Salihamidzic vorgestellt

Neuer Sportdirektor: Bayern wählt die optimistische Lösung

Mit Hasan Salihamidzic als neuem Sportdirektor hat der FC Bayern eine überraschende Personalie gestellt. Der Verein wählt eine optimistische Lösung.

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München – Die Flaschen, die vor jedem Platz auf dem Podium im Presseraum der Säbener Straße stehen, sind immer komplett voll. Eigentlich sollte man sich mal den Spaß erlauben, auf das Ablaufdatum zu schauen, denn Cola, Wasser und (alkoholfreies) Bier sind bereits seit mehreren Spielzeiten unangetastet an denselben Plätzen positioniert. Aber man achtet normalerweise halt auch nicht wirklich auf diese Getränke, die keinen anderen Zweck haben, als ein Logo in Kameras zu präsentieren. Am Montag, als auf diesem Podium Hasan Salihamidzic Platz nahm und sich zu seiner Rechten Karl-Heinz Rummenigge und zu seiner Linken Uli Hoeneß niederließen, standen sie irgendwie herrlich symbolisch.

Denn die überraschende Verpflichtung des eigentlichen Markenbotschafters des FC Bayern als neuen Sportdirektor begründete Vorstandsboss Rummenigge mit den Worten: „Hasans Glas ist immer halbvoll und niemals halbleer.“ Und trotzdem startet man so einen Job als Berufs-Neuling doch lieber mit einem bis zum Anschlag gefüllten Gefäß. Denn auch wenn sich die Bayern trotz der Lösung, die nicht allen einleuchtet, im Optimismus üben: Man muss sich darauf einstellen, dass der ehemalige Mittelfeldspieler ohne Manager-Erfahrung hier und da ein bisschen Wasser verschütten wird – er muss noch lernen.

Salihamidzic bekommt maximale Macht

Man hat sich beim FC Bayern für „learning by doing“ entschieden und den 40-Jährigen bis zum 30. Juni 2020 mit „allen Verantwortungen und Vollmachten“ ausgestattet, die er in seiner Position braucht. Sichtlich stolz war „Brazzo“ am Montag, aber auch sichtlich bemüht, nicht mehr ausschließlich als gut gelaunter Botschafter rüberzukommen. „Ich sehe mich nicht als Notlösung“, stellte er klar und bezeichnete den Arbeitsvertrag, den er erst heute unterschreiben wird, als „Familienanschluss. Ich trage die Bayern-DNA in mir.“ Nur als die Frage nach seinen konkreten Aufgaben kam, gab er lieber an Rummenigge ab. Der predigte wie schon in den letzten Wochen: „Er soll ein Bindeglied zwischen Mannschaft und Trainer und Vorstand sein. Und er wird sich um Scouting und auch den Nachwuchs kümmern.“

Ein Platz im Vorstand ist nicht vorgesehen, „vielleicht in zwei bis drei Jahren“, sagte Salihamidzic lachend. Trotzdem ist der Bosnier nur Klubchef Rummenigge unterstellt und fungiert sogar als Vorgesetzter des Technischen Direktors Michael Reschke. „Bei jeder Vertragsverhandlung“, sagte Hoeneß, „wird er am Tisch sitzen.“ Die Entscheidung, bestätigte Rummenigge, „haben Uli und ich uns ziemlich schwer gemacht“. Er versicherte: „Das war kein Schnellschuss!“ Bereits vor einigen Wochen, lange bevor Salihamidzic im PR-Tross mit nach China aufbrach, sei die Personalie besprochen worden.

Platzhalter für Lahm? Mitnichten

Rummenigge sei als Erster auf die Idee gekommen, berichtete Hoeneß. Der Präsident selber habe „eine Nacht darüber schlafen müssen, aber dann hat es Klick gemacht“. Unisono bestätigten die Bosse: „Hasan ist genau das, was wir brauchen.“ Kein Philipp Lahm, kein Max Eberl, sondern ein Mann, „der das Vertrauen von Spielern, Vorstand und Fans hat“, sagte Hoeneß: „Manchmal hat man das Glück, dass später noch eine bessere Lösung kommt.“

Der Name Salihamidzic war erst am Montag zu hören, unter den ersten Kandidaten auf den seit dem Rückzug von Matthias Sammer vakanten Posten war der Champions League-Sieger von 2001 nicht. Überzeugt hat die Art, in der Salihamidzic seit Anfang des Jahres seiner Position als Markenbotschafter nachging: „Er ist ein integer, fleißiger, seriöser, loyaler und ausgeschlafener Mann. Er hat ein großes Netzwerk, wir haben totales Vertrauen“, sagte Rummenigge.

Die Bosse waren am Montag bemüht, ihre Lösung offensiv zu verteidigen. Der Gedankengang ist klar: Salihamidzic, der als Flüchtling einst nach Deutschland kam und fünf Sprachen spricht, soll Trainer Carlo Ancelotti im internationalen Kader zur Seite stehen, sich um das Wohl der Spieler kümmern, Probleme benennen und lösen. „Ich werde 24 Stunden und sieben Tage die Woche für die Spieler da sein. Aber unter Männern muss man ehrlich sein. Es wird Situationen geben, in denen ich handeln werde“, sagte er. Der neue Weg – Nachwuchs statt 100-Millionen-Transfers – soll mit ihm gelingen.

„Brazzo“ als entscheidender Faktor

Eine erste Ansprache in der Kabine hat es bereits am Montag gegeben, laut Rummenigge wurde „Beifall geklatscht“. Auch Ancelotti, der am Montag Mittag davon gesprochen hatte, dass „im letzten Jahr ohne Sportdirektor nichts gefehlt“ habe, sei von der Idee begeistert gewesen. Rummenigge: „Hasan ist dieses Mosaiksteinchen, das uns gefehlt hat. Es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn wir in diesem Jahr keinen Erfolg haben.“ Heute beim Audi Cup wird Salihamidzic das erste Mal auf der Bank Platz nehmen. Dort sieht er sich, dort sieht ihn auch Hoeneß, der ihm ohnehin als Vorbild dient.

Es hörte sich alles gut an am Montag, und trotzdem ist man sich bewusst, dass die überraschende Lösung Risiken birgt. Der FC Bayern ist kein Klub, bei dem die Flaschen bzw. Gläser immer ganz voll sind.

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