„Putins Gehirn“

Dugina und ihr Vater „nur Bauernopfer“: Experte vermutet nach Anschlag internen Kampf im Kreml

  • Bedrettin Bölükbasi
    VonBedrettin Bölükbasi
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Beim Anschlag auf Daria Dugina drehen sich die Spekulationen um hauptsächlich zwei Szenarien. Ein Experte geht aber von einem weiteren, dritten Szenario aus.

München/Moskau - Am Samstagabend (20. August) erschütterte die Explosion eines fahrenden Autos die Mozhaskoye Straße im Moskauer Stadtbezirk Odinowo im Südwesten der Stadt. In russischen Medien hieß es, eine Frau am Steuer sei auf der Stelle gestorben. Schnell wurde bekannt, um wen genau es sich handelt: Die Publizistin Daria Dugina.

Sie war die Tochter des russischen Hardliners Alexander Dugin. Der russische Ideologe gilt als das „Gehirn“ von Russlands Machthaber Wladimir Putin. Russische Geheimdienste werfen der Ukraine nun vor, einen Anschlag verübt zu haben, während Russlands Opposition von einer russischen Untergrundorganisation spricht. Der Osteuropaexperte und ehemalige Leiter des Kiewer Büros der Heinrich-Böll-Stiftung, Sergey Sumlenny, hält allerdings eine weitere Erklärung für plausibler.

Dugina-Anschlag: Experte vermutet internen Machtkampf - „sie sind Bauernopfer“

Sumlenny zufolge war der Anschlag auf Dugina womöglich das Resultat eines internen Machtkampfs im Kreml. So habe der russische Staat selbst die Tötung der Publizistin in Auftrag gegeben, betonte der Experte gegenüber t-online. „Meine primäre Version wäre, dass es einen internen Kampf im Kreml gibt und dass Dugina und ihr Vater ein Bauernopfer dieses Kampfes sind“, so Sumlenny. Schließlich könne der Kreml dadurch auch die Darstellung „Die Ukrainer bringen uns in Moskau um“ etablieren und Handlungsspielräume im Ukraine-Krieg erweitern.

Der Einschätzung von Sumlenny schloss sich Fabian Burkhardt, Politikwissenschaftler am Leibniz-Institut für Ost- und Südost-Europaforschung, ebenfalls an: „Die Indizien legen die Vermutung nahe, dass es eine Provokation des russischen Geheimdienstes war.“ Er verwies vor allem auf die ungewöhnlich schnellen Ermittlungserfolge des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB mit allen Details.

Nur einen Tag nach dem Anschlag gab der FSB bekannt, dass die Ukrainerin Natalia Vovk für den Tod von Dugina verantwortlich sei. Sie sei am 23. Juli mit ihrer 12-jährigen Tochter eingereist und habe eine Wohnung im Haus von Dugina gemietet, um Informationen über sie zu sammeln. Schließlich sei sie über die Stadt Pskow nach Estland geflohen. Ein weiteres Detail: Der FSB behauptete, Vovk sei eine Soldatin im Azov-Regiment. Russische Staatsmedien veröffentlichten Bilder, die ihren Ausweis zeigen sollen, sowie Videoaufnahmen zu ihrem Aufenthalt in Russland.

Dugina-Anschlag: Experten halten ursprüngliche Theorien für unglaubwürdig

Im Rahmen seiner Theorie erklärte der Osteuropaexperte Sumlenny t-online zudem, warum Dugin und seine Tochter überhaupt ins Visier geraten sind. Der Kreml habe sie für die Umsetzung seines Plans ausgewählt, da sie „unwichtig“ seien. „Sie konnte man opfern, damit man jetzt die Säuberungsaktionen starten könnte“, betonte der Experte.

Die laut Sumlenny unwichtige Rolle des russischen Ideologen ist zugleich auch der Grund, warum der Experte die Erklärung des FSB für unglaubwürdig hält. Die Ukraine habe immerhin viel bessere Ziele für einen Anschlag auf „anti-ukrainische Propagandisten“ gehabt, unterstrich er. Schließlich sei Dugin „nicht so wichtig“ im Kreml. Seit Jahren sei er von „allen internen Kreisen“ ausgeschlossen. Auch wenn man seine Theorien für Propaganda-Zwecke weiterhin nutze.

Politikwissenschaftler Burkhardt machte zusätzlich auf das zu große Risiko für die Ukraine aufmerksam. Im Vorort Odinowo würden demnach „viele aus der russischen Elite wohnen“, weshalb die Geheimdienste Moskaus „recht präsent“ in dem Gebiet seien. „Das Risiko für die Ukraine wäre überproportional groß“, sagte Burkhardt und äußerte somit Zweifel an dem Szenario des FSB. Bereits kurze Zeit nach dem Anschlag machten Personen wie Kreml-Propagandist Wladimir Solowjew die Ukraine verantwortlich. Der pro-russische Verwalter der sogenannten „Volksrepublik Donezk“, Denis Puschilin, sprach von „Terroristen des ukrainischen Regimes“.

Ukraine-Besuche im Krieg – Die Politik zeigt Solidarität

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit den Staats- und Regierungschefs des Europäischen Rates während einer gemeinsamen Pressekonferenz  im März 2022.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (vorne) empfängt im März 2022 hohen Besuch (von links): Jaroslaw Kaczynski (Vize-Ministerpräsident von Polen), Petr Fiala (Ministerpräsident der Tschechischen Republik), Janez Jansa (Verteidigungsminister von Slowenien), Mateusz Morawiecki (Ministerpräsident von Polen) sind zu Gast in Kiew. © imago-images
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen besuchte am 08. April ein Massengrab in der Stadt Butscha. Flankiert wird sie vom slowakischen Ministerpräsidenten Eduard Heger (links) und dem Hohen Vertreter der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik Josep Borrell (rechts).  © SERGEI SUPINSKY/AFP
Wolodymyr Selenskyj (links) und Karl Nehammer in Kiew am 09. April 2022
Selenskyj traf sich mit dem österreichischen Bundeskanzler Nehammer für bilaterale Gespräche. © imago
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken
Der britische Premierminister Boris Johnson besuchte die Ukraine, um seine Solidarität auszudrücken. © AFP PHOTO / the Ukrainian Presidential Press Service
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka.
Der polnische Präsident Andrzej Duda besichtigt mit Militärschutz den ukrainischen Ort Borodjanka. © Jakub Szymczuk/dpa
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj zu treffen.
Die Präsidenten der baltischen Staaten und Polen reisten in die Ukraine, um Selenskyj (Mitte) zu treffen (von links): Gitanas Nauseda (Litauen), Andrzej Duda (Polen), Egils Levits (Lettland) und Alar Karis (Estland). © Jakub Szymczuk/Kprp/dpa
Der US-Verteidigungsminister und der US-Außenminister trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew.
Der US-Verteidigungsminister Lloyd Austin (links in der Mitte) und der US-Außenminister Anthony Blinken (rechts daneben) trafen sich Ende April mit Selenskyj in Kiew. © Ukraine President s Office/imago
Während dem Besuch des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an.
Während des Besuchs des UN-Generalsekretärs Antonio Guterres am 28. April 2022 griff Russland Kiew an. © AFP PHOTO/UKRAINIAN PRESIDENTIAL PRESS SERVICE
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko in Kiew.
Der CDU-Parteivorsitzende Friedrich Merz traf sich mit Wladimir und Vitali Klitschko (rechts) in Kiew.  © Efrem Lukatsky/dpa
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche.
Auf seinem Weg in die Ukraine besucht Gregor Gysi (Die Linke) in Lemberg eine Suppenküche. © Michael Schlick/dpa
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew.
Anniken Huitfeldt und Masud Gharahkhani (Norwegen) besuchen eine Kirche in der Region Kiew. © Pavlo_Bagmut/imago
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem unbekannten Soldaten die Hand schüttelt
Selenskyj beobachtet, wie Justin Trudeau (Kanada) einem Soldaten die Hand schüttelt. © SERGEI SUPINSKY/AFP
Die Band U2 signiert eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besucht.
Bono (Mitte) und The Edge (Zweiter von links) von der Band U2 signieren eine Fahne, als sie die Ukraine am 8. Mai 2022 besuchen. © SERGEI CHUZAVKOV/AFP
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine.
Annalena Baerbock (Bündnis 90/Grüne) besucht als erstes deutsche Kabinettsmitglied die Ukraine. © Efrem Lukatsky/dpa
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat Mitch McConnell im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew.
Selenskyj und Minderheitsführer im Senat, Mitch McConnell, im Gebäude der Präsidialverwaltung in Kiew. © Ukraine Presidency/imago

Dugina-Anschlag: Werk von russischer Untergrundorganisation - Zweifel an Personalie Ponomarjow

Sowohl Sumlenny als auch Burkhard sahen der zuallererst aufgetauchten Behauptung zum Anschlag mit besonderer Skepsis entgegen. Der russische Oppositionspolitiker und ehemalige Duma-Abgeordnete Ilja Ponomarjow las ein angebliches Manifest einer russischen Untergrundorganisation mit dem Namen „National Republican Army“ (zu Deutsch: Nationale Republikanische Armee) vor. Sie hätten die Verantwortung für den Anschlag auf Dugina übernommen und wollten Putin stürzen, hieß es von Ponomarjow. Er sei persönlich dazu befugt, dies zu verkünden.

Osteuropaexperte Sumlenny ist sich jedoch sicher: „Es gab seit Jahren keine terroristische Bewegung in Russland, wenn nicht sogar seit Jahrzehnten. Und die, die es gab, waren alle vom FSB in Gang gebracht worden.“ Er schenkte dem Manifest kein Glauben. Politikwissenschaftler Burkhardt stellte indes die Glaubwürdigkeit von Ponomarjow selbst infrage. Ihm zufolge verbreitete der russische Ex-Abgeordnete „unzuverlässige Informationen und Gerüchte“ in den vergangenen Monaten. „Eventuell erhofft sich Ponomarjow, den Widerstand in Russland so zu stärken“, erklärte Burkhardt.

Dugina-Anschlag: Ihr Vater ist ein Hardliner und Putins ideologischer Berater - auch bei der Ukraine

Im Hintergrund des Vorfalls wird zudem brennend diskutiert, ob der Anschlag nicht tatsächlich Alexander Dugin gegolten hat, aber stattdessen seine Tochter erwischt wurde. Darüber besteht bislang keine Klarheit. Immerhin hieß es in russischen Medien, Dugin und seine Tochter Daria hätten Autos getauscht. Dugina sei in den Wagen ihres Vaters gestiegen.

Zwar hält Sumlenny Dugin für „überschätzt“, dennoch steht fest: Dugin ist kein einfacher russischer Ideologe und vertritt eine harte Linie des russischen Traditionalismus. Schon in seiner Jugendzeit engagierte sich der Hardliner in faschistischen und ultranationalistischen Organisationen. Zugleich vernetzte er sich mit rechtsextremen Intellektuellen in Europa. Darüber hinaus baute er auch Beziehungen zur russischen Politik auf. Durch seine Arbeit für Ex-Duma-Sprecher Gennadi Seleznjow kam er in Kontakt mit Putin, dem er laut Historiker Stephen E. Atkins öfter außenpolitische Ratschläge gab. So wurde allmählich der Begriff „Putins Gehirn“ für Dugin geprägt. Dies könnte ihn zum Ziel gemacht haben.

Den Einfluss von Dugin auf Putin konnte man laut David von Drehle, einem Kolumnisten der US-Zeitung Washington Post, auch bei der Ansprache des Kreml-Chefs vor der Ukraine-Invasion raushören. Dugin ist ein glühender Befürworter des Ukraine-Krieges. Die Ukraine müsse ein „integraler, organischer Bestandteil“ eines „neuen, ewigen, wahren und tiefgreifenden Russlands“ sein, zitierte ihn der Euronews-Sender aus einer christlich-orthodoxen Publikation. (bb)

Rubriklistenbild: © Kirill KUDRYAVTSEV/AFP

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