Teil 2 des großen Interviews

Bayern-Boss Rummenigge schlägt Alarm: Festgeldkonto? „Schwere Schleifspuren“

FCB-Boss Karl-Heinz Rummenigge kann sich Thomas Müller als Manager vorstellen.
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FCB-Boss Karl-Heinz Rummenigge kann sich Thomas Müller als Manager vorstellen.

Karl-Heinz Rummenigge verabschiedet sich bald vom FC Bayern. Er spricht im zweiten Teil des großen Interviews über Manager-Kandidaten aus der Mannschaft und Probleme beim Tango.

Sie standen immer für Loyalität. Allerdings gab es in diversen Vertragsverhandlungen zuletzt Kritik von Spielern.

Rummenigge: In Vertragsverhandlungen geht es seit 50 Jahren um das Finanzielle. Heute um mehr Geld als früher, aber ich bin der Meinung, dass die Spieler sich in Zeiten von Corona auch solidarisch mit den Klubs zeigen sollten.

Konkret wurde u. a. von Manuel Neuer Indiskretion kritisiert. Sind Spieler heute mündiger? Berater skrupelloser?

Rummenigge: Dafür nehme ich ein Beispiel aus der Politik: Bei der letzten Telefonschalte der Ministerpräsidenten war in der Zeitung minutiös zu lesen, was welcher Teilnehmer um welche Uhrzeit zu welchem Thema gesagt hat. Da habe ich mal wieder gesehen: Totale Diskretion gibt es nicht mehr. Wenn das auf höchster Ebene schon so stattfindet, hast du im Fußball keine Chance, es zu verändern. Das ist die heutige Welt.

Rummenigge über Geisterspiele: „Eine triste und traurige Veranstaltung“

Was wird Ihr letzter Coup?

Rummenigge: Grundsätzlich glaube ich, dass wir eine Top-Mannschaft haben. Mit dieser Mannschaft kann man auch zum neunten Mal in Folge Deutscher Meister werden und – wenn es ganz gut läuft – vielleicht sogar die Champions League verteidigen.

… aber?

Rummenigge: Was ich nicht im Stande bin vorauszusagen: Wann ist die Corona-Krise überwunden? Das letzte Spiel mit Zuschauern hatten wir am 8. März 2020 gegen den FC Augsburg. Wir hatten über zehn Monate keinen Fußball mit Zuschauern in der Allianz Arena. Und wenn ich ehrlich bin, belastet mich das sehr.

Inwiefern?

Rummenigge: Du sitzt da mit 15 Leuten – und es ist eine triste und traurige Veranstaltung.

EM in Corona-Zeiten? Rummenigge: „Ceferin denkt darüber nach, das Turnier in nur einem Land zu spielen“

Rechnen Sie damit, noch mal als Vorstandschef mit Fans im Stadion zu sein?

Rummenigge: Wenn die Politik die Impf-Logistik unter Volldampf fährt, ja. Dann könnte ich mir vorstellen, dass wir ab dem Frühjahr vielleicht zumindest teilweise wieder Zuschauer in der Allianz Arena haben. Wir sind übrigens der einzige Profi-Klub in Deutschland, der bisher nie mit Zuschauern spielen durfte. Und das bei einem Inzidenzwert von 38,2 beim Eröffnungsspiel gegen Schalke.

Rechnen Sie mit einer EM in zwölf Ländern mit Fans?

Rummenigge: Man darf nicht vergessen, dass die Idee dieser speziellen Austragung des Turniers entstanden ist, als es Corona noch nicht gab. Das war damals eine Initiative der EU-Kommission, die den Fußball mal in ganz Europa dargestellt haben wollte. Ich weiß aber, dass der UEFA-Präsident Aleksander Ceferin – der unglaublich sorgfältig mit Corona umgeht – darüber nachdenkt, ob es in Zeiten von Corona nicht doch sinnvoller wäre, das Turnier in nur einem Land zu spielen.

Rummenigge zum Champions-League-Finalturnier: „Aus der Not eine Tugend gemacht“

Beim Champions-League-Finalturnier hat man aus der Corona-Not eine Tugend gemacht. Jetzt soll in Anlehnung daran die „Week of Football“ kommen.

Rummenigge: Das war die beste K.o.-Runde, die ich je in der Champions League erlebt habe – weil es eben diesen Thrill des K.o.-Systems gab. Dadurch ist eine unglaubliche Dramaturgie in diesen Wettbewerb gebracht worden. Alles, was ich derzeit höre, ist, dass die Verantwortlichen mit der Gruppenphase total unzufrieden sind. Verständlich!

Warum?

Rummenigge: Nehmen Sie als Beispiel den FC Bayern: Wir waren nach vier Spieltagen für das Achtelfinale qualifiziert. Das wird die wichtigste Aufgabe der UEFA sein, die Gruppenphase ab 2024 so zu reformieren, dass auch dort mehr Wettbewerb reinkommt. Ich verrate nur so viel: Die Fans können sich freuen auf das, was da aktuell in der Planung ist.

Super League? Rummenigge: „Würde den nationalen Ligen großen Schaden zufügen“

Lehnt der FC Bayern die Einführung einer Super League nach wie vor ab?

Rummenigge: Ich warne davor, weil sie den nationalen Ligen großen Schaden zufügen würde. Deshalb tue ich mich mit dem Gedanken schwer. Wenn ich das jetzt für den FC Bayern entscheiden müsste, würde ich mich, Stand heute, dagegen entscheiden. Die Statik im Fußball ist bis in die unteren Profi-Ligen bei den Fans in Deutschland beliebt. Würde sie geändert werden, hätten viele von ihnen Probleme, sich mit dem Fußball zu identifizieren.

Das ist der negative Aspekt. Und der positive?

Rummenigge: Ich weiß aber, dass gerade die großen Vereine im Süden Europas größtes Interesse daran haben. Speziell die großen Klubs in Italien und Spanien haben teilweise Verluste im größeren dreistelligen Millionenbereich. Die machen sich natürlich Gedanken, wo in der Zukunft Wachstum ist. Und eine Super League würde für finanzielles Wachstum und Interesse sorgen.

Rummenigge: „Festgeldkonot hat Schleifspuren erlitten“

Kann sich der FC Bayern in Corona-Zeiten Spieler leisten, die laut Ausstiegsklausel um die 40 Millionen Euro kosten?

Rummenigge: Ich kann nur eines sagen: Wenn in Zeiten von Corona in dieser Größenordnung investiert werden soll, ist es mehr denn je geboten, Transfers mit Augenmaß umzusetzen. Weil: Das berühmte Festgeldkonto des FC Bayern hat in diesen schweren Zeiten schon schwere Schleifspuren erlitten.

Hansi Flick hat in der Vergangenheit gerne mal den einen oder anderen Spieler gefordert. Wie hat er sich als Cheftrainer verändert?

Rummenigge: Hansi kam im Sommer 2019 als Co-Trainer. Er hat dann die Aufgabe als Cheftrainer von heute auf morgen übernommen und ist innerhalb weniger Monate in die Elite der weltbesten Trainer aufgestiegen – und das hat er sich total verdient. Jetzt gilt es, das Jahr 2021 gemeinsam zu meistern und weitere Erfolge zu erzielen. Ich möchte da ausdrücklich einen Appell an die Mannschaft richten: Das beste Beispiel während meiner langen Funktionärszeit beim FC Bayern war unser erfolgreiches Champions-League-Final-Turnier in Lissabon! Diesen außergewöhnlichen Spirit, diese Motivation und diesen Willen brauchen wir auch jetzt wieder, wenn wir Titel erreichen wollen – und es gibt dieses Jahr noch einige Titel für uns zu gewinnen.

„Die Leute sollen sagen: Rummenigge hat mehr richtig als falsch gemacht“

Ist das jetzt eine Reifeprüfung für den Trainer?

Rummenigge: Hansi ist erfahren genug, um zu wissen, was er jetzt zu tun hat. Und da werde ich ihm auch keine Ratschläge geben – es sei denn, Hansi möchte welche. In seinem Vertrag steht, dass er exklusiv verantwortlich für Training, Taktik und Mannschaftsaufstellung ist. Da redet ihm keiner rein. Das muss er jetzt so handhaben, dass wir im nächsten Sommer, wenn die Silberware vergeben wird, dabei sind.

Was ist der perfekte Abgang für Sie?

Rummenigge: Ich wünsche mir, dass die Leute Ende Dezember sagen: Der Rummenigge hat mehr richtig als falsch gemacht. Mit 18 Jahren habe ich mich als Spieler bei meinem ersten Training an der Säbener Straße fast reingestohlen. Tausende Fans hatten Franz Beckenbauer, Gerd Müller und den ganzen Weltmeistern zugejubelt und ich dachte mir: Da gehe ich lieber hinten rein, mich kennt eh keiner. Wenn ich im Dezember jetzt vielleicht durchs große Tor rausgehen darf, wäre das schön. Der Job war hochinteressant – obwohl ich eines klar und deutlich sagen muss: Fußball auf dem Platz zu spielen ist besser, als einen Fußball-Klub von außen zu managen.

Rummenigge über Manager Müller: „Im Blickfeld behalten“

Das sagen Sie den potenziellen Manager-Kandidaten wie Manuel Neuer oder Thomas Müller lieber nicht.

Rummenigge: Ich würde dringend empfehlen, Thomas Müller in diesem Zusammenhang im Blickfeld zu behalten. Auch Manuel Neuer, unser Kapitän, bringt alles mit. Beide würden dem FC Bayern nach ihrer aktiven Karriere in anderer Position gut zu Gesicht stehen.

Sie sind dann Fan – und Tango-Tänzer. Den Gutschein für einen entsprechenden Kurs hat Ihre Frau sich ja für die Zeit nach Ihrer Karriere aufgehoben.

Rummenigge: Ich befürchte, ich werde ihn einlösen müssen – und hoffe, dass sich meine Frau nicht beschwert, wenn ich ihr vielleicht zu oft auf die Füße steige (lacht). Ich bin so ein schlechter Tänzer, das können Sie sich gar nicht vorstellen. Auf dem Platz habe ich immer gut getanzt, aber außerhalb: Mamma mia! Interview: Hanna Raif, Manuel Bonke

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