Kanzlerin erzählt aus der Jugend

Geduld mit Karliczek verloren? Merkel erklärt die digitale Welt - „Kein Hexenwerk“ statt „Neuland“

Analoges und digitales Lernen zusammenführen: Merkel startete eine Initiative, um das voranzubringen. Andere Parteien deuten das als Zeichen gegen die Bundesbildungsministerin.

Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will die digitale Bildung aller Bürger über die Corona-Pandemie hinaus stärken. Das Thema sei nicht nur für Schulen und Universitäten wichtig, sondern für Menschen aller Altersgruppen, sagte Merkel am Montag bei einer Online-Auftaktveranstaltung zu der von ihr und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) gestarteten „Initiative Digitale Bildung“. Die Kanzlerin verwies auf neue Möglichkeiten etwa durch individuelle Lernangebote, warnte aber auch vor Risiken.

Die Bundeskanzlerin* warb dafür, dass sich alle Menschen digitale Grundkompetenzen aneignen. Sie bräuchten eine Vorstellung davon, welche Bedeutung Daten haben und was ein Algorithmus ist. Das sei alles kein „Hexenwerk“, aber es brauche „Basiswissen“, das die Menschen sicherer im Alltag macht. 2013 hatte Merkel bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit US-Präsident Barack Obama noch erklärt: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“

„Initiative Digitale Bildung“: Merkel erzählt Anekdote von ihrem Professor

Es gebe „große Chancen“, etwa bei Schülerinnen und Schülern auf individuelle Fähigkeiten einzugehen, sagte Merkel* nun. Lernen könne so auch sehr viel mehr Spaß und Freude machen. Zugleich warnte sie vor Problemen durch die „unendliche Menge von Daten, Apps und Möglichkeiten“ - „da kann ich mich auch verlieren“. Kinder und Lernende allen Alters müssten beigebracht bekommen, zu priorisieren. „Jetzt hat man unendlich viele Angebote, wer gibt mir eigentlich den Hinweis, was ist gut, was ist wichtig, wo lerne ich auch das Notwendige“, fragte die Kanzlerin in die Runde.

Denn durch die Digitalisierung verändert sich auch das Lernen. Eine mögliche Frage: Warum müssen Schüler heute noch Jahreszahlen auswendig lernen, wenn diese doch zügig im Internet nachgeschaut werden können. Merkel erinnert dabei an einen Satz ihres Mathe-Professors im Physik-Studium*: „Wie wollen Sie denken, wenn Sie nichts im Kopf haben?“, zitierte die Kanzlerin ihren Dozenten. Sie betonte, es sei wichtig zu wissen, was man im Kopf haben muss, um die richtigen Fragen zu stellen - und so bei der Recherche weiterzukommen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) spricht im Kanzleramt bei einer Online-Diskussion mit Experten aus den Ländern über digitale Bildung.

Digitale Bildung: Coronakrise habe „unheimlich viel Aufbruch“ bewirkt

Auch Bundesbildungsministerin* Karliczek hob die Bedeutung der digitalen Bildung hervor. Diese habe eigentlich auch nichts mit der Coronakrise zu tun, aber dadurch sei „unheimlich viel Aufbruch entstanden“. Die digitale Bildung sei so wichtig wie Lesen und Schreiben.

In der Online-Diskussion wurde eine „Initiative Digitale Bildung“ ausgerufen, um die „Kompetenzentwicklung in einer digital geprägten Welt zu fördern“, wie es vom Bildungsministerium hieß. Merkel hatte dazu vorab in ihrem Videopodcast erklärt, es gehe darum, das Lernen mit digitalen Angeboten weiter zu verbessern und das Wissen über die wichtigsten Felder der Digitalisierung zu stärken. Ein kompetenter Umgang mit digitalen Angeboten werde auch im Alltag immer wichtiger. Man wisse, dass gerade viele ältere Menschen sich mehr Hilfsangebote wünschten.

Merkel und Karliczek wiesen auch auf den Aufbau einer nationalen Bildungsplattform hin. Dadurch solle der Zugang zu digitalen Angeboten erleichtert werden, erklärte die Kanzlerin. Bei der Auftaktveranstaltung zur „Initiative Digitale Bildung“ wurde auch die vom Volkshochschulverband entwickelte App „Stadt/Land/Datenfluss“ vorgestellt, die Informationen zum Thema Daten liefern soll.

Digitale Bildung voranbringen: Hat Merkel die Geduld mit ihrer Bildungsministerin verloren?

Der SPD*-Bildungsexperte Oliver Kaczmarek wertete die Initiative Merkels als Beleg dafür, dass die Kanzlerin „offensichtlich die Geduld mit der Bildungsministerin“ verloren habe. Dieser Schritt sei „nachvollziehbar“, denn bei zentralen Zusagen der Ministerin an die Länder warteten diese seit Monaten auf Umsetzung.

Ähnlich äußerte sich die bildungspolitische Sprecherin der Grünen*-Fraktion, Margit Stumpp. Es sei „ein Trauerspiel, dass die Kanzlerin ein Jahr Schulkrise in der Pandemie braucht, um zu merken, dass Bildungsministerin Karliczek überfordert ist und Bildung endlich Chefinnensache werden muss“, erklärte Stumpp.

Der Branchenverband Bitkom begrüßte die Initiative grundsätzlich. „Digitalkompetenz ist im digitalen Zeitalter so wichtig wie Lesen und Rechnen“, erklärte Verbandspräsident Achim Berg. Bis zur „digitalen Exzellenz“ sei es noch weit - „deshalb brauchen wir jetzt einen gemeinsamen Kraftakt und müssen wir Tempo machen“. (AFP/cibo/dpa) *Merkur.de ist Teil des Ippen-Digital-Netzwerks.

Rubriklistenbild: © Annegret Hilse/dpa

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