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Achtfacher Gaspreis? Habeck sieht Mega-Preiserhöhungen „nicht mehr abwendbar“

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Robert Habeck (Bundeswirtschafts- und Umweltminister, Vizekanzler, Die Grünen) zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF).
Robert Habeck (Bundeswirtschafts- und Umweltminister, Vizekanzler, Die Grünen) zu Gast bei „Markus Lanz“ (ZDF). © Cornelia Lehmann/ZDF

Robert Habeck im ZDF: Bei Lanz wandelt er auf Merkels Händeklatsch-Spuren: „Wenn es kalt ist, schwimmen wir halt.“ Durchhalteparolen sollen die Bevölkerung auf harten Winter vorbereiten.

Hamburg – „Corona, die Inflation und kalte Wohnungen – was braut sich da im Herbst zusammen?“ Mit dieser Frage eröffnet Markus Lanz sein Einzelgespräch mit Vizekanzler Robert Habeck. Der kann wenig Hoffnung machen. Und er will es auch gar nicht.

Habeck: Energiesparen hilft wie die Impfung – und beides hat Nebenwirkungen

Man könne die Szenarien hochaddieren, sagt Habeck, „und dann wird der Himmel immer düsterer“. Es gebe aber Möglichkeiten. „Wenn wir uns impfen lassen, können wir das Schlimmste abfedern. Und wir können Energieeinsparungen justieren.“ Klar aber auch: Unerwünschte Nebenwirkungen gibt es hier wie dort, bei Impfungen wie bei staatlicher Lenkung.

Lanz wird immer unruhiger: „In drei Monaten werden Menschen ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen können.“ Habeck setzt noch einen drauf. Das, was im Herbst auf die Verbraucher zukommt, seien nur die Preise, die vor Beginn der Sanktionen galten. Das jetzige Szenario sei noch gar nicht enthalten. Preiserhöhungen im vierstelligen Bereich seien „nicht mehr abwendbar“.

Achtfacher Gaspreis? Habeck sieht Mega-Preiserhöhungen „nicht mehr abwendbar“

Lanz bringt Zahlen. „Vor einem Jahr kostete eine Kilowattstunde Gas ungefähr 20 Euro. Im Moment liegt sie bei 140 bis 150 Euro. Heißt das, dass sich die Preise der Heizkostenabrechnung am Ende verachtfachen?“ Habeck antwortet: „Dann wäre das die Konsequenz.“ Die Gaspreise hätten bisher immer Wellenbewegungen durchgemacht. „Mal 60 Euro pro Megawattstunde, dann 130, dann 80, jetzt wieder 140.“

Interessanterweise spricht Habeck von Megawattstunden. Auch seine Herleitung lässt Lanz stutzen: Einerseits erklärt Habeck, warum die Preise wegen der Sanktionen nur steigen können, andererseits hofft er, dass sie sinken werden. „Es wird nicht ganz so schlimm kommen. Jedenfalls hoffen wir das.“ Die Preisspitzen „werden dazu führen, dass Verbräuche zurückgehen, weil irgendwann die Nachfrage zusammenbricht.“ Spätestens dann also, wenn die Bürger gar nichts mehr verbrauchen, sinke der Preis. Das wäre der Moment, wenn Menschen nicht nur ihren Arbeitsplatz verlieren, sondern in ihrer Wohnung erfrieren.

Mit Markus Lanz diskutierten:

Bei Lanz verfinstert sich die Miene: „Ich bin mir nicht sicher, ob allen die Zusammenhänge so klar sind.“ Er hofft, dass zumindest die laufenden Verträge dem Verbraucher etwas Schutz geben. Doch auch diesen Zahn muss Habeck ihm ziehen. Man müsse den Versorgern helfen. „Mit jedem Geschäft machen sie Minus. Da reden wir über richtig viel Geld.“ Sein Ausblick offenbart, dass die Politik hier auf Sicht fährt: „Im Grunde sind die Folgen unabsehbar.“

Lieferverträge gelten nicht mehr: „Dann hätten wir eine Verachtfachung“

„Das ist Bazooka“, stöhnt Lanz. Bestehende Lieferverträge könnten gebrochen werden. „Besteht die Möglichkeit, die Preise einfach auf den Verbraucher weiterzugeben?“ Die Antwort lässt ihn schaudern: „Diese Möglichkeit besteht. Wir haben sie uns geschaffen.“ Es sei natürlich „eine krasse Belastung für die Menschen“. „Wow“, ruft Lanz.

Die Zukunft malt der Grüne Habeck in grauen Farben. Im Gegensatz zur Energiekrise der 1970er-Jahre sei die Welt heute komplexer und verwundbarer. „Die Märkte der Zukunft werden woanders stattfinden.“ „Das ist ein bitterer Moment“, sagt Lanz. „An dem Punkt greifen sie dann aktiv in das ein, was Marktwirtschaft ist“, sagt er fassungslos. Habeck aber sieht „ein Interesse Russlands, die Gasmenge zu reduzieren“. Russland hat stets seine Lieferverträge eingehalten. Deutschland hat die Abnahme des bereits bezahlten Gases aus Sanktionsgründen verweigert. „Wir zahlen einen hohen Preis dafür, buchstäblich. Das ist nicht gesund und auf Dauer nur unter sehr großen Verlusten möglich.“

Habeck bei Lanz: „Wenn es kalt ist, dann schwimmen wir halt“

In Deutschland könnten wegen der Sanktionen Menschen ihr Leben verlieren. Umso mehr freue er sich, wie gelassen die Deutschen reagieren. „Ich sehe mit einer demokratischen Begeisterung, wie Verbraucher, Schwimmbadbetreiber und so weiter ihre Verbräuche reduzieren.“ Das alles reiche aber noch nicht. „Wir müssen unsere Verbräuche noch weiter runterbringen.“ Aber „wenn Deutschland es nicht erträgt, dass Freibäder nicht geheizt werden, dann haben wir in Wahrheit kein Problem. Wenn es kalt ist, dann schwimmen wir halt.“

Und was, wenn der Sparwille nicht reicht? Dann werde man eben Vorschriften machen, sagt Habeck. „Dann reden wir eben nicht mehr über Freiwilligkeit.“ Staatliche Lenkung wie im Sozialismus – „Da kann man dann auch nichts mehr richtig machen.“ Habeck zieht die Solidaritäts-Karte, die auch in der Corona-Zeit funktioniert habe: „Was gerade passiert, ist wirklich was Großes. Wir haben den Boden geöffnet für Populismus bei der Frage, ob wir Masken tragen.“ Gegenstimmen wurden erfolgreich ausgeblendet. „Und jetzt haben wir unfassbare hohe Energiepreise, und trotzdem steht dieses Land zusammen.“

Lanz lässt eine Szene vor der Raffinerie in Schwedt einspielen, Habeck auf der Bühne. Er behauptet, die Sanktionen würden greifen und Putin könne „sich immer weniger kaufen“ – und er erntet massive Buhrufe. Denn tatsächlich wachsen die Einnahmen Russlands, der Rubel steigt, der Euro fällt. Deutschland leidet mehr als Russland. „Da kippt die Stimmung“, sagt Lanz. Habeck sieht es gelassen. Er hat bei den Menschen eine „normative Verirrung“ festgestellt. „Die Sanktionen treffen ganz Europa und ganz Deutschland.“

Habeck bei Lanz: „Das sind einfach Luxusprobleme“

Auf seine typisch-joviale Art mahnt er schließlich: „Leute, wenn Deutschland das Problem hat, dass es am Abend ein Roggenbrötchen kaufen muss, weil es kein Haferbrötchen mehr gibt – das sind einfach Luxusprobleme. Vielleicht tut es allen ganz gut, mal die Brötchen zu essen, die eben noch gerade da sind.“ Er freut sich: „Viele Menschen verzichten. Sie haben schon im letzten Winter nicht mehr ihre ganze Wohnung geheizt, weil sie es sich einfach nicht mehr leisten konnten.“

„Das genau ist der Punkt“, sagt Lanz und zitiert den FDP-Vizechef Wolfgang Kubicki. „Man darf den Leuten nicht das Gefühl vermitteln, im Winter wird es kalt und dunkel und sie müssten jetzt anfangen, Pullover zu stricken.“

Den Appell lässt Habeck nicht gelten. Lächelnd sagt er: „Im Winter wird es kälter und dunkel, das ist ein Naturgesetz. Kubicki im Pullover – er wird es überleben.“ Deutschland ist momentan weltweit das einzige Land, das unter einem Gasnotstand leidet. „Andere Länder haben ganz andere Sorgen und Probleme.“

„Schläft man dann schlecht?“, will Lanz wissen. „Kurz, aber dann tief“, sagt Habeck mit einem süffisanten Lächeln. Dass die Gaspipeline Nordstream 2 jemals eröffnet wird, schließt er aus. Und was, wenn Putin Gas nur noch durch Nordstream 2 liefern würde? Habeck blockt: „Nordstream 2 ist nicht genehmigt und unterliegt den amerikanischen Sanktionen. Wenn das passiert, sind wir als politische Kraft gescheitert.“

Fazit des Talks bei Markus Lanz:

Harte Zeiten, harte Aussagen: Habeck kann die Menschen nicht beruhigen. Und er will es auch gar nicht. Er weiß, dass Appelle der Regierung auf Betroffene zynisch wirken. Doch zur selben Zeit schlägt er in dieselbe Kerbe. Reduziert die anstehenden Krisenzeiten auf Roggenbrötchen und kalte Schwimmbäder. Selten wirkte Markus Lanz so mitgenommen. Dagegen wirkten die zweiten 45 Minuten der Sendung geradezu entspannend. Zusammen mit Elmar Theveßen malte Lanz das Schreckgespenst Trump an die Wand –für die Präsidentschaftswahl in zwei Jahren. Ein zähes Gespräch voller Mutmaßungen und Prophezeiungen. Der Gasnotstand aber ist real. (Michael Görmann)

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