegen können, sondern dass das Pflegekräfte machen. Und diese fehlen“, sagte Hasseler. Auch auf Twitter regte sich Unmut über Kubickis Lösungsansatz, er wurde vielfach wie blanker Hohn empfunden.

Corona stresst Intensivstationen: Kubicki-Vorschlag wird auf Twitter zerrissen

„Diesem Mann gehört in der jetzigen Situation langsam echt der Mund verboten“, schimpfte eine Userin. Und rechnete vor: „Ausbildung zur Pflegekraft drei Jahre. Ausbildung zur Intensivpflegekraft fünf Jahre. Was immer man jetzt lamentiert und an Bonbons draufpackt: es kommt mindestens fünf Jahre zu spät.“ Alexander Eichholtz, der als Personalrat an der Berliner Charité arbeitet, schrieb spöttisch zu einem Foto eines leeren Krankenhausbetts: „Das ist ein Krankenbett. Alleine kann das gar nix, selbst wenn wir das ‚aktivieren‘, Herr Kubicki.“

Der FDP-Vize sollte seinen Lösungsvorschlag noch einmal überdenken. Den Fachkräftemangel in Pflegeberufen bekam Deutschland bis dato nicht in den Griff. Kein Wunder, schließlich werden Pflegerinnen und Pfleger hierzulande schlecht bezahlt. Zudem müssen sie aufgrund vieler Überstunden wegen fehlender Arbeitskräfte bis zur Erschöpfung ihren Dienst verrichten.

Corona in Deutschland: Pflegekräfte und Söder fordern deutlich bessere Bezahlung

Zu Beginn der Corona-Pandemie wurde das Thema Pflegekräfte bereits öffentlich diskutiert. Vielerorts wurde den Pflegerinnen und Pflegern symbolisch Applaus gespendet, um ihnen Anerkennung für ihre Arbeit zu zollen. Auch eine aufsehenerregende TV-Sendung der ProSieben-Moderatoren Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf rückte den Pflegenotstand in den Fokus. Doch von alledem können sich die Pflegekräfte nichts kaufen. Wirklich verbessert hat sich ihre Situation nicht, es blieb bislang vielmehr bei Lippenbekenntnissen.

„Das gesamte System Pflege ist nicht gesund“, mahnte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder* gegenüber Bild. Die Bundesregierung „hat versäumt, schlichtweg mehr zu zahlen“, befand der CSU*-Vorsitzende. Ein fataler Fehler., vielleicht sogar DER fatalste. Gegenüber dem Boulevardblatt äußerte sich ein Sprecher von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn* (CDU*): „Pflege war eines der Hauptthemen dieser Legislatur.“ Deshalb sei die Bundesregierung die Finanzierung zusätzlicher Stellen in der Alten- und Krankenpflege angegangen. Auch bei der Bezahlung habe man eine Erhöhung durchgebracht. Das Gehalt (Mindestlohn 2.700 Euro) ist aus Sicht der Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler, allerdings noch deutlich zu niedrig. Sie forderte einen Mindestlohn von 4.000 Euro. (kh) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Jan Woitas/dpa

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