Bayern-Präsident über sein Jahr, Leipzig und Politik

Uli Hoeneß im tz-Interview: Jetzt attackiert er die AfD

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Uli Hoeneß beim Interview.

München - Uli Hoeneß spricht im tz-Interview über RB Leipzig, sein Comeback beim FC Bayern München - und attackiert im Hinblick auf die Bundestagswahl 2017 die AfD.

Für Uli Hoeneß geht ein Jahr zu Neige, das er in durchaus positiver Erinnerung behalten dürfte. Nicht nur, dass dem 64-Jährigen zu Beginn des Jahres von den Richtern eine Halbstrafe für seine Steuervergehen gewährt wurde, Ende 2016 machte er zudem sein Versprechen an die Bayernfans („Das war’s noch nicht!“) wahr und kehrte als Präsident des FC Bayern an die Vereinsspitze zurück. Doch wie hat Hoeneß 2016 persönlich wahrgenommen? Welche Momente sind ihm in Erinnerung geblieben? Und vor allem: Wie stellt er sich das neue Jahr 2017 vor? All diese Fragen und mehr beantwortet der alte und neue Präsident des Rekordmeisters im großen tz-Interview zum Jahresende. Das Beste kommt eben doch immer zum Schluss!

Herr Hoeneß, unsere tz-Jahresendausgabe steht unter dem Motto „Das Beste zum Schluss“. Das hat sich Ihre Mannschaft beim 3:0-Sieg über RB Leipzig wohl auch gedacht.

Hoeneß: Ja, das war natürlich unheimlich wichtig. Alle Beteiligten wussten genau, wenn wir dieses Spiel nicht gewonnen hätten – vor allem in dieser deutlichen und dominanten Art und Weise – dann hätten wir keine ruhigen Weihnachtsferien haben können. Hinter RB Leipzig in die Winterpause zu gehen, wäre in der Öffentlichkeit nicht gut angekommen.

Der Sieg hat also nicht nur für drei Punkte, sondern auch für ein frohes und entspanntes Weihnachtsfest gesorgt?

Hoeneß: Absolut. Leipzig kam ja daher und hatte schon jetzt vor, an der Vorherrschaft des FC Bayern zu kratzen. Ich glaube, diesen Versuch haben wir in aller Deutlichkeit zurückgewiesen. Es ist natürlich besonders schön gewesen, dass die Mannschaft eines eindrucksvoll bewiesen hat: Wenn sie mit dem Rücken zur Wand steht und es wirklich drauf ankommt, ist sie in der Lage eine Schippe draufzulegen und Gas zu geben.

2016 war nicht nur für den FCB, sondern auch für Sie ein bewegtes Jahr. Welcher Moment ist für Sie der bedeutendste gewesen?

Hoeneß: Ich kann mich noch ganz genau erinnern, als ich im Januar die Wahnsinnsnachricht von meinen Anwälten erhielt. Sie teilten mir mit, dass die Richterin in Landsberg meine Halbstrafe bestätigt hat. Das war für mich persönlich die allerwichtigste Meldung in diesem Jahr. Denn nur diese Entscheidung hat dazu geführt, dass ich mich im Herbst wieder als Präsidentschaftskandidat des FC Bayern aufstellen konnte. Wäre ich bis Oktober in Haft gewesen, hätte ich mich im November kaum zur Wahl stellen können. So hatte ich von März an viel Zeit, den Leuten zu zeigen, dass ich wieder zurück bin und gesundheitlich und körperlich in der Lage bin, dieses Amt erneut auszuüben. Und ich bin unseren Mitgliedern sehr dankbar, dass sie mich in dieser überzeugenden Art gewählt haben. Bei einem Ergebnis von 60 oder 70 Prozent wäre ich sicher sehr nachdenklich geworden. Aber diese unglaubliche, überwältigende Mehrheit hat mich unheimlich stolz gemacht.

War dieser Abend das Sahnehäubchen auf Ihren persönlichen Jahresrückblick?

Hoeneß: Ohne unsere Mitglieder wäre ich zu dieser Wahl ja gar nicht mehr angetreten. Hätten sie mich 2014 auf der außerordentlichen Mitgliederversammlung nicht so gefeiert, hätte ich mich in diesem Jahr gar nicht mehr zur Wahl aufgestellt. Dieser Abend hat das Tor geöffnet für meine erneute Bewerbung um das Präsidentenamt. Unsere Mitglieder und ihr Zuspruch waren für mich die treibende Kraft, um noch einmal zurückzukehren.

Uli Hoeneß: Es muss alles getan werden, um die AfD-Politiker zu entlarven

In diesem Jahr hat sich auch außerhalb Münchens viel ereignet: Durch die deutsche Politik geht ein Ruck, in Amerika ist Donald Trump zum Präsidenten gewählt worden, der Terror in Europa ist kurz vor Weihnachten endgültig in unserem Land angekommen. Was stimmt Sie besonders nachdenklich?

Hoeneß: Die große Überraschung in diesem Jahr ist für mich, dass man Umfragen nicht mehr richtig trauen kann. Viele Personen in der Politik, die sich nur oberflächlich mit der Bevölkerung beschäftigen, wissen nicht, was die Menschen wirklich denken. Nur diese Tatsache lässt den Schluss zu, dass eine Partei wie die AfD überhaupt zu solchen Wahlerfolgen kommen konnte. Eine Partei, die so tut, als würde sie den Finger in die Wunde legen. Aus meiner Sicht haben sie bis heute allerdings noch keine einzige Alternative aufgezeigt. Für mich zählen ihre Politiker auch nur zu den Besserwissern, nicht den Bessermachern. Ich bin der Meinung, dass alles getan werden muss, um diese Leute zu entlarven.

Wer hat aus Ihrer Sicht die Kraft, dies zu tun?

Hoeneß: Die richtigen Politiker sind aufgerufen, sich mit den Menschen, mit deren Sorgen und Nöten intensiver zu beschäftigen. Sie müssen wissen, was die Menschen bewegt. Und die Ursachen dafür sind einfacher zu untersuchen, wenn man sie denn kennt.

2017 steht die Bundestagswahl an. Blicken Sie gespannt oder mit Sorge in den Herbst?

Hoeneß: Selten war eine Bundestagswahl wichtiger als die kommende, weil es eine richtungweisende wird. Es kommt sehr darauf an, ob die etablierten Parteien wie die CDU/CSU, die SPD oder auch die Grünen in der Lage sind, die Wähler zurückzuholen, die sie in den vergangenen Landtagswahlen verloren haben. Es ist sehr wichtig, dass wir in Europa keine rechten Mehrheiten kriegen. Deswegen wünsche ich mir, dass die etablierten Parteien die Bürger vernünftig vertreten.

Muss vielleicht auch mal ein Ruck durch die Bevölkerung gehen, damit das Miteinander wieder stärker als das Gegeneinander wird?

Hoeneß: Ich glaube sowieso, dass es einen Schwenk in der Gesellschaft geben wird und die Werte wieder wichtiger werden. Dass man zusammenrückt, dass Freundschaften und Beziehungen wieder enger werden. Das Miteinander sollte nicht daraus bestehen, stundenlang in sein Smartphone zu glotzen, sich von irgendwelchen Schlagzeilen – die teilweise unqualifiziert dahergeschrieben werden – leiten zu lassen und darüber zu reden. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen ihre Smartphones mal weglegen und sich wieder miteinander unterhalten. Dass sie die Probleme unserer Gesellschaft mit ihrem Empfinden diskutieren und sich nicht von infiltrierten Nachrichten lenken lassen.

Warum werden wichtige Werte einer Demokratie wie Freiheit, Gerechtigkeit oder Toleranz immer unwichtiger in unserer Gesellschaft?

Hoeneß: Weil viele Menschen sich nur noch über Schlagzeilen informieren und dementsprechend oberflächlich diskutieren. Die Gesellschaft kratzt sich heute zu oft nur an der Oberfläche, informiert sich in der Tiefe aber viel zu wenig, um eine eigene Meinung zu gewissen Dingen zu haben.

Uli Hoeneß: Wir müssen es schaffen, die Angst vor dem Terror wieder kleiner werden zu lassen

Ist das vielleicht der Hauptgrund, weshalb die politische Mitte gefühlt immer kleiner wird und die Menschen immer näher an den Rand rücken?

Hoeneß: Das ist ein Grund, glaube ich. Es hängt aber vor allem mit der aktuellen Lage zusammen – nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Wir brauchen wieder mehr Frieden. Wir müssen es schaffen, die Angst vor dem Terror wieder kleiner werden zu lassen.

Wie ist das machbar?

Hoeneß: Ich sehe es zum Beispiel als großes Problem, dass wir Deutschen Russland so extrem kritisieren und so herabwürdigend zur Seite schieben. Mir ist durchaus bewusst, dass in Russland nicht nur Wohltäter arbeiten und Samariter beschäftigt sind, aber ich glaube, dass es klug wäre, sich zusammen mit den Russen und Amerika den Problemen dieser Welt anzunehmen. Wenn diese drei Mächte – Europa, Amerika und Russland – zusammenarbeiten würden, wären viele Probleme schnell lösbar. Tun sie es nicht, wird die derzeitige Situation, die bedauerlicherweise ständig eskaliert, nicht besser werden. Und gerade in Deutschland gibt es seit Jahren eine große Anti-Russland-Stimmung, die ich für völlig falsch halte.

Glauben Sie, dass sich unsere Gesellschaft wieder in eine andere Richtung bewegen würde, wenn auf der Welt Frieden herrscht?

Hoeneß: Die Politik kann für den Frieden auf der Erde sorgen, aber ob sich die Gesellschaft verändert, liegt an jedem Einzelnen. Das kann eine Regierung nicht vorschreiben. Ich glaube, wir alle müssen uns in unserem privaten Umfeld wieder auf Dinge besinnen, die wichtig sind. Zuverlässigkeit beweisen, Freundschaften pflegen, Familien zusammenhalten, Jugendlichen eine gute Zukunft bieten - das sind Aufgaben, die wir selbst von uns einfordern müssen. Und um nachhaltig etwas zu verbessern, muss man bei der Kindererziehung anfangen. Sich Zeit für die Kleinen nehmen, statt sie in die Kita zu bringen, wenn es nicht sein muss. Kindererziehung ist Fronarbeit, keine Frage. Aber das ist trotzdem eine Aufgabe, die ich sehr wichtig finde – auch wenn damit manchmal der Verlust auf andere schöne Dinge im Leben mit einhergeht.

Uli Hoeneß: „Leute, die miteinander reden, führen keine Kriege“

Wie viel Verantwortung kann gerade bei der Entwicklung von jungen Menschen ein Verein wie der FC Bayern übernehmen? Vor allem was Werte, Integration oder Perspektiven angeht...

Hoeneß: Das kann der Fußball nicht leisten. Er kann Hilfestellungen geben, zum Beispiel bei der Völkerverständigung, indem er völlig unpolitisch Menschen verschiedenster Nationen zusammenbringt. Die EM in Frankreich war dafür ein tolles Beispiel. Die Menschen haben zusammen gefeiert, miteinander gesprochen und füreinander Verständnis aufgebracht. Dadurch sind eine Menge Freundschaften entstanden. Ich sage immer: Leute, die miteinander reden, führen keine Kriege.

Was möchten Sie in Ihrer neuen Amtszeit leisten? Reizt Sie eine Aufgabe noch besonders?

Hoeneß: Ich muss niemandem mehr etwas beweisen. Ich habe keine spektakulären Projekte im Kopf, um mich anschließend dafür feiern zu lassen. Ich möchte der Patron dieses Vereins und ein Präsident für alle sein. Ich möchte für die Fans da sein, ihre Sorgen ernst nehmen und ansprechbar sein – deshalb werde ich auch die Präsidentengespräche wieder einführen. So haben die Mitglieder die Möglichkeit, mir ihre Probleme persönlich darzulegen. Und ich werde auch den Spielern in Erinnerung rufen, dass wir unsere tägliche Arbeit für die Fans tun, denen wir dienen müssen. Den Mitgliedern gehört der Verein, den Zuschauern unsere Gunst.

Das klingt simpel, ist aber in den Zeiten der Globalisierung gerade für einen Verein wie den FCB gar nicht so einfach...

Hoeneß: Trotz der Globalisierung dürfen wir nicht vergessen, wo wir herkommen. Diesen schwierigen Spagat gilt es zu meistern. Unsere Wurzeln liegen in Waldkraiburg, Deggendorf und Freyung.

2017 geht es für Sie beim FC Bayern neben Titeln dann vor allem darum, die Vereinskultur und das Zusammengehörigkeitsgefühl wieder zu bestärken?

Hoeneß: Wir sind ja nicht nur für das Tagesgeschäft dieses Vereins verantwortlich. Ich werde jetzt 65 Jahre alt, Karl-Heinz (Rummenigge, Anm. d. Red.) ist 61 - unsere wichtigste Aufgabe ist es, den Verein personell in die Zukunft zu führen. Nicht nur im Spielerbereich, sondern auch in der Führungsetage. Wir müssen den Verein fit für die Zukunft machen, da gilt es in den nächsten Jahren gut überlegte Entscheidungen zu treffen. Wir müssen die Generation heranführen, die unseren Verein in den nächsten 15-20 Jahren führt.

Interview: Sven Westerschulze

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Quelle: tz

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