Geplagt von Leistungsschwankungen

Das Phantom Gnabry: Kann er den Bayern sofort helfen?

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Schwer zu durchschauen: Jenseits des Rasens verbirgt sich Serge Gnabry oft bis zur Unkenntlichkeit.

Der künftige Bayern-Profi Serge Gnabry kämpft auch bei der U21-EM mit Schwankungen und ist als Persönlichkeit kaum greifbar. Die Frage ist: Bekommt er beim Rekordmeister genug Zeit?

Krakau – Seine Turnierpremiere war berauschend. Er trickste, zauberte und kombinierte nach Herzenslust und schoss beim 2:0 über Tschechien auch noch einen Treffer. Serge Gnabry zeigte zum Auftakt der U-21-EM alles, was ein Star in spe braucht. Sein zweites Spiel war gut, nicht überragend. Zum 3:0 gegen Dänemark steuerte er kein Tor bei, glänzte nur sporadisch. Gnabrys dritter Turniereinsatz beim 0:1 gegen Italien erinnerte an eine Frage, die ein Reporter dem Deutsch-Ivorer aus Stuttgart in Polen stellte: „Sind Sie ein Phantom?“ Beim Halbfinale gegen England ließ der Bald-Bayer einen weiteren gespenstischen Auftritt folgen.

Der junge Mann vom linken Flügel verbarg seine Qualitäten im Verlauf des Turniers zunehmend. Wenn man die Kräfte sucht, die für den Einzug ins Finale heute gegen Spanien (20.45 Uhr/ZDF) verantwortlich sind, fällt Gnabrys Name eher selten. Jenseits seines Arbeitsplatzes auf dem Rasen verbirgt sich der 21-Jährige bis hin zur Unkenntlichkeit. Interviews sind diesem unüberhörbar intelligenten, aber seltsam misstrauischen Juwel meistens ein Graus. Bei der einzigen Gelegenheit während der EM, etwas mehr über den rätselhaften Serge Gnabry zu erfahren, verharrte der nach einer Bundesligasaison in Diensten von Werder Bremen zum FC Bayern gewechselte Fußballkünstler in der wortarmen Defensive. Warum er sich nicht mehr Offenheit erlaube, sagte er dann doch: „Es liegt daran, dass mein Fokus auf dem Fußball liegt. Ich will mich nicht jedes Mal hinstellen und irgendwas erzählen.“

„Ich bin Spieler von Bayern, das ist alles“

Bockig zu sein, hat, das weiß auch Gnabry, manchmal einen Preis, den er aus Erfahrung so definiert: „Vieles kommt zurück, einiges wird verdreht.“ Der Lust-und-Laune-Täter auf dem Platz sieht sich in solchen Momenten als Opfer. Andererseits stellt sich der als lebenslustig geltende Gnabry mit dem Hang zum Bling-Bling-Accessoire zum Selbstschutz gern eine Spur arrogant und undurchdringlich dar, um nicht seine Gemeinplätze verlassen zu müssen.

In Wieliczka, wo die DFB-Sprechstunden stattfinden, kam er einmal aus der Reserve, als er bekannte, es „satt“ zu haben, immer wieder nach seiner näheren Zukunft gefragt zu werden. Ob der für die fixe Ablösesumme von acht Millionen Euro gewechselte Offensivartist bei den Bayern bleiben oder fürs Erste zwecks Spielpraxis etwa zu Hoffenheim oder Schalke ausgeliehen werde, konnte und wollte er aus guten Gründen nicht beantworten. Deshalb lautete sein knappes Statement: „Ich bin Spieler von Bayern, das ist alles.“

Mag sein, dass ihm in seinen oft genug frustrierenden Jahren beim FC Arsenal, als er auf gerade mal zehn Premier-League-Einsätze und einen als Leihspieler bei West Bromwich Albion kam, der Spaß am Austausch mit Journalisten vergangen ist. Gnabry spricht von einer „schweren Zeit“, die hinter ihm liege. Dazu könnte er aber auch selbst mit äußerst schwankenden Leistungen zwischen gelegentlichen Talentproben und Phasen im Mitläufermodus beigetragen haben. Vom „German Wunderkind“, als das er zunächst galt, war Gnabry im Sommer 2016 weit entfernt. Dann aber feierte er beim olympischen Turnier einen kometenhaften Wiederaufstieg, schoss sechs Tore und stieg zu einem Shootingstar im Silbermedaillengewinnerteam unter der Regie von Horst Hrubesch auf.

Gnabrys Zeit bei Werder: Vom Hoffnungsträger zum Bankwärmer

Seinem Mentor ist er noch heute dankbar. „Ich finde, Horst ist ein klasse Typ, der sehr ehrlich und direkt ist“, sagte er in einem Augenblick der emotionalen Offenheit. Sein olympisches Hoch setzte sich für Gnabry auch bei seinem ersten Bundesliga-Engagement in Bremen fort, wo er sieben seiner elf Saisontore in seiner überragenden Hinserie schoss. Danach warfen ihn Verletzungen, eine Umstellung im Spielsystem und ein Formeinbruch so weit zurück, dass er gegen Ende der Spielzeit nicht mehr erste Wahl bei Werder war.

Gnabry schmollte und ging, wenn auch auf einem vergoldeten Weg, zum FC Bayern. Dort schauen sie sich den bis 2020 verpflichteten Spieler dieser Tage genau an. Gut möglich, dass die Münchner Gnabry, dessen Potenzial aufregend genug ist, am Ende behalten trotz der großen Konkurrenz auf den Außenbahnen. Dass er an der Säbener Straße aber noch sehr viel lernen muss, hat er selbst während der U-21-EM offenbart – nicht nur auf dem Fußballplatz. Andererseits: Er ist ja noch jung und neugierig genug, um mit Erfolg an sich zu arbeiten.

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