Hinrundenbilanz des Trainers

Ancelottis feines Händchen

Man nennt ihn Spielerversteher: So verkniffen schaut Carlo Ancelotti nur ganz selten. foto: dpa

München - Man hat fast schon vergessen, dass Carlo Ancelotti beim FC Bayern eine kritische Phase zu bewältigen hatte. Zuletzt aber überzeugte das Spiel seiner Mannschaft wie die Tortellini alla Carlo des Hobbykochs.

Das genaue Rezept für seine Tortellini alla Carlo hat er bisher nicht verraten, aber dass sie ausgezeichnet schmecken, davon ist auszugehen. Carlo Ancelotti, der Urheber, hätte sonst nicht so bereitwillig Auskunft erteilt, wie er Weihnachten verbringt und was auf dem Tisch stehen wird. Als Fußballtrainer hat sich der Mann in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen exzellenten Ruf erworben. Seine Reputation als Hobby-Koch ist nicht viel schlechter.

Ancelotti lädt an Weihnachten also Freunde und Familie ein und fährt Tortellini alla Carlo auf. Dieses private Detail hat er auf der Homepage seines Arbeitgebers, des FC Bayern verraten, mit der gleichen lässigen Selbstverständlichkeit, mit der er heikle Personalien am Tag vor einem Bundesligaspiel enthüllt hat. Der letzte öffentliche Eindruck, den der Trainer in diesem Jahr hinterlässt, ist damit ähnlich entwaffnend wie die allermeisten in den vergangenen fünfeinhalb Monaten.

Italienische Leichtigkeit

Am Mittwoch, nach dem 3:0-Sieg im Spitzenspiel über RB Leipzig, hat sich Ancelotti mit einem kurzen Winken in den Pressesaal Richtung Ferien verabschiedet. Es war eine kleine, beiläufige Bewegung, aber dennoch eine Geste der Aufmerksamkeit. In seiner bisherigen Zeit bei den Bayern, einem für Trainer bekannt schwierigen Umfeld, hat er es geschafft, sich selber treu zu bleiben und dabei keinen einzigen Menschen zu brüskieren. Nicht mal Arjen Robben, der hypersensible Weltklasseangreifer, hat es ihm übel genommen, als er gegen Leipzig bereits zur Pause ausgewechselt wurde. Beim Stand von 3:0 und angesichts seiner medizinischen Vorgeschichte war ihm die Schonung sogar willkommen.

Ancelotti ist ein Meister darin, komplizierte Dinge einfach aussehen zu lassen. Seinem Vorgänger Pep Guardiola war an jedem Tag seines dreijährigen Wirkens in München anzumerken, wie zehrend die Aufgabe war. Die des Italieners ist kaum leichter. Er kam zwar als hochdekorierter Trainer in die Stadt, aber auch als Nachfolger eines Mannes, der taktisch und ästhetisch neue Maßstäbe gesetzt hat. Die Schwere dieses Jobs war durchaus zu erahnen, doch in Ancelottis Gesicht abzulesen war sie nicht.

Die Taktik zur rechten Zeit geändert

Sein Mienenspiel nach dem Bravourstück gegen Leipzig war kaum anders als das nach der 2:3-Niederlage im Champions League-Spiel in Rostow. Jetzt, kurz vor Weihnachten und mit der Tabellenführung als Arbeitsnachweis, könnte man beinahe vergessen, dass die Bayern und ihr Trainer noch vor vier Wochen eine kritische Phase zu bewältigen hatten. Von dem ersten Wohlwollen war nach zahlreichen mäßigen und mehreren ernsthaft enttäuschenden Spielen nicht mehr viel übrig. Doch gerade in dieser Zeit zeigte sich, dass Ancelotti nicht nur am Herd ein Händchen für das richtige Rezept hat.

Sein geliebtes 4-3-3-System, dem er einst bei Real Madrid ein ganzes Buch widmete („Mein Weihnachtsbaum“), ist seitdem kaum noch zum Einsatz gekommen. Viele Köche verderben bekanntlich so manchen Brei, doch in diesem Fall war es eine gute Entscheidung, den Kochlöffel auch mal aus der Hand zu geben. So offen würde das zwar bei Bayern niemand sagen, aber der Anteil der Mannschaft an dieser Umstellung ist unstrittig. Im vertrauten 4-2-3-1, das Anfang Dezember in Mainz (3:1) erstmals zum Einsatz kam, wirkt sie wie verwandelt. Selbst Thomas Müller traf plötzlich wieder, wenn auch nur einmal. Dass er gegen Leipzig dann keine Sekunde spielte und an seiner Stelle Thiago im zentralen Mittelfeld wirbelte, wurde allgemein als Geniestreich des Trainers gewürdigt – und nicht als Demontage eines Vereinsheiligen. Das hätte sich Pep Guardiola mal erlauben sollen.

Ancelottis Vorgänger hat Interviews nahezu ausschließlich auf Deutsch gegeben. Selbst wenn ein Fernsehsender ihm entgegenkommen wollte und einen Interviewer aufbot, der Spanisch sprach, bestand Guardiola darauf, in der Sprache seines Arbeitgebers zu parlieren. Das hatte den Vorteil, die Ausführungen maximal vage halten zu können. Was Guardiola an Weihnachten kocht, ist übrigens nicht bekannt. Letztes Jahr hat er immerhin verraten, er werde schlemmen. Aber nur ein bisschen.

Marc Beyer

Quelle: tz

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